WDR Bigband meets Hanno Busch meets Anna Luca
Ein großer Abend mit Aufbruchscharakter
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper
Gelsenkirchen glüht
Die WDR Big Band feiert mit Jazzpreisträger Hanno Busch und Sängerin Anna Luca eine denkwürdige Premiere in der Heiligkreuzkirche
Von Stefan Pieper
Es war ein großer Abend für die WDR Big Band, für den Gitarristen Hanno Busch und die Sängerin Anna Luca . Ebenso für die Konzertreihe FineArtJazz und last but not least für den Kulturstandort Gelsenkirchen. Denn beim gemeinsamen Konzert in der Heiligkreuzkirche lag Aufbruchstimmung in der Luft. Der Anlass: Im Rahmen der alljährlichen Preisträgerkonzerte zum WDR Jazzpreis gastierte die WDR Big Band unter der Leitung von Jörg Achim Keller erstmals überhaupt in dieser Stadt und erstmals in Kooperation mit der lokalen Konzertreihe FineArtJazz. Über 500 Menschen erlebten, wie der diesjährige Preisträger Hanno Busch gemeinsam mit Anna Luca und dem Ensemble ein Programm aus exklusiven Arrangements und neuen Kompositionen präsentierte, das so manche Erwartung an einen Big-Band-Abend lustvoll unterlief.
Doch zunächst zum Ort, denn er erzählt bereits eine Geschichte. Wer sich der Kirche im Gelsenkirchener Norden nähert, passiert ein Viertel, das als sozialer Brennpunkt gilt. Es ist vermutlich schierer Zufall, aber das Bild beim Erreichen der Location passt ins Klischee: Blaulichter flackern, Mannschaftswagen der Polizei rücken von einem Einsatz ab – weswegen auch immer. Hinter dem Portal der gewaltigen Art-Déco-Kirche aber lebt eine Gegenwelt, die Bude ist bis auf den letzten Platz besetzt. Kultur als Gegenerzählung in einer Stadt, die solche Leuchtmomente verdient und zu selten bekommt. Dieser Abend macht seinen über 500 Zuhörenden eines plausibel: Jazz ist keineswegs tot – nur wenn man ihn langweilig spielt. Und davon kann hier definitiv nicht die Rede sein.
Es beginnt leise, tastend – und pulverisiert dann mit exklusiv für diesen Abend kreierten Arrangements sämtliche steifen Bigband-Konventionen. Jörg Achim Keller dirigiert die siebzehn Musiker (Musikerinnen gibt es an diesem Abend nicht, da das einzige weibliche Bandmitglied Karolina Strassmayer erkrankt ist) mit Empathie und innerer Ruhe. Statt aufbrausendem Big-Band-Brimborium breitet sich etwas Unerwartetes im Kirchenschiff aus: ein samtiger, fast kammermusikalischer, feingliedrig variabler Klangteppich. Komplex und polymetrisch verwoben, aber nie so, dass man als Zuhörer draußen ist. Die Intensität kommt gewissermaßen von hinten herum. Seidig schimmernde Holzbläser klingen, als hätte Gil Evans seine Freude daran. Gestopfte Trompeten flüstern ihre Linien in die Höhe, im Crescendo schraubt sich ein lang getragenes Saxophonsolo unter die Kirchendecke. Es ist die Kunst der Verfeinerung, bei der die weltweit renommierte WDR Big Band die Nase um einige Längen vorn hat. Das zeigen auch die Kompositionen des Kölner Pianisten Florian Ross , darunter das raffinierte „Kemper Echo Chamber" – cool abgehangene Ästhetik, die bei aller Lässigkeit höchste Klasse verrät.
Vor allem aber ist es ein großer Abend für Hanno Busch . Der in Wuppertal geborene Gitarrist und diesjährige Preisträger ist schlau genug zu wissen, dass man nicht jeden Moment füllen muss. Wer ihn aus Kontexten mit Jan Delay, den Heavytones oder Michael Wollny kennt, erlebt hier einen Musiker in nobler Zurückhaltung. Seine Riffs und Figuren streut er beinahe tastend ein, lässt Töne in der Kirchenakustik nachhallen, bevor er den nächsten setzt. Kein Angeben, kein Gerenne über das Griffbrett – und gerade deshalb hört man ihm zu. In einer Solonummer verdichtet sich sein Können exemplarisch: Über ein Loopgerät schichtet Busch Melodiefragmente, perkussive Texturen und polymetrische Patterns übereinander, bis er sich selbst zur ganzen Band wird. Dieses assoziative, frei fließende Spiel legt er so authentisch hin, dass man keine Genreschublade mehr bemühen möchte. Minimal Music? Funk? Jazz? Einfach Musik – und das zählt.
Es ist nicht der erste große Auftritt für Anna Luca an diesem Ort, sie stand schon beim vorletzten New Colours Festival in der Heiligkreuzkirche auf der Bühne. Die deutsch-schwedische Sängerin beginnt mit einer Ballade in ihrer Muttersprache, ihre Stimme von einer Melancholie durchzogen, die sich wie feiner Nebel über die Reihen legt. Von diesem Augenblick an gehört ihr das Kirchenschiff. Ihre Songs haben mit Jazzstandards nichts zu tun – dafür sind Songwriting und Gesangskunst viel zu persönlich, einem inneren Narrativ verpflichtet, das von einem Ort kommt, an den sich viele andere gar nicht hintrauen. Die Big Band lässt ihren edlen Klangkosmos mit empathischer Sensibilität aufblühen: samtig schwebende Holzbläserfarben grundieren Anna Luca s Welt, zarte Bläsersätze weben sich um ihre Melodien, jedes Stück bekommt Raum zum Atmen. Siebzehn gestandene Musiker nehmen sich komplett zurück für diese eine Stimme – ohne jede Eitelkeit. Der Applaus ist jedes Mal langanhaltend und kommt aus der Tiefe.
Nach der Pause weitet sich das Spektrum. Großartig auf den Punkt kommt ein Duo zwischen Anna Luca und Hanno Busch . Intensiv knistert und kracht es in einer überkochenden Kollektivimprovisation, bei der sich die Combo unter Buschs Federführung zum Quartett verschlankt. Alle Solisten der Big Band machen einen hervorragenden Job – vor allem Pianist und Keyboarder Billy Test, der hochspannend mit Buschs Gitarre dialogisiert.
Für FineArtJazz-Veranstalter Bernd Zimmermann war es eines der bestbesuchten Konzerte seiner Reihe. Der WDR war auf ihn zugekommen, um erstmals ein Jazzpreis-Konzert in Gelsenkirchen zu realisieren – eine echte Kooperation von Beginn an. So wurde dieser Abend zu dem, was seine Aufbruchstimmung versprach: Ein Beweis, dass institutionalisierter Jazz alles andere als verstaubt klingen muss – und dass Gelsenkirchen ein Ort ist, an dem Neues beginnen kann.
Einen Abend später wurde das Konzert in Viersen wiederholt und für den WDR mitgeschnitten. Ab Dienstag, 31.3. ist es in der ARD-Mediathek ansehbar und nachhörbar.

















