Bild für Beitrag: Trance und Widerstand | Yegor Zabelov pflegte den Wall of Sound
Bild für Beitrag: Trance und Widerstand | Yegor Zabelov pflegte den Wall of Sound
Bild für Beitrag: Trance und Widerstand | Yegor Zabelov pflegte den Wall of Sound
Bild für Beitrag: Trance und Widerstand | Yegor Zabelov pflegte den Wall of Sound

Trance und Widerstand

Yegor Zabelov pflegte den Wall of Sound

Gelsenkirchen, 23.04.2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper

Es brauchte nur wenige Minuten, dann hatte dieser Mann den kleinen Raum an der Hagenstraße in einen anderen Aggregatzustand versetzt. Yegor Zabelov, der belarusische Akkordeon-Erforscher, sitzt leicht vornübergebeugt auf seinem Stuhl, klammert sich an sein Instrument wie an eine letzte Gewissheit – und es beginnt zu atmen. Töne, die zunächst kaum zu fassen sind: ein permanentes Oszillieren, ein Wispern im Balg, Repetitionen auf engstem Raum, aus denen er, fast unmerklich, eine Textur formt. Später wird sich dieses Beben zu einer psychedelischen Klangwand aufschichten. Noch aber ist alles leise, konzentriert, gebündelt.

Dass Zabelov überhaupt hier spielen kann, ist keine Selbstverständlichkeit. Aus Belarus floh er nach Polen, wo er bis heute um seinen Aufenthaltsstatus kämpft – er selbst ebenso wie seine Familie. Sein Akkordeon, so erzählt man sich, bekam er einst von einem Fernfahrer - eine Anekdote, die gut passt zu einem Musiker, dessen Biografie sich zwischen Grenzen, Transit und Neubeginn aufspannt. In Gelsenkirchen ist er auf Umwegen gelandet: Ein Spiegel-Journalist hatte ihn beim WOMEX-Festival entdeckt, jener weltgrößten Plattform für globale Musik – und die Multiplikatoren-Kette hat gegriffen und ihn vor allem über eine einzige Szene oder "Nische" hinaus gehoben. Die Spur führte über Moers, überas Tanz- und Folkfest Rudolstadt und das kleine, aber exklusive Haldern Pop Festival bis nach hierher: In diesen wunderbar unprätentiösen Kulturraum in Gelsenkirchen-Buer.

Was Zabelov hier aus seinem Instrument herausholt, hat man in dieser Verdichtung wohl noch nie gehört. Bending-Effekte, Glissandi, Geräuschschraffuren, die sich wie Moose über die Harmonik legen. Zwischendurch trommelt er mit den Fingerkuppen auf die Knopfleisten, bis daraus regelrechte Percussion-Soli werden – archaisch, körperlich, unmittelbar. Und immer dieses permanente Anschwellen und Abebben, das sich auf den eigenen Puls überträgt. Irgendwann legt er kurzzeitig über ein Loop-Gerät eine tiefe Bassschicht, die den Raum wie ein Herzschlag taktet, undbeginnt darüber zu weben: gläserne, filigrane Linien, so zart, als würden feine Streicherfiguren in die Luft gesetzt. Schicht um Schicht, Farbe um Farbe.

Ihm geht es um etwas Tieferes 

Und doch: Zabelov ist kein Effektvirtuose. Das überlassen er anderen, und Akkordeon bietet dafür ja wunderbare Möglichkeiten. Ihm geht es um etwas Tieferes. Um die Erzeugung eines elementaren Urklangs. Keine Prachtentfaltung und niemals eitles Blendwerk und auch keine akrobatische Eloquenz. Stattdessen lebt hier eine kompromisslose Hinwendung zum Klang selbst, zur Physik von Ton und Schwingung. Dieser Musiker geht aufs Ganze und versinkt in einer anderen Welt – nein, korrigiert man sich sofort: er zieht sein Publikum tief mit hinein. 

Aus dem Abstrakten heraus entfalten sich zarte lyrische Momente, die durchschimmern wie verschüttete Erinnerungen. Zabelov lässt sie aufblitzen, nur kurz, und führt sie weiter, bis das Drängen wieder wächst, bis aus den repetitiven Zellen wieder ein starker Sog wird, der sich manchmal bis zum psychedelischen wall of sound steigert. Das alles ist Körper, das alles ist unmittelbar und in keiner Weise Kopfsache. Mehr künstlerische Konsequenz ist kaum denkbar – und gerade weil sich dieser Musiker so radikal ins Klangmaterial hineinbegibt, entsteht dieses große, unverstellte Teilen von Gefühl. Von Empfindungen, für die Worte erst noch erfunden werden müssten, wenn dies überhaupt möglich ist.

Das war ein großer, ein sehr großer Abend in der werkstatt. Man verließ den Raum mit dem Eindruck, einer jener seltenen Begegnungen beigewohnt zu haben, in denen Musik tatsächlich noch etwas riskiert. Yegor Zabelov, dieser stille, hochkonzentrierte Mann, der seinen Weg von Minsk über Warschau bis nach Gelsenkirchen-Buer genommen hat, hat sie möglich gemacht. Ganzheitlich. Kompromisslos. Atemberaubend im wörtlichsten Sinn.

Bild für Beitrag: Trance und Widerstand | Yegor Zabelov pflegte den Wall of Sound
Bild für Beitrag: Trance und Widerstand | Yegor Zabelov pflegte den Wall of Sound
Bild für Beitrag: Trance und Widerstand | Yegor Zabelov pflegte den Wall of Sound
Bild für Beitrag: Trance und Widerstand | Yegor Zabelov pflegte den Wall of Sound
Bild für Beitrag: Trance und Widerstand | Yegor Zabelov pflegte den Wall of Sound
Bild für Beitrag: Trance und Widerstand | Yegor Zabelov pflegte den Wall of Sound
Suche