Bild für Beitrag: Fernes Echo, naher Anschlag | Tigran Hamasyan und Sabeth Perez im Kurhaus
Bild für Beitrag: Fernes Echo, naher Anschlag | Tigran Hamasyan und Sabeth Perez im Kurhaus
Bild für Beitrag: Fernes Echo, naher Anschlag | Tigran Hamasyan und Sabeth Perez im Kurhaus
Bild für Beitrag: Fernes Echo, naher Anschlag | Tigran Hamasyan und Sabeth Perez im Kurhaus

Fernes Echo, naher Anschlag

Tigran Hamasyan und Sabeth Perez im Kurhaus

Hamm, 25.04.2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper

Es gibt Abende, an denen ein Festival seine Mitte findet. Die elfte Ausgabe des Internationalen Jazzfests Hamm fiel in diesem April mit dem 800. Stadtjubiläum zusammen - und während Till Brönner am Freitag mit „Italia" eröffnete und Randy Brecker am Sonntag mit der WDR Big Band beschließen sollte, gehörte der Samstagabend im Kurhaus Bad Hamm einem Pianisten, der keinerlei eitles Brimborium braucht, um den Saal in einen ganz besonderen Zustand zu versetzen. Tigran Hamasyan, 1987 im armenischen Gjumri geboren, betrat die Bühne leise, beiläufig, in sich versunken – eher so, wie wenn man eine Bibliothek betritt. Kein Showgestus – und genau damit war alles gesagt, was an diesem Abend gelten sollte. Und ja - das Kurhaus in seiner weitläufigen Parkanlage hat sich in den letzten Jahren zu einer Konzertadresse entwickelt, an der man als Zuhörer tatsächlich zuhören kann. Und wo das Publikum auch konzentriert zuhört.

Bekenntnis zur Herkunft

Schon nach wenigen Sekunden ist es mucksmäuschenstill. Hamasyan steigt ein in eine Melodie, die sehr alt und sehr fremd zugleich klingt – wohl eines der zahllosen armenischen Volkslieder, wie sie durch fleißige Feldforschungen überall im Land für die Nachwelt gerettet wurden. Hamasyan nimmt das Lied in die Hand wie ein Uhrmacher ein altes Werk: zerlegt es behutsam, befragt seine Einzelteile, legt modale Schichten darunter. Das ist keine Paraphrase, sondern ein Bekenntnis zur Herkunft. Hamasyan, der seit einigen Jahren wieder in der armenischen Hauptstadt Yerewan lebt (überdies gilt Yerewan als eine der ältesten Städte auf diesem Planeten!), will an diesem Abend weniger der globale, progressive Gegenwartsmusiker sein, was ja auch gerade wieder sein jüngstes Album demonstriert. Hier auf der Bühne, ganz akustisch und ohne PA ist er vor allem armenischer Musiker und damit Sachwalter einer fünfzehnhundertjährigen Überlieferung, zu der auch diese typischen Tetrachord-Strukturen zählen, über die er beim Konzert in Hamm ausgiebig improvisiert.

Das zweite Stück nimmt den Gestus noch weiter zurück. Er greift zum Gesangsmikro und ab jetzt wird die eigene Stimme zweiten Resonanzraum seines Klaviers. Ein halbliturgisches Vokalisieren, das sich um die Melodie legte wie ein zweites Licht. Man hörte nicht mehr nur einen Pianisten, sondern einen alleingestellten kleinen Chor: Klavier, Stimme, perkussive Vokalatmung.

Über weite Strecken scheint er nur mit den Fingerspitzen zu arbeiten, filigran, hochsensibel, von unwahrscheinlicher Detailschärfe; dann wieder wächst aus ostinaten Figuren der linken Hand jene kontrollierte Ekstase, für die er bekannt ist. Seine asymmetrischen Metren – 5/4, 9/8, ausgedehnte zusammengesetzte Zyklen, in denen sich zwei rhythmische Schichten wie ungleich gezahnte Räder umeinander drehen – das alles ist sensationell und dabei nie artifiziell. Mitten im tänzerischen Übermut fällt die Musik in choralartige Ruhe zurück.

Zwei Stimmen, zwei Kontinente

Die zweite Hälfte brachte eine weitere Stimme ins Spiel: Sabeth Pérez, die deutsch-argentinische Sängerin mit Kölner Wurzeln, trat hinzu – und niemand hätte vorher vermuten können, wie organisch diese Begegnung aufgehen würde. Mit jener seidigen Präzision und kristallinen Klarheit, für die sie in der NRW-Szene seit Jahren geschätzt wird, legt sich ihre Stimme in Hamasyans Klanggewebe. Ihre Vokalisen sind nicht nur „Gast“, sondern werden zum Pendant auf Augenhöhe. Schließlich trugen sie gemeinsam einen südamerikanischen Song vor – ein Moment, in dem armenische Hochebene und argentinisches Liedgut nicht kollidierten, sondern einander überraschend zuhörten.

Am Ende gab es lange, stehende Ovationen. Was Hamasyan und seine künstlerische Partnerin auf der Bühne vorgelegt haben, war eine konsequente, hochsensible Innenreise, die schließlich von armenischer Liturgie bis zum südamerikanischen Kontinent reichten. Denn Jazz ist heute mehr denn je nicht mehr ein Stil, sondern eine Haltung, die immer mit zeitlicher und räumlicher Öffnung zu tun hat.

Bild für Beitrag: Fernes Echo, naher Anschlag | Tigran Hamasyan und Sabeth Perez im Kurhaus
Bild für Beitrag: Fernes Echo, naher Anschlag | Tigran Hamasyan und Sabeth Perez im Kurhaus
Bild für Beitrag: Fernes Echo, naher Anschlag | Tigran Hamasyan und Sabeth Perez im Kurhaus
Bild für Beitrag: Fernes Echo, naher Anschlag | Tigran Hamasyan und Sabeth Perez im Kurhaus
Bild für Beitrag: Fernes Echo, naher Anschlag | Tigran Hamasyan und Sabeth Perez im Kurhaus
Suche