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Soundtrack zum Sonnenuntergang

The Dorf verwandelte eine Halde in einen besonderen Ort

Essen, 24.06.2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Kristina Zalesskaya

Wer an diesem längsten Abend des Jahres mitspielen würde, stand bis wenige Stunden zuvor nicht fest. Jan Klare, künstlerischer Kopf des Kollektivs, ließ die Besetzung bewusst offen – so wenig, wie sich Wolken, Wind und Licht eines Sommerabends im Voraus bestellen lassen. Gerade dieses Ungewisse gehörte zum Programm. Die Schurenbachhalde an der Grenze zwischen Gelsenkirchen und Essen ist eine weite Landschaft für sich. Durch blühendes Gestrüpp führt der letzte, unbeschattete Anstieg auf eine kahle Kuppe zu, auf der Richard Serras Stahlskulptur in den Abendhimmel ragt, wie eine weithin sichtbare Landmarke und irgendwie auch Kultstätte. Je näher man kommt, desto deutlicher mischt sich Musik unter die Geräusche der Umgebung. Kaum lässt sich noch sagen, wo das eine aufhört und das andere beginnt.

Fantasiekreaturen feiern mit

Vor Serras riesiger Stahlstele bewegt sich eine kleine Schar von Musikerinnen und Musikern, alle im Stehen; ein paar Batterieverstärker am Boden tun ihren Dienst, mehr Technik braucht es hier oben nicht. Das Spiel ist frei und fließend, im Grunde spielt jeder, was ihm gerade in den Sinn kommt – und doch fügt sich aus der Vielstimmigkeit ein Ganzes. Saxofon, Trompete und Posaune wetteifern hitzig mit der Klarinette, die Klare selbst spielt; die Posaune seufzt und growlt, schrammelnde Gitarrenlicks treffen auf eine naiv-fröhliche Mundharmonika, Trommel und Schellentamburin mischen mit. Es kiekst und jauchzt, schrammelt und scheppert, und es gehlt auch so manche neutönerische Einlage nicht, etwa als Christian Hammer seine E-Gitarre flach auf den Ascheboden legt und sie dort mit allerlei Zeugs bearbeitet. Ein ganzer Schwarm von Fantasiekreaturen scheint mitzufeiern.

Dass dieses scheinbar Hingeworfene trägt, liegt am Können der Beteiligten – versierte Spielerinnen und Spieler, die kein Notenblatt brauchen, dafür umso mehr untrügliches Gespür für die Atmosphäre des Augenblicks haben. Im Kern geht es um nichts weiter, als dem Sonnenuntergang einen Soundtrack zu schreiben. Was herauskommt, klingt warm, humanistisch, voller Leben. Viele aus dem vorbeiziehenden Laufpublikum setzen sich und geben sich dem Spiel hin. Richard Serra, 2024 gestorben, hat Skulptur nie als bloßes Objekt verstanden, das man aus der Ferne betrachtet, sondern als Situation, die man körperlich durchlebt – und genau das löst The Dorf an diesem Abend ein.

Schließlich bleibt nur ein Rest von Farbe

Anfangs stehen Fragmente von Riffs, perkussive Signale und freie Linien noch unverbunden nebeneinander. Doch nach und nach kippt die Atmosphäre: Die Musik wird dichter, wärmer, schwerer, als sänke mit ihr das Licht. Man hört förmlich, wie sich die Farben verändern – aus hellem Gold wird ein sattes Orange, dann ein dunkleres Rot, in dem auch der Stahl der Bramme zu glühen scheint. Die Klangflächen verdichten sich, Bläsercluster lagern sich übereinander, und die Rhythmusgruppe verliert jede Funktion als Zeitmesser; sie wird selbst Teil des atmosphärischen Geschehens. Kein lineares Aufbauen, eher ein allmähliches Absinken in eine andere Schwerkraft. Einzelne Stimmen lösen einander nicht in Soli ab, sondern in Klangzustände, die sich überlagern – dazwischen kurze Rufe wie ferne Kommunikationsversuche in einem sich verdichtenden Raum.

Der Sonnenbald sinkt und das Licht wird satter, tiefer. Die Musik wird nicht lauter, sondern breiter, tiefer, langsamer wahrnehmbar. Der Sonnenball, eben noch am Horizont, sinkt nun sichtbar – nicht abrupt, sondern wie in Zeitlupe; um 21.52 Uhr verschwindet er. Die Energie entlädt sich nicht, sie verdunstet: Die Klangmassen werden weicher, durchlässiger, verlieren ihre Konturen. Schließlich bleibt nur ein Rest von Farbe – ein dunkles, fast violettes Rot, das langsam erlischt. Dann verklingt die Musik. Der Applaus ist herzlich und tief. Dann wird es dunkel, und beim Abstieg glimmen unermüdlich Glühwürmchen im Gras: Pünktlich zum Mittsommer ist auch in diesem Jahr richtig Sommer geworden – ein Sommer, der an diesem Abend seinen Widerhall gefunden hat.

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