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Vielfalt ist Trumpf

Ein Bericht vom Jazz a Liege 2026

Liège, 26.05.2026
TEXT: Christoph Giese | FOTO: Olivier Lestoquoit

Ist es überhaupt noch Jazz was Ibrahim Maalouf in seinem neuen Projekt „The Trumpets Of Michel-Ange“ da so zu Gehör bringt? Die Band des französisch-libanesischen Trompeters ist mit weiteren 5 Trompeten besetzt, einem Saxofon, zwei Gitarren und einem Schlagzeug. Gelegentlich gesellt sich noch eine Tänzerin dazu. Und es wird gleich vom ersten Ton an gefeiert: Eine fröhliche Hochzeitsparty entspinnt sich auf der Bühne des altehrwürdigen, vollbesetzten Le Forum in der Lütticher Innenstadt. Schon beim ersten Stück springt das Publikum hoch, tanzt mit. Arabische Skalen verbinden sich mit Balkan-Brass und das immer mit viel Schwung. Zwischendurch gönnt sich der Bandleader seine Soli auf seiner Vierteltontrompete. Aber hier geht es mit viel Energie und einem wiederkehrenden Leitmotiv in erster Linie um ansteckenden Spaß und die Lust am Leben.

Kassa Overall ist auch so ein Musiker, der Grenzen gerne unbeachtet lässt. Mit seinem Trio mit Bassist und Tastenmann liefert der US-amerikanische Jazzvisionär, Rapper und Drummer in Lüttich ein cooles, jederzeit frisch klingendes, jazz-hiphopiges Set ab, das beide Genres einfach genial miteinander verschmilzt. Zwei weitere Klaviertrios verzücken ebenfalls beim diesjährigen Jazz à Liège und offenbaren wie vielseitig man das klassische Pianotrio mit Klavier, Bass und Schlagzeug interpretieren kann. Der belgische Tastendrücker Bram De Looze zeigt zusammen mit dem deutschen Kontrabassisten Felix Henkelhausen und US-Drummer Eric McPherson im Trio Vice Versa in langen, ausgeklügelten Kompositionen wie man kühle Kreativität, Improvisationen und Elemente der zeitgenössischen Musik in eine zeitlos aufregende Jazzsprache packt, die trotz aller Ideen und Einwürfe schwungvoll vorwärts treibt. Und ein weiteres Klaviertrio mit dem seltsamen, einem Spiel entliehenen Bandnamen Abyss Mesa begeistert ebenfalls. Der Lütticher Pianist Fabian Firioni, Kontrabassist Nic Thys und Schlagzeuger Dré Pallemaerts wandeln zwischen Fantasien über die Musik von Thelonious Monk und eigenen, detailreichen, immer auch überraschenden Stücken des Pianisten und verzückten dabei in jedem Moment.

Pfiffig arrangiert, vielfältig präsentiert 

Zwei junge, singende Französinnen überzeugen in Lüttich ebenfalls. Wer Amy Gadiaga vor anderthalb Jahren schon auf belgischem Boden gehört hat, wird eine Veränderung feststellen. Noch immer hat die Sängerin und Bassistin swingende, pfiffig arrangierte Jazzstandards im Programm. Aber ihre neosouligen, eigenen Stücke hört man jetzt in Lüttich nicht. Schade, denn diese Mischung war reizvoll. Aber auch so sollte man den weiteren Weg dieser Künstlerin mit Wohnsitz in London verfolgen. Was auf jeden Fall auch für Célia Kameni, Französin Nummer zwei am sogar gleichen Abend und im gleichen Konzertsaal, gilt, die sich im Vergleich zu Amy Gadiaga sogar noch vielseitiger präsentiert. Zwischen Ambient, Folk, Pop, Poesie und improvisierten Soundspielereien auf der einen und wahnsinnig gewitzten Interpretationen von Jazzstandards auf der anderen Seite zieht Célia Kameni mit ihrer starken Stimme das Publikum in ihren Bann.

US-Vibrafonist Joel Ross liefert dagegen mit seiner Band ein klinisch-kühles Set ab. Möchte man sich natürlich schon virtuos gespielten Jazz mit so wenig gezeigten Emotionen live lange anschauen? Dann vielleicht doch lieber später am Abend dem Duo des deutschen Pianisten Michael Wollny und seinem französischen Kollegen, dem Sopransaxofonisten Émile Parisien, sein noch frisches Ohr schenken. Denn von den beiden bekommt man Emotionen geboten. In kongenialen, bisweilen komplexen Unterhaltungen, die auch mal ins Vogelwilde ausbrechen, dann aber wieder zu einer Unisono-Linie zurückfinden. Angst vor abstrakten Strukturen? Fehlanzeige.

Von nahöstlichem Duft durchsetzt 

Und dann ist da in Lüttich noch das umjubelte Konzert des israelischen Bassisten Avishai Cohen mit seinem mit jungen, supertalentierten Musikern besetzten aktuellen Quintett. Diese singbaren, traumschönen Melodien seiner von nahöstlichem Duft durchsetzten Jazzmusik – ja, die kennt man schon. Auch wenn an diesem Abend viele Stücke eines demnächst veröffentlichten neuen Albums erklingen. Doch was auch immer Avishai Cohen und Band spielen, sie verzaubern einfach immer, weil sie mit viel Liebe, mit viel Gefühl musizieren. Kann Musik Seelenheil sein? Vielleicht nicht, aber sie kann, wie bei Cohen, der Seele und dem Gemüt ziemlich gut tun.

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