Alles ist Bühne
Starke Eindrücke vom Festivalauftakt in Bozen
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper
Das Südtirol Jazzfestival Alto Adige läuft noch bis zum 5. Juli und verwandelt das gesamte Land erneut in eine weit verzweigte Bühne für zeitgenössischen Jazz und experimentelle Musik. Bereits das Auftaktwochenende in Bozen zeigte, dass es hier nicht um einzelne Konzerte geht, sondern um ein musikalisches Gesamtereignis, das Stadt, Landschaft und Klang ineinander verschiebt. Der NOI Techpark wird dabei zum emblematischen Ort eines Festivals, das sich konsequent zwischen Alltag und Ausnahmezustand bewegt.
Es ist diese eine Stunde am Abend, in der die Tageshitze noch in den Betonflächen des Bozner NOI Techpark steht und der Himmel über den Bergen zu glühen beginnt. Mitten in einem flachen Wasserbecken stehen drei norwegische Schlagzeuger auf kleinen Podesten: Gard Nilssen, Hans Hulbækmo und Håkon Mjåset Johansen. Hineinspringen lohnt nicht, dafür ist das Wasser zu seicht. Doch ihr Zusammenspiel entwickelt einen eigenen Sog: Sie verweben ihre Rhythmussprachen zu einem einzigen Puls – drei Individualitäten, die ihr Spiel mit der Atmosphäre ringsum verschmelzen lassen. Auf der Bergkette über dem Stadtteil leuchten mächtige Haufenwolken orange in der Abendsonne.
Eben noch prägt die ausgelassene Stimmung des Begrüßens und Wiedersehens das Geschehen. Der Hochsommer, der gleich zu Beginn schon alles gibt, wirkt bei diesem Open Air wie ein mächtiger Mitspieler.
Ein Preis als Rückenwind
Vor der Musik auf der Hauptbühne stand der offizielle Auftakt – und der machte deutlich, welches kulturpolitische Gewicht diese im Alpenraum wohl einzigartige Veranstaltung besitzt. Mit dem 15. EJN Award for Adventurous Programming würdigte das Europe Jazz Network die kompromisslose Programmpolitik, die von Bozen ausgeht. Entsprechend überschwänglich fielen die Lobesworte der anwesenden EJN-Vertreter aus. Den größten Publikumsapplaus erhielt jedoch Klaus Widmann, der das Festival über zwei Jahrzehnte zu einem Magneten für europäischen Gegenwartsjazz geformt hatte, bevor er die Leitung 2023 an Stefan Festini Cucco, Max von Pretz und Roberto Tubaro übergab. Dass das Land Südtirol, Gemeinden, Stiftungen und Sponsoren als tragende Säulen auftreten, steht zugleich die kulturpolitische Bedeutung und Wertschätzung dieses Festivals Hier hält die öffentliche Hand einer unbequemen Kunstform den Rücken frei – und schafft damit erst jene Freiheit, aus der ein solches Programm entstehen kann. Davon könnte sich Deutschland derzeit manches abschauen.
Sechzehn Köpfe, ein Organismus
Jetzt aber zur Musik – und die ging sofort in die Vollen. Das Gard Nilssen Supersonic Orchestra, sechzehn Köpfe stark, heißt so, wie es klingt. Oder klingt es so, wie es heißt? Vor allem fragt man sich, wie sämtliche Beteiligten bei dieser Tropenhitze die enorme körperliche Leistung dieses Powerplays stemmen – und grinst mit Bandleader Gard Nilssen einfach mit, weil die Antwort offenbar pure Lust auf Musik ist. Einzelne Höhepunkte gibt es nicht - alles bewegt sich permanent auf höchstem Niveau. Trotzdem bleiben die dicht gebündelten Klangströme transparent, während sich die Vokalisen einer Sängerin immer wieder über das schwer atmende Blech legen. Das hier ist kein Big-Band-Revival, sondern ein lebendiger Organismus aus dem Heute: Die Komposition gibt die Anziehungskraft vor, die Bewegung entsteht aus der Improvisation. Drei Schlagzeuge und drei Kontrabässe spannen den Puls über die gesamte Bühne – ganz ohne Klavier oder Gitarre. Dieses Konzert stellt klar: Das Supersonic Orchestra stellt derzeit klar, wo der Hammer hängt in Sachen zeitgemäßen Large-Ensemble-Spiels.
Magnet bis in die Nacht
Dass Sitzreihen und Liegestühle im NOI-Park bis auf den letzten Platz besetzt sind, beantwortet die Frage, ob Avantgarde ihr Publikum findet, eindeutig. Danach verlagert sich der Abend in den Keller des Batzen Sudwerk, wo vor allem junges Publikum hinabströmt. Den Schlusspunkt setzt Elektro Guzzi: Das Gitarren-Bass-Schlagzeug-Trio spielt seinen Techno nicht vom Computer, sondern live, minimalistisch und unbeirrt, bis kaum noch Energie in den Raum passt. Die Umkehrung ist reizvoll: Hier wird nicht Akustisches elektrifiziert, sondern elektronische Musik kehrt in die Hände der Musiker zurück.
Am nächsten Vormittag, um elf Uhr, vollzieht sich in einem Minigolfpark jene Verwandlung eines Freizeitorts, für die das Festival berühmt ist. Das Quartett Iacovella/Ricci/Diodati/Goller lässt vertraute Songformen hinter sich und fügt Bruchstücke zu etwas Eigenem zwischen Post-Rock und freier Improvisation. Harscher Noise trifft auf schwebende Klänge, die alle ins Raumschiff mitnehmen, polterndes Schlagzeug auf die Kunst tiefer Empfindung. Mittendrin Ruth Goller an Bass und Stimme: in Brixen geboren, in London zu einer prägenden Figur der dortigen Jazz-Renaissance geworden (Acoustic Ladyland, Melt Yourself Down).
Sonic Reactions
Am Abend kehrt Goller zurück, nun als eine Teilnehmerin bei den Sonic Reactions: Hier geht es um spontane Duo-Begegnungen im uralten Kellergewölbe des Waaghauses, bei denen sich Musiker erstmals und ohne Absprache begegnen. Mit dem deutschen Schlagzeuger Lukas Akintaya findet sie auf einer geschmeidigen Welle zu ihm. Die Musik fließt und wird lyrisch, als beide zu singen beginnen, ehe Eruptionen, Trommelfeuer und Drones hereinbrechen. Goller lässt den Sound strömen und ersetzt damit ganze Melodien, während Akintaya zum extrem aktiven Zuhörer wird. Dreißig Minuten, in denen ein Duo mit offenem Geist die Möglichkeiten des Klingens auslotet.
Das Finale des frühen Abends gehört der ganzen Stadt. Mitten auf dem Waltherplatz, unter freiem Himmel und für alle offen, spielt das Goran Kajfeš Subtropic Arkestra. Die Abendhitze hätte man kaum passender vertonen können. Der schwedische Trompeter hat Hochkaräter der nordischen Szene um sich versammelt, die Spuren türkischer, westafrikanischer und brasilianischer Musik mit großer Ausgelassenheit verweben. Atmosphärisch dichte Musik, sorgfältig austariert, groovend und von solistischer Klasse. Wärmende Klänge, die über den Platz strömen - und selbst in den Straßencafés am Rand hören die Menschen ganz selbstverständlich mit.
Jazz ist Punk
Vorbei ist der Abend damit nicht. Um 23 Uhr zieht es das Festival ein zweites Mal in den Keller des Batzen Sudwerk. „Jazz ist Punk“ scheint der Slogan zu sein, mit dem Sera Kalo ernst macht. Die karibisch-amerikanische, in Berlin lebende Sängerin und Bassistin, 2025 mit dem Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet, liefert mit ihrer Band ex.II eine aufbegehrende Performance, die zugleich verletzlich bleibt. Spoken Word ist ihr Werkzeug, Jazz das Trägermedium. Auf der Bühne entsteht ein Spannungsverhältnis aus Zärtlichkeit und Anklage. Diese Mischung verströmt zugleich eine gesellschaftliche Wucht, die den ganzen Keller erfasst – ein intensiver Monolog über feministische und politische Themen, getragen von einer versierten Band: Marius Max am Saxofon, Sofia Eftychidou am Kontrabass und – schon wieder – Lukas Akintaya am Schlagzeug.
Künstlerische Freiheit braucht Räume, Vertrauen und den Mut zum Risiko. Genau daraus schöpft das Südtirol Jazzfestival Alto Adige seit Jahrzehnten seine besondere Strahlkraft weit über die Alpen hinaus – und das noch bis einschließlich 5. Juli 2026.












