Bild für Beitrag: Versunken in den Klang | Michel Reis und Matthieu Bordenave bei FineArtJazz
Bild für Beitrag: Versunken in den Klang | Michel Reis und Matthieu Bordenave bei FineArtJazz
Bild für Beitrag: Versunken in den Klang | Michel Reis und Matthieu Bordenave bei FineArtJazz
Bild für Beitrag: Versunken in den Klang | Michel Reis und Matthieu Bordenave bei FineArtJazz

Versunken in den Klang

Michel Reis und Matthieu Bordenave bei FineArtJazz

Gelsenkirchen, 21.04.2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper

Zwei Musiker, ein Raum, ein Abend: Der luxemburgische Pianist Michel Reis und der in München lebende französische Saxofonist Matthieu Bordenave gastierten am vergangenen Freitag auf Einladung der Reihe FineArtJazz in der 1908 errichteten Maschinenhalle am Schacht Oberschuir der ehemaligen Zeche Consolidation, heute als stadt.bau.raum bekannt. Beide zogen ihr Publikum in einen zeitlosen Jazz-Impressionismus hinein, der durch die Raumwirkung dieses Ortes noch eine besondere Verstärkung erfuhr. Der Raum selbst hat etwas Kathedralisches: hoch gewölbt, mit Anklängen an Neugotik und Jugendstil – aus einer Zeit stammend, als Industriebauten eben nicht nur dem Diktat nüchterner Funktionalität gehörten.

Als Bordenave den ersten Ton setzt, begreift man sofort, warum dieser Ort die erste Wahl für die Duobegegnung ist. Sein Saxofon hat hier besondere Möglichkeiten, sich auszubreiten und im besten Sinne zu leben. Ebenso verhält es sich mit der feinsinnigen Klangkultur seines Partners am Flügel. Reis „antwortet" nicht in diesem Duo. Er atmet mit, und gerade in seiner fast asketischen harmonischen Zurückhaltung gewinnt jeder Ton Gewicht. Die Atmosphäre im Saal ist konzentriert, fast andächtig. Wie genau dieses Zusammenspiel funktioniert, lässt sich an einzelnen Momenten ablesen. Da setzt Bordenave eine lange, ruhig geführte Linie an, lässt sie schweben und verklingen – Reis greift nicht den letzten Ton auf, sondern legt eine harmonische Fläche darunter, die das Saxophon erst nachträglich in einen neuen Kontext stellt. Eine Phrase, eben noch in sich abgeschlossen, öffnet sich dadurch in eine andere Richtung. An anderer Stelle umkreisen beide ein einzelnes Motiv: Bordenave variiert es in Mikrointervallen, kaum wahrnehmbar, während Reis dasselbe Motiv harmonisch umfärbt – derselbe Ton bekommt, je nach Akkord, eine andere Bedeutung. Es sind diese fast unmerklichen Verschiebungen, in denen man hört, wie aufmerksam die beiden einander zuhören. Und so verschmelzen Saxophon und Klavier zu einer einzigen, polyphon gefärbten Linie, in der die Frage nach Soloist und Begleiter obsolet wird.

Jazz-Impressionismus 

Die Klangfarbenmalerei, welche Bordenave und Reis unter diesen Bedingungen realisieren, erinnert an das rhapsodische Atmen Debussys. Die Freiheit aber, mit der die beiden ihr Material entwickeln, ist die des Jazz. Dies ist Musik der assoziativen Prozesse; sie braucht keinen Beat, und es fehlt ihr dadurch nichts. Die hohe Kunst dieses Duos liegt nicht zuletzt in der Gabe, auch in den nicht gespielten Tönen hörbar und beredt zu bleiben; so wird auch die Stille zum Klingen gebracht. Es ist eine Dramaturgie, die Vertrauen voraussetzt: jeder Musiker muss wissen, dass der andere die Pause nicht füllt.

Viele der Stücke stammen von Bordenave, der regelmäßig nach Innsbruck fährt, um dort einen Lehrauftrag wahrzunehmen. Der Aufenthalt in der Alpenregion liefert ihm, der aus den französischen Pyrenäen stammt, beständig neue Inspirationsquellen. Die Nordkette des Karwendels oder der Serles, jener pyramidenartige Gipfel links der Brennerautobahn, solche imaginären Bilder fließen als unmittelbare Eindrücke in die impressionistischen Linien seines Spiels ein.

Reis, in Luxemburg geboren und am Berklee College sowie am New England Conservatory in Boston bei Joe Lovano und Danilo Pérez ausgebildet, antwortet auf unverwechselbare Weise – eine Klavierkunst, die das Gelsenkirchener Publikum bereits aus früheren Auftritten kennt und schätzt. Er setzt nicht auf verspielte Harmonisierungen, denn da bleibt er auffallend karg, sondern auf eine äußerst subtile Anschlagskultur und auf die Variabilität seiner Strukturen. In den freieren Passagen wird hörbar, wie er mit innerer Stimmführung arbeitet: Während die rechte Hand eine Melodie führt, entwickelt die linke eine zweite, fast unabhängige Linie, die Bordenaves Saxophon untergreift, ohne ihm in die Quere zu kommen.

ECM-Äshetik 

Was beide Musiker auf diese Weise entfalten, ist jene ECM-Ästhetik, wie man sie vom Münchner Label kennt: Kammerjazz und klassische Klangkultur sind zu einer unverwechselbaren Handschrift verbunden. Bordenave bewegt sich vor allem in der kühlen europäischen Linie – plausibel ist hier seine Biografie, zu der auch Lee Konitz, mit dem er selbst noch gespielt hat, gehört. Es überrascht nicht, dass er bereits auf mehreren ECM-Alben zu hören ist, zuletzt mit seinem Trio auf „La Traversée" (2020) und „The Blue Land" (2024). Jetzt wäre nur noch ein gemeinsames Duo-Album mit Michel Reis auf dem Münchener Edel-Label die logische Konsequenz.

Als Zugabe für den herzlichen Beifall wählten sie schließlich „Contemplation", eine selten gespielte Komposition von Wayne Shorter. Shorter ist als Vordenker in die Jazzgeschichte eingegangen und hat nicht zuletzt auch vielen heutigen europäischen Saxofonisten neue Wege geebnet. Reis und Bordenave spielten das Shorter-Stück nicht als Hommage, sondern verleiben es als eindrückliches Finale dem meditativen Fluss ihres Konzerts ein. Vor allem aber markierte der Titel das übergreifende Merkmal dieses Abends: und der war kontemplativ, im ursprünglichen Sinn des sinnenden Betrachtens. Auf Musik bezogen hat das viel mit Innehalten und Resonanz zu tun.

Bild für Beitrag: Versunken in den Klang | Michel Reis und Matthieu Bordenave bei FineArtJazz
Bild für Beitrag: Versunken in den Klang | Michel Reis und Matthieu Bordenave bei FineArtJazz
Bild für Beitrag: Versunken in den Klang | Michel Reis und Matthieu Bordenave bei FineArtJazz
Bild für Beitrag: Versunken in den Klang | Michel Reis und Matthieu Bordenave bei FineArtJazz
Bild für Beitrag: Versunken in den Klang | Michel Reis und Matthieu Bordenave bei FineArtJazz
Bild für Beitrag: Versunken in den Klang | Michel Reis und Matthieu Bordenave bei FineArtJazz
Bild für Beitrag: Versunken in den Klang | Michel Reis und Matthieu Bordenave bei FineArtJazz
Suche