Wolfgang Rihms Jagden und Formen
Das notabe.ensemble in der Tonhalle
Als das rhythmische Händeklatschen durch die gewaltige Kuppel der Tonhalle hallte, beginnt eine musikalische Expedition, die keinen Kompass kennt. Das notabu.ensemble neue musik, 1983 als studentische Initiative am Robert-Schumann-Institut in Düsseldorf unter der Mentorenschaft des Komponisten Günther Becker (1924-2007) gegründet, hat sich unter der kontinuierlichen Leitung von Mark-Andreas Schlingensiepen zu einem Ensemble von überregionaler Bedeutung entwickelt. Seit seinem ersten Konzert in der Rotunde der Tonhalle beeindruckt der in variabler Besetzung auftretende Klangkörper durch technische Präzision, intellektuelle Durchdringung komplexer Partituren und hochvirtuose Klanggestaltung. Diese Qualitäten erwiesen sich als ideale Voraussetzungen für die Interpretation des radikalen Orchesterstücks „Jagden und Formen" von Wolfgang Rihm, der im Sommer des letzten Jahres verstorben ist. Unter der kosmischen Wölbung des ehemaligen Planetariums entfaltete das Ensemble eine labyrinthische Klanglandschaft von atemloser Raserei, deren Horizont sich mit jedem Takt verschiebt – ganz im Sinne von Rihms komplexer, vielschichtiger Komposition.
Klingender Nachruf auf Wolfgang Rihm
Was vor einem Jahr noch als regulärer Programmpunkt geplant worden war, trägt nun die schwere Bedeutung eines Nachhalls, seit Wolfgang Rihms Stimme verstummt ist. Mark-Andreas Schlingensiefen, der mit Rihm bei dessen Kuration des Festivals "Ohren auf Europa" eng zusammenarbeitete, verwandelt das aktuelle Konzert dann in einen umso würdigeren Dialog mit dem Abwesenden. Der erste Klangeindruck des Konzerts kommt einem Naturereignis voller dynamischer Bewegung gleich. Wie Wildwasser stürzen die Klänge durch den Raum, finden kurze Ruhebecken, um gleich darauf wieder in Stromschnellen zu münden. Streicher, Bläser, Klavier, Schlagwerk und eine E-Gitarre kommunizieren hier nicht bloß, sondern jagen einander, verstecken sich, tauchen überraschend an unerwarteten Stellen wieder auf. Dabei folgt diese Jagd einer inneren, ja auf ihre Weise auch formstrengen Logik, die man allerdings mehr spürt als versteht.
Rihms zwischen 1995 und 2001 entstandenes Schlüsselwerk existiert in mehreren Versionen und jagt der ultimativen Form nach, die es aber in diesem Work in Progress nie geben wird. Wie ein lebendiger Organismus scheint es sich während jeder Aufführung weiterzuentwickeln, verzweigt sich in ungeahnte Richtungen, kehrt zu vertrauten Motiven zurück, nur um sie neu zu beleuchten.
Ein aktiver, fordernder Prozess für alle Beteiligten
Das alles ließ die Ausführenden in Düsseldorf zur Höchstform auflaufen. Snaredrumschläge werden zu Blitzentladungen, die den Raum elektrisch aufladen. Die Blechbläser antworten mit massiven Klangwänden, während die Streicher filigrane Netze durch diese Labyrinthe weben. Es brauchte aber auch eine Weile, bis das Ensemble auf seinem Weg durch dieses komplexe Terrain seinen inneren Kompass perfekt justiert hatte, denn richtig gut, richtig zupackend und überzeugend wurde es vor allem in der zweiten Hälfte dieser rasanten, kollektiv-virtuosen Tour de Force. Diese beständige Orientierungssuche ist jedoch kein Makel, sondern spiegelt die Herausforderung wider, die "Jagden und Formen" für jeden Musiker und auch jeden Hörer darstellt. Denn auch das Hineinhören in diese verdichtete Klangwelt ist ein aktiver, fordernder Prozess. Hier wäre sicherlich ein vorangestelltes, einleitendes Werk hilfreich gewesen, damit Orchester und Publikum noch besser hätten miteinander warm werden können.
Was diese Komposition von vielen Werken zeitgenössischer Musik unterscheidet: Sie erzählt von der Gleichzeitigkeit des Verschiedenen. Jedes Instrument behält seine Identität und fügt sich dennoch in ein größeres Ganzes ein. Keine Stimme wird gleichgeschaltet, jede trägt ihre Eigenheiten zum kollektiven Klangerlebnis bei. Im besten Sinne ein demokratisches Werk, das Pluralität nicht nur zulässt, sondern voraussetzt – eine Philosophie, die auch die mittlerweile 40-jährige Geschichte des notabu.ensembles prägt.
Am Ende blieb nur Staunen
Unter der Sternenkuppel der Tonhalle entfaltet sich somit nicht nur ein Konzert, sondern eine soziale Utopie in Klangform. Während draußen eine Gesellschaft nach Orientierung sucht, demonstriert Rihms Komposition, wie Vielfalt zur Stärke werden kann, wie Individualität und Gemeinschaft keinen Widerspruch bilden müssen.
Als der letzte Ton verklungen ist, bleibt ein Gefühl des Staunens. Über einen Komponisten, dessen musikalisches Universum noch lange nicht vollständig erkundet ist. Über ein Ensemble, das sich mutig in unbekannte Klangterritorien vorwagt. Und über ein Werk, das wie ein lebendiger Organismus zu atmen scheint – selbst jetzt, da sein Schöpfer verstummt ist.