THE FUTURE IS FEMALE
Starke weibliche Präsenz auf dem Moers Festival
TEXT: Uwe Bräutigam | FOTO: Uwe Bräutigam
Tim Isfort , künstlerischer Leiter des moers festivals, legt großen Wert darauf, den Frauenanteil im Programm hoch zu halten; Parität bleibt erklärtes Ziel. Wer sich durch die Konzerte dieser Ausgabe bewegte, konnte kaum übersehen, wie viele herausragende internationale und deutsche Musikerinnen hier präsent waren. Eine kleine Galerie starker Frauen soll deshalb an dieser Stelle vorgestellt werden.
THE RISING STAR: SKYLAR TANG
Die junge Trompeterin Skylar Tang aus San Francisco war mit ihrem Quartett zum ersten Mal international unterwegs. Tang ist im März gerade 20 Jahre alt geworden und gilt in den USA bereits als große Hoffnung an der Trompete. Sie trat schon neben Wynton Marsalis im Lincoln Center auf; bereits mit 16 Jahren sorgten ihre Auftritte für Aufsehen. Auf dem letzten Album des Saxofonisten Joshua Redman, der 2019 Gast auf dem moers festival war, ist Skylar Tang als Gastmusikerin zu hören.
Die Fachwelt ist sich weitgehend einig: Wer Skylar Tang hört, merkt sofort, dass hier eine besondere Künstlerin am Werk ist – erstaunlich ausgereift für ihr Alter, mit enormem Talent, Spielfreude, Entdeckergeist und dem hörbaren Wunsch, sich ständig weiterzuentwickeln. All das konnte auch das Publikum in Moers schon nach wenigen Minuten bestätigen. Sie erinnerte ein wenig an Roy Hargrove, der ebenfalls früh entdeckt wurde. Auch stilistisch steht sie Hargrove deutlich näher als etwa Miles Davis.
Obwohl sie eine eher zarte Erscheinung ist, spielte Tang druckvoll und mit großer Präsenz. Sie beherrschte das Spiel mit Dynamik und wusste genau, wann Zurücknahme mehr Wirkung entfaltet als Kraft. Vor allem aber verfügte sie bereits über eine eigene Stimme und einen klaren kompositorischen Ansatz. Um es vorwegzunehmen: Skylar Tang war eine der wichtigsten Entdeckungen dieses Festivals. Ihr ebenfalls junges Quartett mit William Schwartzman am Piano, John Murray am Bass und Ethan Oliver am Schlagzeug trug ihre Musik mit großem Drive. Selbst ohne Tangs Trompete erwies sich die Formation als ernstzunehmendes Klaviertrio.
ANGELIKA NIESCIER, TOMEKA REID UND ELIZA SALEM IM SCHLOSSHOF
Das deutsch-amerikanische Trio mit der Kölner Altsaxofonistin Angelika Niescier, der Cellistin Tomeka Reid aus Chicago und der Schlagzeugerin Eliza Salem aus Brooklyn vereinte drei Musikerinnen, die seit Jahren feste Größen der Jazz- und Improvisationsszene sind. Sowohl Niescier als auch Reid waren bereits Improviser in Residence beim moers festival. Entsprechend voll war der Schlosshof.
Geleitet wurde das Trio von Angelika Niescier, deren Kompositionen den Abend prägten. Niescier und Reid kennen sich seit Langem; gemeinsam mit Savannah Harris spielten sie im Trio und veröffentlichten 2023 das Album Beyond Dragons. Eliza Salem brachte ihre Erfahrungen aus der New Yorker Improvisationsszene ein und fügte sich organisch in das Zusammenspiel ein.
Niescier ging gleich mit den ersten Klängen in die Vollen, als wolle sie beweisen, dass auch zu John Coltranes hundertstem Geburtstag die Flamme weitergetragen wird. Nach einem schweißtreibenden Altsaxofonsolo stieg Tomeka Reid mit ihrem Cello ein und entwickelte eine wilde Improvisation zwischen Bogen- und Pizzicatospiel. Begleitet vom Schlagzeug wurde schnell klar, warum Reid heute als eine der wichtigsten Wegbereiterinnen des Cellos in der jüngeren Improvisationsmusik gilt. Das Trio spielte vor allem Stücke aus Beyond Dragons, darunter Hic sunt dracones – „Hier sind Drachen“. Im Mittelalter bezeichnete man so unentdeckte Gebiete: Land, das noch nicht kolonialisiert war. Hier wurde daraus eine Metapher für Musik, die sich Vereinnahmungen entzieht. Im Stück Oscillating Madness entstanden bemerkenswerte Dialoge zwischen oszillierendem Saxofon und gestrichenem Cello sowie zwischen Cello und Schlagzeug.
Das emotionale Zentrum des Konzerts bildete jedoch A Dance, To Never End, eine Hommage an Pina Bausch. Melodiöse Passagen und ein wiederkehrendes rhythmisches Motiv verbanden sich mit wilden Saxofonausbrüchen. Drei Musikerinnen, die Angelika Niesciers ungestüme, zugleich lyrische Musik mit großer Intensität lebendig machten.
NICOLE MITCHELL’S BLACK EARTH SWAY
Die Flötistin Nicole Mitchell aus Chicago war die erste Frau an der Spitze der Musikervereinigung AACM (Association for the Advancement of Creative Musicians). Bereits 1990 gründete sie mit Samana ein Ensemble ausschließlich weiblicher Mitglieder, Anfang der 2000er Jahre folgte dann Black Earth, mit dem sie nun in Moers auftrat. Zwei Dinge fielen dabei besonders auf. Erstens war die Musik der Band ausgesprochen groovig, stark im Blues verwurzelt und weit entfernt von jenem Klischee des „Gequietsches“, das in der ironischen Moderation über AACM-Musik bemüht wurde. Zweitens beeindruckte die ausgesprochen demokratische Bühnenpräsenz. Obwohl Nicole Mitchell die prominenteste Musikerin des Ensembles ist, hielt sie sich zunächst auffallend zurück. Sie spielte Flöte, überließ aber anderen den Raum. Die ersten Ansagen machte Coco Elysses, die Diddley Bow spielte – eine einsaitige Brettzither mit Wurzeln in Westafrika. Später übernahm JoVia Armstrong Moderationen und bezog das Publikum aktiv ein. Erst nach und nach trat Mitchell selbst stärker hervor.
Alle Musikerinnen sangen und arbeiteten mit Elektronik, darunter auch die Keyboarderin Zahili Gonzales Zamora. Offensichtlich legte die Band großen Wert darauf, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Die groovige Musik basierte teilweise auf Texten aus Mitchells Buch The Mandorla Letters: For the Hopeful – afrofuturistische Visionen einer friedlicheren Zukunft, geprägt von Akzeptanz und Liebe. Im Song Dream Swimma heißt es: „I know who I am through seeing me in you. We build new dimensions out of our disparity.“ Manche Flötensoli Mitchells ließen ihre klassische Ausbildung durchscheinen. Gleichzeitig blieb die Musik stets überraschend. Gegen Ende blitzte dann doch die Chicagoer Avantgarde auf – mit einer völlig freien, hochenergetischen Passage, die zugleich so perkussiv geriet, dass viele im Publikum zu tanzen begannen.
KNOBIL AUS FRANKREICH
Während sich Nicole Mitchell und Black Earth Sway den großen Fragen der Zukunft widmeten, bewegte sich die französische Kontrabassistin und Sängerin Louise Knobil stärker im Alltag: Orte, Begegnungen, Arbeit, Liebe. Der Bandname KNOBIL bezeichnet im Französischen jemanden, der ein wenig verrückt ist oder nach Knoblauch riecht – zugleich ist es schlicht Louises Familienname.
Begleitet wurde sie von Chloé Marsigny an der Bassklarinette und Vincent Andreae am Schlagzeug. Die Musik bewegte sich zwischen Manouche Jazz, modernem Swing und Singer/Songwriter-Elementen. Zwischendurch entstanden fast psychedelische Klangflächen aus Bassklarinette, Stimme und gestrichenem Kontrabass; an anderer Stelle war deutlich die französische Chanson-Tradition herauszuhören. Ungewöhnliche und eigenständige Musik, die so kaum anderswo zu erleben ist.
LAKECIA BENJAMIN: WE DREAM
Die Altsaxofonistin Lakecia Benjamin nannte ihr Programm We Dream. Inhaltlich war sie damit gar nicht so weit von Nicole Mitchell entfernt – in musikalischer Hinsicht allerdings schon. Und auch die Bühnenpräsenz hätte unterschiedlicher kaum sein können. Während Mitchell zurückhaltend und beinahe bescheiden wirkte, trat Benjamin laut, extrovertiert und hochenergetisch auf. Eher Hip-Hop-Performerin als klassischer Jazzstar.
Musikalisch jedoch war das erstklassig. Begleitet wurde sie von Oscar Perez am Piano, Elias Bailey an Kontrabass und E-Bass sowie Dorian Phelps am Schlagzeug. Ihre Musik wurzelte einerseits im Rhythm’n’Blues, andererseits tief in der Tradition von John und Alice Coltrane. Besonders eindrucksvoll geriet ihre Version von My Favorite Things, die sie Alice Coltrane widmete. Benjamins Saxofonspiel war schlicht exorbitant: halsbrecherische Soli voller Coltrane-Geist, zugleich durchzogen von Funk und Groove. Rund um die Bühne wurde getanzt; viele hielt es längst nicht mehr auf den Sitzen. Lakecia Benjamin war zweifellos einer der Höhepunkte des Festivals. Ihre Musik blieb wild und bissig, dabei aber erstaunlich zugänglich. Gerade diese Mischung machte sie auch für Menschen außerhalb der Jazzszene attraktiv. Dass Benjamin ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl besitzt, überrascht kaum: Ursprünglich kommt sie aus der Latin-Musik, spielte Salsa und Merengue, bevor sie sich dem Jazz zuwandte und Schülerin des legendären Trompeters Clark Terry wurde.
Natürlich gab es auf dem Festival noch viele weitere bemerkenswerte Musikerinnen: allen voran die Vibraphonistin Evi Filippou, Improviser in Residence dieser Ausgabe. Hinzu kamen die Frontfrauen der afrikanischen Band Nana Benz du Togo, die tunesische Sängerin Ghalia Benali aus Gordon Grdinas RU’YA, die Musikerin Su Su Win Maung aus Myanmar an der traditionellen Bogenharfe Saung Gauk sowie die Performerin Yadanar Win bei Burned Roads of Myanmar – und viele mehr. So wurde das moers festival 2026 auch zu einem Festival der großen Musikerinnen.






















