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Viel mehr als Heimatklänge!

Klangzeit-Festival 2015

Münster, 21.02.2016
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper

Die Macher des Klangzeit-Festivals sind erfreulich interdisziplinär aufgestellt. Also werden alle imaginären Grenzen zwischen komponierter und improvisierter musikalischer Gegenwart ignoriert. Erhard Hirt kuratiert ja ohnehin seine ambitionierte Blackbox-Reihe im Cuba - und von genug improvisatorischem Input profitierte auch die diesjährige Klangzeit wieder bestens!

Jene digital-analogen Konfrontationen von Thomas Lehn und Marcus Schmickler ließen in diesem Sinne im Landesmuseum zum Teil den Putz von der Decke bröseln. Thomas Lehn improvisiert so physisch wie es nur geht am oldschool Analog-Syntheziser. Marcus Schmickler, der in Moers so kongenial auf Jaki Liebezeit von Can traf, gehört zu jenen Laptop-Artisten, die mit ihren Sound-Designs und Sample-Attacken die direkte Konfrontation in Echtzeit suchen. Oszillatoren, Modulatoren und Filter laufen heiß, wenn Lehn berserkerhaft Regler und Tasten traktiert, während Schmickler als ruhender Pol das Mysterium der virtuellen Klanggenese hütet. Abgedunkelt ist es im Saal – was absolut Sinn macht, um sich in die quadrofonisch aus allen Richtungen knarzenden, knatternden, schwirrenden und sirrenden Klangereignisse einzuhören und zu -fühlen.

Wenn Lehn seine Regler feinfühlig aufdreht, brechen Frequenzen wie Wellen, derweil Schmickler auf digitalem Wege in diesem tobenden Ozean aus Sound die Strömungen kontrolliert. Den Zustand von Kontrolle hinter sich zu lassen, darum geht es! „Wir kommen hier recht schnell an einen Punkt, wo wir uns selbst verlieren, wo nicht wir Zustände entstehen lassen, sondern diese zu uns kommen!“ – erläuterte Schmickler hinterher im Gespräch ganz subjektiv diesen Prozess.

Für viele Musiker, die heute ihre Ideen elektronisch verwirklichen, sind solche Happenings eine fruchtbare Grundlagenforschung. Und auch der Hörer „erlernte“ fürs eigene Hören etwas dazu, was bei der Rückfahrt vom Konzert im Auto deutlich wurde: In einem die Fahrt untermalenden Minimal-Techno-Stück sprachen die geräuschhaften Elemente in der abstrakten Rhythmik plötzlich eine verblüffend beredte Sprache.

„Heimat“ hatte das diesjährige Motto der Klangzeit in Münster gelautet. Die Annäherungen ans Thema erfolgte in Münster denkbar umfassend. Aufwühlende Textlyrik stand im Zentrum einer Uraufführung von Ulrich Schultheiß: „Colours of my past.“ Die Aufzeichnungen von Flüchtlingskindern bilden einen erschütternden Text über Entwurzelung, Flucht und Vertreibung. Für diese und noch viele weiteren heute relevanten und nachdenklichen Aussagen lieferte das Neue-Musik-Ensemble „Stationen NRW“ die richtigen, ins tiefe Innere treffenden Klangbilder und instrumentalen Gesten. Spektakulär war dabei einmal mehr die engagiert-mutige Art erlebbar, mit der Gudula Rosa auf Blockflöten die künstlerische Avantgarde lebt.

Das erst vor zwei Jahren gegründete Ensemble „Stationen NRW“ geht aus einer guten städteübergreifenden Vernetzung hervor. Vorbildhaft haben sich in vielen Städten „Gesellschaften für Neue Musik“ gegründet – sie steuern jetzt Musikerinnen und Musiker für dieses Ensemble bei. Von solchem Kooperationswillen kann sich auch NRWs Jazzszene eine Scheibe abschneiden.

Die Neue Musik wird wohl nie ein Massenpublikum erreichen, aber ihre Anhänger und Akteure erfreuen sich umso mehr einer lebendigen internationalen Vernetzung. Nach Münster eingeladen wurde der kazachische Nachwuchs-Komponist Rakhat-Bi Abdyssagin, dessen raffiniertes Kammermusikwerk für Marimbafon, Gitarre und Violine von Studierenden der Musikhochschule aufgeführt wurde.

Seltsam war es im Stadttheater Münster schon kurz nach Festivalbeginn zugegangen: Inmitten eines großen Orchesters sitzen Straßenbauer, Schreiner, eine Bäckerin, junge Mädchen in Handwerkskleidung an nostalgischen Schleifsteinen. Was haben nun Handwerker mit einer sinfonischen Aufführung zu tun? Das Klangzeit-Festival in Münster legte in Giorgio Battistellis „Sinfonia da Experimentum Mundi“ einen wahren Geniestreich hin, um das Publikum in die kreative Freiheit von musikalische Gegenwart „abzuholen“. Denn, was zu Anfang noch den leisen Verdacht auf Folklore-Falle aufkommen ließ, entfaltete mit zunehmender Vehemenz eine verblüffend konkrete Musikalität, als sich Klänge des Orchesters mit ebenso lautstarken Aktionen des Hämmern, Sägens, Schleifens zu einem pulsierenden, dramaturgisch höchst zugespitzten Geflecht vereinigten.

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