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Nicht Nur Finnisch

Tampere Jazz Happening 2026

Tampere, 06.11.2026
TEXT: Christoph Giese | FOTO: Maarit Kytöharju

Wird dies eine neue Supergroup des zeitgenössischen, freigeistigen Jazz? Gut möglich. Denn die im letzten Jahr gegründete Formation Cosmic Ear hat auf jeden Fall das Zeug dazu, das zeigte der fantastische Auftritt des schwedischen Quintetts bei der 45. Ausgabe vom Festival Tampere Jazz Happening in Finnlands drittgrößter Stadt Tampere. Trompeter Goran Kajfeš, Saxofonist Mats Gustafsson, Bassklarinettist und Pianist Christer Bothén, Bassist Kansan Zetterberg und Perkussionist Juan Romero wandelten in langen, tiefgründigen Stücken Musik auf den Spuren eines Don Cherry, dabei immer eigene, kreative Wege gehend. Christer Bothén hat in den 1970ern sogar mit Don Cherry gespielt. Offen und neugierig sollte man bei dieser Band sein, die sich wunderbare Freiheiten nimmt, die verschlungene Linien sucht, die sich dann wunderbar zusammenfügen. Ein wenig Elektronik, exotische, globale Sounds, beseelte Soli, fast hypnotische Grooves vom Kontrabass, daraus gestalten Cosmic Ear total erfrischende, faszinierende Musik.

Auch der visionäre polnische Trompeter Tomasz Dąbrowski überzeugte vollends mit seiner um die finnische, experimentelle Stimmkünstlerin Johanna Elina Sulkunen verstärkte Band The Individual Beings. Mit zwei Saxofonisten, zwei Drummern, Tastenmann und Bassist an seiner Seite, dazu ein wenig elektronische Klänge, auch vom Schlagzeug, erschafft Dąbrowski weitausholende, gewaltige Klangwelten, die sich kurz in freien Ausbrüchen einzelner Bandmitglieder zerbröseln, in Kleinformationen aufteilen, aber immer wieder zusammenfinden zu einem packenden, ganz individuellen Bandsound voller cinematischer Kraft. Der Pole mag es Grenzen zu verschieben. Ihm und seiner Truppe dabei zuzuhören und zuzusehen war in Tampere ein beeindruckendes Vergnügen.

Schön auch dass der Hauptspielort des Festivals, das ehemalige Zoll -und Lagerhausgebäude Tullikamari, nach einer anderthalbjährigen, umfassenden Renovierung wieder zur Verfügung stand. Viel hat sich auf den ersten Blick nicht geändert, aber es wurde ordentlich investiert, auch in das technische Equipment der Halle. Und dieses Jahr war zudem das erste der neuen Künstlerischen Leiterin des Festivals, Martyna van Nieuwland. Nicht alle ihre Wünsche konnte die sympathische Polin aus finanziellen Gründen umsetzen, aber ihr Programm konnte sich sehen lassen.

Tampere stand und steht nach wie vor für einen gelungenen Mix aus arrivierten Künstlern und jungen Himmelstürmern, aus internationalen Acts und einem größeren Einblick in die vitale finnische Szene. Die präsentierte sich zumeist in der zweiten, kleineren Festival-Spielstätte Telakka, nur eine Gehminute vom Hauptspielort entfernt. Dort gaben etwa der finnische Gitarrist Raoul Björkenheim und der norwegische Schlagzeuger Paal Nilssen-Love einen energiegeladenes Duo-Konzert zwischen Rock und wilder Jazzimpro, während das finnische Trio RinneRadio, angetrieben von treibenden, pulsierenden elektronischen Beats, eine clubtaugliche, technoide Ambientmusik servierte, die zwischendurch aber auch meditative Momente bereithielt. Und auch das Folk-Jazz-Projekt Dantchev:Domain der finnischen Sängerin Anna Dantchev oder das finnische Trio Elifantree mit seiner ganz eigenwilligen Musik zwischen Jazz, wilden Improvisationen, progressivem Rock und Pop boten spannende musikalische Momente. Und Finnlands renommierter Saxofonist Mikko Innanen servierte in der großen Halle mit seinem Celebration Ensemble (100 Jahre Jazz in Finnland), bei dem gleich mehrere Gäste mitwirkten, darunter der legendäre, bereits 90-Jährige, finnische Flötist Juhani Aaltonen, höchst interessante, weil so gar nicht angestaubte Versionen von Musik finnischer Komponisten verschiedener Generationen.

Das Schweizer Collin Vallon Trio brillierte zwischen Melodiebeseeltheit, griffigen und packenden Strukturen und freieren, auch elektronisch bearbeiteten Klängen und zeigte in Tampere dass es immer noch zu den spannendsten Klaviertrios im europäischen Jazz zählt. Das Poetic Power - Trio des französischen Kontrabassisten Claude Tchamitchian, der immer mit seinem eigenen Instrument reist, einem Kontrabass, der einst dem legendären Jean-François Jenny-Clark gehörte, spielte ein wunderbar groovendes Set. Luftig und virtuos, mit vielen Ausdrucksmöglichkeiten innerhalb eines flexiblen kompositorischen Rahmens. Eric Echampard am Schlagzeug und vor allem der fantastische Saxofonist Christophe Monniot, der seinen Sound immer wieder auch mit Effekten anreicherte, begaben sich mit dem Bassisten auf fantastische Dialoge. Power und Poesie, der Bandname war hier auch Programm. Direkt danach Joel Ross´ Good Vibes zuzuhören, was für ein Unterschied. Denn der US-Vibrafonist und seine Band lieferten ein eher kühles, routiniert heruntergespieltes Set. Mit komplexer und dennoch zugänglicher Musik, die nach dem Poetic Power-Trio aber irgendwie nicht mehr richtig berührte. Ob deshalb schon vor Ende des Konzertes etliche Zuhörer den Saal verließen? Das Fazit des Festivals aber ist: Das Tampere Jazz Happening ist nach wie vor ein echtes Erlebnis. Bunt und sympathisch und spannend.

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