STARS & TALENTE BEIM FUNCHAL JAZZ
GROßE VIELFALT AUF DER ATLANTIKINSEL MADEIRA
TEXT: Christoph Giese | FOTO: Carolina Santiago
Zum fünften Mal schon startete das Funchal Jazz Festival schon einige Tage vor den drei Hauptabenden. Dann treffen sich die Jazzfans im kleinen, gemütlichen Stadtgarten von Madeiras Hauptstadt zu Konzertabenden bei freiem Eintritt. An den ersten beiden dieser Abende finden immer die Abschluss-Prüfungskonzerte der Studierenden am Konservatorium statt. Und da hört man durchaus richtig gute Talente, die ihren Weg in den professionellen Jazz auf jeden Fall wagen sollten. So wie etwa die junge Sängerin Isabel Sousa, die bei ihrer Hommage an die ebenfalls noch überhaupt nicht alte US-Sängerin Victoria Swift eine ziemlich gute Figur abgab. Stimmgewaltig, souverän und sehr gekonnt in ihren zahlreichen Scat-Einlagen. Und die Schlagzeugerin Catarina Gonçalves überzeugte ebenfalls ziemlich bei ihrer getrommelten Hommage an die große Jazzschlagzeuglegende Elvin Jones. Diese Prüfungskonzerte mit dem Festival zu verknüpfen ist eine super Idee vom Festivalteam um den Künstlerischem Leiter Paulo Barbosa. Ebenso dass die internationalen Jazzstars während ihrer Zeit auf Madeira tagsüber Masterclasses im Konservatorium geben. Das ist Motivation und sehr spannend für den Jazznachwuchs von der Insel.
Das Duo des aus Madeira stammenden Gitarristen André Santos und des luso-brasilianischen Schlagzeugers Alexandre Frazão traf sich einen Tag vor dem Festival-Auftritt zu Aufnahmen im Tonstudio. Tags darauf auf der Bühne zu hören: Ein Set aus zumeist improvisiertem Material, aber auch mit Referenzen an einen Folksong von der neben Madeira liegenden, kleinen Insel Porto Santo oder einem bekannten Stück des portugiesischen Liedermachers Jorge Palma. Melodien als Startrampen der improvisatorischen Kreativität dieser beiden Künstler, die sich schon lange kennen. Was man hörte. Kreativität verlangt auch ein Instrument wie das Vibrafon. Gleich zwei Vibrafonisten hintereinander mit ihren Bands zum Auftakt der drei Hauptabende des Festivals im großen Santa Catarina-Park auf die große Bühne zu stellen verwunderte auf den ersten Blick. Ein paar Stunden später ergab das seinen Sinn, stellte sich doch zunächst der junge Portugiese Duarte Ventura mit seinem Quintett vor, in dem neben dem Bandleader vor allem Altsaxofonist Miguel Valente sehr zu gefallen wusste. Ventura spielt mit seinen vier Schlägeln sehr nuancenreich in seinen spannenden, modern tönenden Eigenkompositionen, die Individualität und einen vielschichtigen Bandsound perfekt vereinen. Nachzuhören übrigens auch auf dem sehr schönen Debütalbum von Duarte Ventura als Leader, „Blurred Images“. US-Vibrafonist Joel Ross bevorzugt dagegen das Spiel mit nur zwei Schlägeln im Fahrwasser des Modern Mainstream, in dem aber immer auch Einflüsse aus Gospel oder Blues wunderbar zu erleben sind. Auch sein Quartett agiert in Funchal als kompakte, rhythmisch intensive, zeitgemäß tönende Einheit, wenn auch auf Konzertlänge gesehen weniger interessant als Duarte Ventura und seine Band.
Auch der zweite Abend auf der Hauptbühne ließ wieder Vergleiche zu. Dieses Mal waren es zwei US-Saxofonisten, die brillierten. Zunächst der junge, wilde Himmelsstürmer am Altsax, Immanuel Wilkins, mit seinem Quartett, dann der der große Tenorist Joe Lovano im neuen Quartett-Projekt „Explorations“. Wo Wilkins als wendiger, explosiver Bläser agierte, feurigen Souljazz mit Postbop und der Spiritualität eines John Coltrane vermengte, zeigte sich Joe Lovano auf der Atlantikinsel vor allem auch im Wechselspiel mit dem fantastischen, intensiv und rhythmisch raffiniert aufspielenden italienischen Pianisten Antonio Faraò als großartiger Klanggestalter in den gemeinsamen Erkundungen von bekannten Jazznummern. Das war Jazz, der nichts beweisen muss oder will, sondern einfach nur wahnsinnig gut klingt.
Das heimische Jazzorchester, das Orchestra de Jazz do Funchal, darf inzwischen in jedem Jahr mit einem neuen Projekt auf die große Bühne. Dieses Jahr stand Musik von Duke Ellington im Fokus. Die hat das Jazzorchester, verstärkt durch Cracks vom portugiesischen Festland und Madeira wie dem Saxofonisten Ricardo Toscano, dem Gitarristen André Santos und der Sängerin Madalena Caldeira, unter der Leitung des US-Pianisten Jason Moran ein paar Tage lang erarbeitet. Tolle Arrangements, tolle Solisten und mit Madalena Caldeira ein noch junges Gesangstalent, das sich gerade im schweizerischen Basel ihren Feinschliff holt und besonders bei der gefühlvollen, sanft schwingenden Nummer „I Like The Sunrise“ eine ziemlich gute Figur machte. Da blieb der Auftritt von US-Sängerin Ledisi, die sonst ja eher im R&B zu Hause ist, mit ihrer Hommage an die große Jazzstimme Dinah Washington eher blass. Es kann und muss ja auch nicht immer alles gefallen und zünden bei einem ansonsten wieder einmal rundum gelungenen Funchal Jazz Festival.











