Virtuosität traf Emotion
Klaus Paier und Florian Dohrmann bei FineArtJazz
TEXT: Peter E. Rytz |
Klaus Paier und Florian Dohrmann boten beim FineArtJazz im Kunstraum Norten ein poetisch aufgeladenes Duo-Konzert zwischen flirrend virtuosem Akkordeon und volltönendem Kontrabass – Eigenkompositionen und Jazz-Standards von Mingus und Ellington, begleitet von charmant erzählten Entstehungsgeschichten. Musikgeschichte zum Wohlfühlen...
Jazzmusiker gelten gemeinhin als bunte Vögel, die neben ihrer Musik auch aufregende Geschichten zu erzählen haben. Die handeln von Kompositionen und freien Improvisationen, wie sie an welchen Orten mit wem zusammen entstanden sind. Mitunter mit nüchternen Rückblicken auf die Zeitgeschichte, aber immer mit einem augenzwinkernden Charme. Unterhaltungsfaktor und Musikgeschichte inklusive.
Beim FineArtJazz-Konzert des Duos Klaus Paier (acc) & Florian Dohrmann (b) im Kunstraum Norten Gelsenkirchen erzählt der Bassist von einer liegen gelassenen Komposition. Als sich nach mehr als 20 Jahren das David Orlowsky Trio 2019 auflöste, hat er noch eine Komposition für die Klezmer affine Musik des Trios in petto. Was tun, auf dem Weg zu neuen musikalischen Ufern? Der schon vorhandene Titel der Komposition Transylvania erscheint Dohrmann dafür nicht mehr passend. Kurzerhand schreibt er es in Transition um. Er findet sich auf der mit Paier eingespielten, aktuellen CD Inspired Rendezvous wieder.
Traumverlorene Erinnerungen
Im Konzert in Gelsenkirchen spielen sie Eigenkompositionen, ergänzt mit zwei Jazz-Standards von Charles Mingus und Duke Ellington. Ihre Interpretationen von "Fables Of Faubus" und "Caravan" begegnen sich auf Augen(Ohren)Höhe mit ihren eigenen balladesk romantisch sehnsuchtsvollen wie auch mit schroff raunenden Sounds. Morgentau, erzählt Dohrmann, sei ihm wie eine sommerliche, frühmorgendliche Erinnerung zugefallen. Gefühlvolle Bass-Akkorde verbinden sich mit dem Blockflöten-Register des Akkordeons wie auch mit der traumverlorenen Erinnerung an die neuseeländische Golden Bay zu einer Wohlfühloase mitten im Ruhrgebiet in diesem Moment.
Kontrastierende musikalische Intentionen sind dabei Programm. "To Liven Up" von Paier folgt einer Klangvorstellung abseits eingängiger Harmonien. Sonor kratzend, quietschend, finden Bass und Akkordeon eine einvernehmliche Mitte. Fragment, eine Sammlung von Dohrmann-Skizzen, verdichten sich zu einer Erzählung des Alltags eines Musikers. Facetten schwirren durch den Kopf. Musikalische Reste, ein abrufbarer Speicher begleiten ihn, so Dohrmann, ständig. Zu einem in der Rückschau kaum mehr zu benennenden Zeitpunkt drängen sie ins Bewusstsein. Am Ende steht eine Komposition: Fragment.
Oder das Musikinstrument selbst wird im Zusammenhang mit seiner Spieltradition zum Anlass einer Komposition. Akkordeon und Tango bilden so eine Einheit. Paiers musikalische Hommage "Tanguet" an das Instrument und ihre legendären Musiker wie Astor Piazzola, Carlos Gardet oder Dino Saluzzi versammelt die Leidenschaft des Duos in einem besonderen Punkt.
Auch die erzählten Geschichten bleiben in Erinnerung
Flirrende Virtuosität des Akkordeons verbindet sich klangschön elegant mit den volltönenden Saiten des Kontrabasses zu einem poetisch aufgeladenen Duo-Konzert. Aber nicht nur die Musikalität, vollgepackt mit Emotionen, schreibt sich in die Erinnerung dieses Konzertabends ein. Es sind auch die Geschichten, die immer wieder die einzelnen Sets kommentieren und reflektieren. Dohrmanns Komposition "Stayin‘ Home Baby" entdeckt Jazz- und Popgeschichte auf überraschende Weise historisch amüsant. Der Song "Comin' Home Baby", in der Tanzversion von Mel Tormé 1962 bekannt geworden, vielfach gecovert, wird zu einer assoziativen Soundreise.
Alle, die zu diesem Konzert gekommen sind, wären sicher noch länger, auch nach zwei Zugaben geblieben. Stayin‘ Home Baby, not at home but in the Kunstraum Norten.












