SETUNION Herne
Jazz auf’m Kanal
TEXT: Heinz Schlinkert | FOTO: Heinz Schlinkert
Schon in den Anfängen des Jazz wurde auf den Raddampfern des Mississippi Musik gemacht, womit sich die ersten Jazzmusiker über Wasser halten konnten. Diese Tradition hat sich erhalten. So wurde am Abend des 8. Mai auf dem Rhein-Herne-Kanal ein Konzert mit einem Jazz Quintett veranstaltet.
.. mal wieder allles klar auf der SANTA MONICA
Das Schiff heißt SANTA MONICA, ein klassisches Ausflugsschiff, mit dem man mit ca. 200 Personen ein paar Stunden über den Kanal schippern kann. Heute startet es vom Anleger ‚Kulturpark Unser Fritz’.
'SETUNION, die Band der Musikschule Herne wird spielen und ich bin schon gespannt, ob sich so ein Konzert an Bord anders anhört als an Land.
Um 19 Uhr sollte es losgehen, doch Kapitän und Heizer sind noch nicht da. Kein Problem, die Band legt trotzdem los mit ‚Song for my Father‘ und sofort tritt die Saxofonistin Katrin Fabry ins Rampenlicht, die mühelos über die Akkorde dieses Stücks von Horace Silver gleitet. Elmar Dissinger auf dem Keyboard schließt sich an und nun ist schon klar, dass hier hochprofessionelle MusikerInnen am Werk sind.
Doch schon jetzt ist etwas anders als bei einem normalen Konzert, denn viele Leute unterhalten sich recht laut, also keine Konzertatmosphäre. Stört die Musik da etwa?
Jetzt ist das Personal vollständig an Bord, Leinen los, doch mit der Leine hapert es noch ein wenig, dann gehts endlich los. Christian Ribbe begrüßt dass Publikum und moderiert sehr humorvoll, er spielt heute den E Bass; er leitet sowohl die Herner Musikschule wie auch die Band.
Wir begeben uns nun auf eine kleine Reise, auch in musikalischer Hinsicht. Denn ‚SETUNION’, dt. ‚Schnittmenge‘, heißt die Band, weil sie ‚Standards & Evergreens aus dem American Songbook‘ mit unterschiedlichen Stilistiken spielt.
Die Band ist im Vorschiff angesiedelt, die Zuschauer sitzen in Reihen – ähnlich wie im ICE – an Tischen. Es herrscht eine familiäre Atmosphäre, jeder duzt jeden.
Zwischendurch ein Blick durchs Fenster, eine Brücke mit einem Graffitti ‚Schalke 04‘ ist zu sehen . Wir sind zweifellos in Gelsenkirchen. Ein größerer Hafen mit moderner Wohnbebauung ist zu sehen.
Und weiter fährt das Schiff, vorbei am ZOOM Erlebnispark, und weiter geht die Musik. Die Bühne ist manchmal recht dunkel, doch plötzlich scheint die Abendsonne durch Fenster herein und strahlt die blonde Saxofonistin mit ihrem Instrument an, die Band spielt ‚Sunny‘ – ein sehr schöner Moment!
Zum Quintett gehört auch der Gitarrist Ludger Bollinger, der sich oft mit subtilen Soli einbringt, leider nur recht leise. Der Drummer Martin Siehoff spielt oft rockig, er ist stets präsent und wäre mit seinem durchdringenden Grundschlag eigentlich besser in einer Big Band aufgehoben. Die Saxofonistin Katrin Fabry steht mit dem Alt Saxofon als einzigem Melodieinstrument meist im Vordergrund, sie spielt auch Flöte. ‚Chicken‘, ein Stück des legendären Bassisten Jaco Pastorius, ist Christian Ribbe auf den Leib geschrieben, mit seinem Bass Solo dreht die Band vor der Pause noch einmal richtig auf.
Bei einem Blick durchs Fenster sieht man den großen Raffineriehafen mit großen Containerschiffen, und das alles mitten im Ruhrgebiet, sehr spannend.
Wir sind nun in Gelsenkirchen vor der Schleuse angekommen und das Schiff wendet. In der Pause erzählt mir Christian Ribbe, dass die Musikschule schon achtmal so eine Tour veranstaltet hat. Alle Mitglieder der Band sind studierte Musiker und arbeiten an der Musikschule Herne, auch für die wechselnde Besetzung steht SETUNION. Viele im Publikum kennen sich; bei solchen Fahrten ist es durchaus üblich, dass man sich auch unterhält und der Jazz ‚nur‘ als Begleitmusik fungiert.
Ein grandioser Einstieg ins zweite Set gelingt mit dem ‚All Blues‘ von Miles Davis und nun folgt Solo auf Solo zu vielen bekannten Stücken wie ‚Cold Duck Time‘ von Eddie Harris und ‚Cantaloupe Island‘ von Herbie Hancock.
Mittlerweile ist es dunkel geworden, das Schiff dreht noch eine kleine Runde und um Punkt 22 Uhr ist Schluss, wie im Fahrplan vorgesehen.
jazz an Bord und an Land
Also erst einmal, weggehen ist nicht, no exit. Doch das will wohl kaum jemand, denn das Setting ist wirklich sehr angenehm. Ein leichtes Schaukeln des Schiffes, Musik, Blicke mal auf die Band, mal auf die abwechslungsreichen Ufer, Getränke und Currywurst - eine runde Sache. Die Nähe an den Tischen und die gemeinsame Fahrt schafft schon eine Verbindung, ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl. Das alles schafft einen Event-Charakter, den ein Konzert an Land meist nicht hat. Gespräche gehören dazu, denn es handelt sich hier um ein ganz anderes Konzert-Format.
Der Rhein-Herne-Kanal wurde vor dem Ersten Weltkrieg mehrere Jahre lang von vielen Arbeitern mit der Hand gegraben, Bagger gab es noch nicht. Die Arbeiter hätten sich wohl kaum vorstellen können, was hier gut hundert Jahre später alles abgeht.
Die nächste Fahrt startet schon am 5. September. Wieder ist die Band SETUNION dabei, diesmal ergänzt durch Christian Ribbes Tochter Carlotta, die Vibraphon spielt.







