Eine Feier des Lebens
Abschied von Ilse Storb
TEXT: Heinz Schlinkert | FOTO: Heinz Schlinkert
Keine Trauerreden, keine gedämpften Stimmen – stattdessen Swing, Beifall und ein vollbesetzter Saal: Am 11. Januar versammelten sich im Alten Bahnhof Kettwig Weggefährten, Musikerinnen und Freunde, um Ilse Storb zu feiern. Europas erste Jazzprofessorin, die am 8. November 2025 verstorben war, hätte es wohl genau so gewollt. Ganz im Sinne von Louis Armstrongs Motto „I like to make people happy" wurde dieser Abend zur klingenden Hommage an eine Frau, die Jazz und Weltmusik zu ihrem Lebenswerk machte – ähnlich wie in New Orleans, wenn nach der Beerdigung die Marching Band fröhliche Töne anschlägt, etwa mit „When the Saints Go Marching In".
Die Veranstaltung bestand aus drei Teilen, die jeweils mit einer kurzen Rede eingeleitet wurden: Heinz Schnetger vom Vorstand der „IG Bahnhof Kettwig" begrüßte das Publikum und berichtete von der engen Verbundenheit zu Ilse Storb, die hier oft aufgetreten war. Anschließend wies der Essener Oberbürgermeister Thomas Kufen auf die Bedeutung Storbs als europaweit erste Jazzprofessorin hin, die Jazz und Weltmusik verbunden habe. Dies war keine Schema-F-Begrüßungsrede – der OB ließ viel persönliche Anteilnahme erkennen und blieb während des ganzen Konzerts. Später erfuhr man, dass er auch Mitglied des „Vereins Freundeskreis Ilse Storb / Labor für Weltmusik" ist. Nach dem Tod Ilse Storbs hatte Sabine Kühlich in sehr kurzer Zeit dieses vielfältige Event organisiert. Das ging nur, weil die Musikerinnen und Musiker, die die Professorin gut gekannt hatten, eine eng vernetzte Community bilden.
Louis Armstrong & Ilse Storb – Die Satchmos
Der Trompeter Gerd Debring erzählte, dass die „Satchmos" sich 1986 an der Universität Essen-Duisburg kennengelernt hatten. Als „Ilse Storb and Her Satchmos" stellten sie unter anderem die Reihe „Jazzgeschichte Live" auf die Beine. Zur Band gehörten neben dem Trompeter auch Andreas Hammen (Posaune und Bassposaune), Lars Wockenfuß (Saxofon), Martin Dickhoff (Klavier), Stefan Mandlburger (Bass) und Frank Kubelt (Schlagzeug). Die Rolle der verstorbenen Sängerin übernahm Barbara Schirdewahn-Debring. Die Satchmos spielten Standards von Louis Armstrong, die Ilse Storb liebte: „Hello Dolly" und den „St. Louis Blues". Das traurige „St. James Infirmary" war nicht zu hören – es hätte wohl nicht zur Stimmung gepasst. Das Publikum war von Anfang an begeistert. Viele kannten sich, eine familiäre Atmosphäre lag im Raum, der Saal war voll besetzt, viel Beifall brandete auch nach den Soli auf.
Dave Brubeck & Ilse Storb – Sabine Kühlich & Laia Genc
Ursula Podeswa sprach für den „Verein Freundeskreis Ilse Storb / Labor für Weltmusik" und erzählte, dass Ilse Storb Dave Brubeck sehr gut gekannt und auch ein Buch über ihn geschrieben hatte. Sabine Kühlich und Laia Genc kamen in langen, aufeinander abgestimmten Kleidern auf die Bühne. Oft hatten sie als Trio mit Ilse Storb Musik von Dave Brubeck gespielt, die sie nun als persönliche Erinnerung und Hommage präsentierten. Obwohl die Pianistin Laia Genc rhythmisch ähnlich wie Brubeck und Sabine Kühlich melodisch ähnlich wie Paul Desmond auf dem Altsaxofon spielte, klang dies ganz anders: leichter, fast schon exotisch. Beim 7/4-taktigen „Square Dance" wurden die fehlenden Drums durch Fußstampfen und Klatschen des Publikums ersetzt. Über „Fujiyama" sang Sabine Kühlich einen von ihr geschriebenen deutschen Text: „Leb den Traum". Und dann die Überraschung: Brubeck hatte zur Emeritierung von Ilse Storb ein von Darius Milhaud und der Zwölftonmusik inspiriertes Stück geschrieben. „Prof Ilse Storb" war nun mit englischem Text zu hören.
Ilse Storb – Family and Friends
Pfarrer Steffen Hunder, der „Lieblingspriester" von Ilse Storb, berichtete, dass diese ihn oft auf seinen Krimi-Abenden musikalisch begleitet und mit ihm Jazzgottesdienste veranstaltet hatte, bei denen am Ende immer Miriam Makebas „Pata Pata" gespielt wurde. Ilses Trommel, mit der sie oft auf Fotos zu sehen war, hatte er mitgebracht. Nun hatte die Stunde von „Family and Friends" geschlagen, die Stücke spielten, die Ilse Storb besonders wichtig gewesen waren. Alle Musikerinnen und Musiker berichteten dabei über ihre Erlebnisse mit der Professorin und deren politisches Wirken, das auch in den Botschaften der folgenden Songs deutlich wurde. „What a Wonderful World" verkörperte eine optimistische Weltsicht, gesungen von Johanna Schneider . Ganz anders „Strange Fruit", leicht pathetisch mit tiefer Stimme gesungen von Simone Helle – beide begleitet von Laia Genc . Und nun kamen immer mehr Personen auf die Bühne und spielten mit. Zu „Round Midnight" blies Jürgen Koch ein phänomenales Solo auf dem Baritonsaxofon. Martin König trug zwei Gedichte vor, zu denen die anderen spielten, unter anderem mit Vokalisen von Sabine Kühlich. Bei „Black Orpheus" wurde es immer voller auf der Bühne, der Pfarrer spielte auf Ilses Trommel – ein wahres Crescendo, das, wie könnte es anders sein, in „Pata Pata" zu einem gloriosen Abschluss führte. Während der ganzen Veranstaltung war immer wieder von Ilse Storb die Rede. Sie war den Akteuren sehr nahe, und auch wer sie vorher nicht kannte, hat sie an diesem Abend ein wenig kennengelernt.
Jazz in Essen
Schön, dass der Essener Oberbürgermeister Jazz liebt und zum oben genannten Verein gehört. Fakt ist allerdings auch, dass er im Juli 2024 versprochen hatte, die Kulturförderung bis 2030 zu verdoppeln. Im Dezember wurden jedoch von 468.000 beantragten Euro nur 100.000 bewilligt. Wichtige, über Essen hinausweisende Ensembles wie das 2014 gegründete „Essen Jazz Orchestra" stehen vor dem Aus. NRWJazz hat über die aktuelle Misere vor kurzem berichtet.
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