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Brilliante Eröffnung des Klavier-Festival Ruhr
TEXT: Uwe Bräutigam | FOTO: Christian Palm
Das Klavier-Festival Ruhr wurde im Konzerthaus Dortmund von der faszinierenden Pianistin Yulianna Avdeeva mit Bartóks Klavierkonzert Nr. 3 und einer experimentellen Fassung von Beethovens Tripelkonzert für Mandoline, Klavier und Akkordeon mit neuen Kadenzen des Jazzpianisten Guy Mintus unter dem Jubel des Publikums eröffnet.
Obwohl es das letzte Werk kurz vor seinem Tod war – die letzten 17 Takte blieben unvollendet –, ist Bartóks Klavierkonzert Nr. 3 in E-Dur ein heiteres, lyrisches Werk, das nichts von einem Requiem hat. Für die vielfach prämierte russische Pianistin Yulianna Avdeeva, die in München lebt, ist Béla Bartók einer der faszinierendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. So freute sie sich, das Klavier-Festival Ruhr mit seinem Klavierkonzert Nr. 3 zu eröffnen. Gleichzeitig war dies die Eröffnung der Schwerpunktreihe des Festivals „Zeit für Bartók" mit insgesamt fünf Konzerten.
Yulianna Avdeeva ist bekannt dafür, dass sie die Werke, die sie spielt, genauestens analysiert, um die Tiefen der musikalischen Zusammenhänge zu erfassen. Trotz der präzisen Analyse ist ihr Spontaneität auf der Bühne das Wichtigste. Sie liebt Überraschungen im Zusammenspiel mit einem Orchester, weil so magische Momente entstehen können. Beim Eröffnungskonzert spielte sie mit dem exzellenten WDR Sinfonieorchester unter der Leitung des israelischen Dirigenten Omer Meir Wellber. Wellber dirigierte mit großem körperlichem Einsatz. Leider war er durch den großen Steinway-Flügel etwas verdeckt, sodass man erst im zweiten Teil des Konzertes seine Körperarbeit vollständig sehen konnte.
Yulianna Avdeevas Spiel zeichnete sich durch ungemeine Präzision aus und war doch voller Temperament und Spielfreude in den beiden lebhaften Sätzen zu Beginn und Ende. Die folkloristischen, tänzerischen Teile und die kontrapunktischen Passagen des dritten Satzes arbeitete sie ebenso klar heraus wie den langsamen zweiten Satz mit seiner spirituellen Tiefe.
Bartók hat den Satz mit Adagio religioso überschrieben – vielleicht ein Hinweis darauf, dass er sein kommendes Ende spürte. Das Publikum war begeistert von der Pianistin Yulianna Avdeeva und dem WDR Sinfonieorchester.
EIN DIRIGENT AM AKKORDEON UND EIN JAZZPIANIST SPIELEN BEETHOVEN
Nach der Pause ging der Dirigent Omer Meir Wellber in eine neue Rolle: Er stand nicht mehr am Dirigentenpult, sondern dirigierte und spielte gleichzeitig Akkordeon. Trotz des umgeschnallten Instrumentes war er nicht auf seinem Stuhl zu halten – er sprang auf, drehte sich und war ständig in Bewegung beim Spielen und Dirigieren.
Auf dem Programm stand Beethovens Tripelkonzert in C-Dur, das für Violine, Cello und Klavier geschrieben wurde. Wellber arrangierte es für Akkordeon, für Mandoline, die Jacob Reuven virtuos spielte, und für Klavier, mit Guy Mintus, einem Jazzpianisten, der ebenso in der Klassik wie in der Weltmusik zu Hause ist. Die Mandoline übernahm die Geigenparts und das Akkordeon spielte die Celloteile. Soweit handelte es sich um eine ungewöhnliche, noch nie eingesetzte Instrumentierung – aber dabei blieb Omer Meir Wellber nicht stehen. Er bat den Pianisten Guy Mintus, zusätzliche Kadenzen zu schreiben, die das Tripelkonzert erweiterten.
Die Kadenzen von Guy Mintus waren sicher im Geist von Beethoven, aber musikalisch auf einem völlig neuen Gebiet: Musik an der Schnittstelle von Jazz, israelischer Volksmusik, Balkanfolklore und Klassik – und noch einiges mehr. Eine Musik, die grandios in das Tripelkonzert integriert wurde und sich allen Schubladen entzog. Hier wurden die Grenzen zwischen Klassik, Jazz und Weltmusik aufgehoben. „Ich komme aus ganz unterschiedlichen Welten gleichzeitig: Klassik, Jazz und Weltmusik aller Art, und ich versuche immer, Verbindungen zu finden", so Pianist Guy Mintus. Und diese Musik wurde meisterhaft umgesetzt: von Jacob Reuven, der die Geigenparts mit unglaublicher Virtuosität auf seiner Mandoline spielte, und von Wellber am Akkordeon, der das Cello herausragend „ersetzte". So waren völlig neue Klangfarben in Beethovens Tripelkonzert zu hören. Doch es war besonders Guy Mintus, der das Publikum atemlos machte – ein Tastenderwisch, der mit einem Temperament und einer Meisterschaft spielte, die atemberaubend war. Es war Beethovens Tripelkonzert, das zu hören war, aber es war eben weit mehr: ein Tripelkonzert 2.0.
EXPERIMENTIERFREUDIGKEIT ALS PROGRAMM
Die Intendantin des Klavier-Festivals, Katrin Zagrosek, sagte in ihren Begrüßungsworten zur Eröffnung des Konzertabends, dass auf dem Festival viele neue Klänge und viel Experimentierfreudigkeit zu erleben seien. Aber so sei der Einwand: natürlich nicht zur Eröffnung. Und sie antwortete: Warum solle man nicht auch zur Eröffnung ein Risiko eingehen? Auf Risiko gespielt und gewonnen. Das neu und ungewöhnlich bearbeitete Tripelkonzert war das Ereignis des Abends. Das Dortmunder Publikum war hingerissen von der Musik des Trios Mintus, Reuven und Wellber mit dem WDR Sinfonieorchester. Neben diesen solistischen Leistungen muss auch das Orchester noch einmal hervorgehoben werden, das sowohl Bartók als auch Beethoven in allen Feinheiten hervorragend gespielt hat. Ein imposanter Eröffnungsabend, der mit seinem hohen musikalischen Niveau, seiner solistischen Virtuosität und seiner Experimentierfreudigkeit ein Zeichen für das ganze Festival setzte.
Das Konzert wird am 2. Juni auf WDR 3 übertragen.



