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Stille Verweigerung, laute Musik

Eindrücke vom JOE Festival 2026

Essen, 26.02.2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper

Auf der Leinwand laufen animierte grafische Strukturen, davor sitzen elf Musikerinnen und Musiker und lesen darin ihre Assoziationsfelder ab. Elliott Sharp, Zentralfigur der New Yorker Downtown-Szene, hat sie zusammengebracht: Geigerin Gunda Gottschalk, Cellist Ludger Schmidt, Posaunist Christopher Varner, Schlagwerkerin Salome Amend, Christopher Harth und Festivalleiter Patrick Hengst, ebenfalls am Schlagzeug, unter anderem – Menschen, die seit Jahren in Nordrhein-Westfalen, im Ruhrgebiet, in Wuppertal an Klängen forschen und damit längst weltweites Renommee genießen. „ReGenerate" hieß dieses Projekt, und was am Samstagabend in der Zeche Carl entstand, war mehr als ein Konzert. Es war der sinnfällige Beweis, dass die freie Szene dieser Region und ein New Yorker Veteran dieselbe ästhetische DNA teilen. Manchmal wurde es kakophonisch, fast chaotisch – aber schon im nächsten Moment setzte dieses Miteinander ein umso raffinierteres Klangbiotop frei. Ein symbolträchtiges Bild, das genau hier, in einer ehemaligen Zeche in Essen-Altenessen, seinen natürlichen Nährboden fand.

Dass ausgerechnet Nordrhein-Westfalen diesen Nährboden bietet, ist kein Zufall. Das JOE Festival lebt seit 1995 davon, solche Begegnungen zu ermöglichen – zwischen der regionalen Szene und internationalen Größen, zwischen etablierten Stimmen und jungen Bands, zwischen den Rändern improvisierter Musik und ihrem glühenden Kern. Drei Abende, drei Konzerte pro Abend, eine Bühne. Patrick Hengst und Simon Camatta stemmen das neben ihren Hauptjobs, mit stagnierender Förderung, ohne Apparat. In einer Kulturlandschaft, die sich zunehmend über Eventgröße definiert, ist das eine stille Verweigerung – und zugleich ein Bekenntnis dazu, dass improvisierte Musik kein Nischenphänomen ist, sondern eine der lebendigsten Kunstformen, die dieses Bundesland hervorbringt.

"Im Iran würde ich für diese Musik ins Gefängnis kommen"

Das Programm belegte das auf Schritt und Tritt. Am Donnerstagabend betrat das Sheen Trio die Bühne, und Shabnam Parvaresh setzte die Bassklarinette an. Was folgte, war sofort ganz da: progressiver Jazz an seinen äußersten Rändern, frei improvisierte Passagen, tief lyrische Momente – und dazwischen persische Klangspuren, die nicht als Zitat funktionierten, sondern tiefer saßen. Gitarristin Ula Martyn-Ellis spielte lyrischer und ruhiger als bei früheren Auftritten, und genau das legte erst recht ihr sensationalles Ausdrucksspektrum offen. Man hörte eine Band, die gewachsen war. Nach dem Gig blieb ein Satz hängen wie ein Stachel: „Würde ich dort diese Musik spielen, landete ich sofort im Gefängnis." Dort, das ist der Iran, wo diese Künstlerin herstammt. Dass diese Musik hier so frei atmen darf, ist keine Selbstverständlichkeit – auch das gehört zum Geist dieses Festivals.

Die Kölner Band „Almost Natural“ lud danach den Raum mit hypnotischen Texturen auf, die sich übereinanderschoben, darüber Freejazz-Improvisationen mit einer Dringlichkeit, die alles auf der Überholspur hielt. Sebastian Gille breitete seine Soli über flirrenden Synthesizerflächen aus, und dahinter lieferte Leif Berger ein Trommelfeuer, das man physisch spürte. Den Donnerstagabschluss bestritt der Berliner Schlagzeuger Ludwig Wandinger in Kombination mit dem Streichquartett PULS - was zwischen diesen beiden Komponenten entstand, zeigte, wie sich musikalische Gegenwart anhört, wenn sie sich von Genregrenzen befreit hat. Vier Streicher spielten mit einer expressiven Dichte, die einem Schlagzeuger locker Paroli bot, und immer wieder wurde zwischen schroffen, abstrakten Passagen und sphärischen, fast ambienthaften Zuständen umgeschaltet - gerade diese Wechsel gingen unter die Haut.

Am Freitag stand Phil Minton auf der Bühne, 85 Jahre alt, neben ihm Carl Ludwig Hübsch mit seiner Tuba. Stimme und Tuba gerieten in einen frei improvisierten Dialog jenseits jeder Metrik, von einer Intimität, die den Saal still werden ließ. Danach die junge Band Crutches aus Leipzig: Rock traf auf Jazz, Olga Reznichenko an den Keys, direkt und ohne Umweg. Ingrid Laubrock und Tom Rainey musizierten später auf einem Niveau, das man fast routiniert nennen könnte – bis Laubrocks Soundsheets aus den Saxofonen wieder in alle Nervenzellen trafen. Rainey am Schlagzeug dachte voraus, legte Räume offen, bevor Laubrock überhaupt wusste, dass sie sie brauchte, auch dieser Weitblick mitten in Echtzeit-Improvisationen war höchste Kunst.  Simon Camatta s neues Trio Helicopter setzte am Samstag noch eins drauf – sein eruptives Schlagzeugspiel riss ein Kraftfeld auf, dem der dronige E-Bass und der Saxophonist mit allem begegnen mussten, was sie hatten. Die Wände zitterten.

Jenseits von Raum und Zeit 

Und dann Nik Bärtsch. Solo. Am Flügel. Irgendwann hörte man auf, den Raum wahrzunehmen. Die Zeche Carl, die Stuhlreihen, die anderen Leute – alles fiel weg. Es gab nur noch diesen Flügel und diesen Mann aus der Schweiz, der darauf spielte, als würde er Flüssigkeiten modellieren. Repetitive Figuren verdichteten sich, flossen weiter, mutierten. Dann ein chromatisches Intervall aus dem Nichts, ein Detail, das den Sog noch tiefer zog. Bärtschs Spiel formte aus Tönen Kräftefelder, die sich auflösten und neu zusammensetzten – jazzig, extrem lyrisch, um dann wieder etwas völlig anderes hervzubringen. Am Ende sagte er ein paar Worte darüber, wie wichtig es sei, junge Menschen mit dem Wunder der Musik in Berührung zu bringen. Dann spielte er weiter. Und das Wunder war da. Das JOE Festival macht kein großes Aufheben. Sondern liefert einfach.

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