Fünfzehn Jahre frischer Wind im Januar
Bericht vom Winterjazz 2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Kristina Zalesskaya
Es gibt einen guten Grund, gute Musik zu hören – diesen Satz warf Posaunist Janning Trumann irgendwann zwischen zwei Stücken ein, und plötzlich stand da ein programmatisches Statement im Raum. Das Kölner Winterjazz feierte am 10. Januar seine fünfzehnte Ausgabe im Stadtgarten und im Club Zimmermanns. Vier Bühnen, freier Eintritt, rund zwanzig Konzerte an einem Abend – und was für welche! Die Konzerteindrücke waren allesamt exquisit, überall wirkte die Musik frisch und ausgeschlafen. Das Festival stehe dort, wo eben diese Musik steht, beschrieb Angelika Niescier im Gespräch danach die Programmatik. Sie kuratiert zusammen mit Ulla Oster den Winterjazz. Festivals wie dieses seien Orte des Widerstands, und überall, wo so etwas entstehe, wirke dies einer gleichgeschalteten Kultur entgegen.
Das Konzert von Tamara Lukasheva mit Kalle Kalima und Janning Trumann hatte „kriegerisch" begonnen – um dem Wahnsinn da draußen zu begegnen, wie es Niescier in ihrer Begrüßung formuliert hatte. Rilke, philosophische Traktate über den Krieg und den Tod, Jan Wagners Text Stein und Erde – das hätte prätentiös werden können, wurde es aber nicht. Der Gestus wurde immer freudvoll-treibender, und Janning Trumann s Posaunensoli antworteten unerschöpflich auf Tamara Lukasheva s Gesang und Klavierspiel. Eine improvisierte Poesie entfaltete sich, weil auch hier drei Musiker eine Konstellation bildeten, die so vorher noch nicht existiert hatte. Genau darum geht es beim Winterjazz.
Das „Wildcard"-Konzept der Jubiläumsausgabe stellte Augenhöhe zwischen internationaler und hiesiger Szene her. Fünf internationale Gäste stellten sich Bands aus Kölner Musikern zusammen, und so entstanden Brückenschläge, die man hören konnte. Benoît Delbecq holte sich Robert Landfermann , Jonas Burgwinkel und Theresia Philipp , und einige Besucher waren extra seinetwegen angereist. Alexandra Grimal traf auf Marlies Debacker und Elisabeth Coudoux – mit aufregenden Resultaten im großen Saal des Stadtgartens.
Tief drin in der Musik
Für jedes Konzert, das man besuchte, musste man zwei andere schwänzen – die Qual der Wahl gehört zum Winterjazz dazu und gibt diesem Abend seine besondere Dichte. Im Club Zimmermanns ging es in den Underground hinab, vor allem mit Toxodon alias Salome Amend (Vibraphon), Raissa Mehner (Gitarre) und Schlagzeuger Simon Camatta . Wenn es zurzeit eine Band gibt, die besonders tief in ihrer Musik drin ist, dann dieses Trio, das auf der Annex-Bühne von Moers seine Geburtsstunde hatte. Amends Vibraphonspiel ist ein Befreiungsschlag, losgelöst von Jazz-Idiomatiken, dazu kommen Mehners Gitarrengewitter und Camattas elementarer Puls, der immer an den Ursprüngen ganz nah dran ist. Auch das erzeugte fesselnde Hörsituationen voll hypnotischer Energie.
Jazz von heute ist divers und bunt: Im Foyer beeindruckte die Band der Gitarristin Monika Roscher mit einer breitwandigen Klangwelt aus Noise und Kollektivimprovisation. Zwei Gitarren, zwei Schlagzeuge, wabernde Bass-Sounds und beseelte E-Gitarrenläufe mit viel Empfindung in der DNA. Shiva & The Destroyer luden den Raum mit Krautrock-Jazz und bunten Fantasiekostümen auf. Ganz feine Klänge anderswo: Etienne Nillesen ließ an zwei präparierten Snare-Drums die Stäbchen rotieren und produzierte extrem sensible Flageolett-Töne, so präzise kontrolliert, dass daraus minimalistische Sequenzen von fragiler Schönheit entstanden. Pianist Philip Zoubek machte solo das große Fass auf – spätromantische Rezitative, brausender Klangrausch, ein Pianist, der zeigt, was dieses Instrument alles kann.
Menschen, die ihre Erfahrung teilen und sich immer wieder bei etwas Neuem begegnen – das macht die Jazzszene aus. Dafür stand idealtypisch eine Wunschbesetzung des Bassisten Alexander Morsey mit Filippa Gojo (voc), Roger Hanschel (sax), Andreas Wahl (g) und Schlagzeuger Jens Düppe. Die Interaktionen dieses Quintetts wirkten so, als würde hier nochmal verdichtet, was diesen Abend im Ganzen getragen hatte. Es entstand eine emotionale und stilistisch wandelbare Sternstunde voller lyrisch-modaler Musik und einem Feuerwerk an spontaner Interaktion, als würde hier nochmal auf den Punkt gebracht, was Jazz in NRW ausmacht.
Jazz ist Livemusik, betonte Angelika Niescier danach im Gespräch. Die Frage, wie man Menschen zu diesem Erlebnis bringe, müsse immer wieder neu gestellt werden, vor allem, indem Spielstätten eine Atmosphäre schaffen, in der alle willkommen sind. Beim Winterjazz geht diese Rechnung seit fünfzehn Jahren im Januar auf. Die Energie der Gründerzeit konnte erhalten werden. Emotional, ernsthaft, vielfältig, befreiend, verbindend – ein Abend, der zeigt, was Orte der Kultur leisten können, wenn man sie lässt. Bildung ist eine öffentliche Angelegenheit und ein Gemeinwesen, das an seiner Gesellschaft interessiert ist, muss dafür Geld in die Hand nehmen. Das Winterjazz wird vom Land NRW über das Europäische Zentrum für Jazz und aktuelle Musik finanziert - gut, dass es so etwas noch gibt!




















