Licht aus, Bass an
Ein besonderer Abend mit Autechre
TEXT: Stefan Pieper |
Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um für ein Konzert ins Ausland zu fahren, bei dem es garantiert nichts zu sehen gibt. Oder man ist Autechre-Fan, was erfahrungsgemäß aufs Gleiche hinausläuft. Ich gehöre zur zweiten Kategorie. Seit mehr als dreißig Jahren machen Sean Booth und Rob Brown aus Rochdale Musik, die sich jedem Zugriff entzieht. Mit ihren frühen Alben Incunabula und Amber prägten sie Anfang der Neunziger den Sound des damals noch jungen Warp-Labels und einer Szene, die bald unter dem Etikett Intelligent Dance Music firmierte. Spätestens mit Tri Repetae und dem radikal zerklüfteten Confield, später auch mit den ausufernden NTS Sessions, wurde deutlich, wie weit sich dieses Duo von herkömmlichen Vorstellungen elektronischer Tanzmusik entfernen würde. Autechre zerlegen Rhythmen, vergraben Melodien in komplexen Strukturen und lassen Klänge entstehen, deren innere Logik sich erst allmählich erschließt. Das ist hochpräzise gebaute Musik, die sich im selben Moment wieder entzieht, in dem man glaubt, sie verstanden zu haben. Die Herbsttour führt über Genf, Marseille, Paris, Nantes und Lille, aber nicht nach Deutschland. Nijmegen liegt immerhin nicht weiter vom Ruhrgebiet entfernt als Köln. Also auf nach Holland.
Das Doornroosje, so der Namen der freundlichen Spielstätte mitten in der City von Nijmegen liegt direkt neben dem Bahnhof. Drinnen: freundliches Personal, ein ausverkaufter Roter Saal und schwerer Grasgeruch in der Luft. Sitzplätze gibt es nicht, nur eine Tribüne, auf der später ebenfalls alle stehen. Die Ansage ist klar: Bei Autechre bleibt der Raum vollständig dunkel. Keine Projektionen, keine Visuals, keine Bilder, an denen sich der Blick festhalten könnte. Was bleibt, ist der Sound. Und die Frage, was mit einem Konzert passiert, wenn man dem Publikum den wichtigsten Orientierungspunkt entzieht.
Zunächst scheint alles auf eine vertraute Clubnacht hinauszulaufen. Zwei Acts wärmen das Publikum auf, ohne dass zwischen ihnen umgebaut werden muss. Der erste lässt eine unregelmäßig stolpernde Bassdrum unter schwebenden, beinahe lyrischen Flächen arbeiten. Der Rhythmus eiert, während sich darüber ein weiter Klangraum öffnet. Der zweite setzt auf unmittelbaren Vorwärtsdrang: Rave-Beats, mehr Druck, mehr Zug nach vorn. Das Publikum tanzt sich warm. Die Musik bietet Halt, selbst wenn sie sich in Details verliert. Ich frage mich, wie viel von dieser Clubenergie übrig bleibt, wenn Autechre übernehmen.
Sicherheit verweigern
Dann gehen die Lichter aus. Wirklich alle. Nur die Displays der Maschinen werfen einen matten Schein auf zwei schemenhaft erkennbare Gesichter. Die Kickdrum schlägt mit brutaler Präzision ein. Doch kaum versucht der Körper, sich auf den Beat einzustellen, verschiebt sich dessen Gewicht. Akzente kippen, perkussive Muster verschachteln sich, Rhythmen rasten kurz ein und brechen gleich wieder auseinander. Das Ohr sucht nach einem stabilen Puls, nach einer Ordnung, in die man sich fallen lassen könnte. Autechre verweigern diese Sicherheit. Der Groove ist da, aber er hält nicht still. Das wirkt nicht wie kontrolliertes Chaos, sondern wie eine hochpräzise Konstruktion, deren Regeln sich ständig verändern. Höflich ausgedrückt ist das kompromisslos. Unhöflich gesagt: eine Zumutung, und zwar eine von der großartigen Sorte.
Den Klang durchlöchern
Der erste Schock weicht einer anderen Wahrnehmung. Der Bass ist weit mehr als ein Fundament. Er drückt, schiebt und vibriert, während metallisches Knirschen, digitales Klicken und plötzlich aufblitzende Tonfetzen durch den Raum schießen. Melodische Fragmente tauchen auf, ohne sich zu Themen zu fügen; harmonische Andeutungen bleiben im Ansatz stecken. Nichts wird sauber zu Ende geführt, keine Spannung löst sich so auf, wie man es erwartet. Statt einer klassischen Dramaturgie gibt es abrupte Zustandswechsel, Verdichtungen und Löcher im Klang. Und doch wirkt nichts beliebig. Selbst in den wildesten Momenten bleibt das Klangbild fein austariert. Die einzelnen Schichten scheinen gegeneinander zu arbeiten und bilden gerade dadurch ein größeres Ganzes.
Allmählich verschiebt sich auch das Verhältnis zum eigenen Körper. Der Bass trifft den Brustkorb, bringt den Bewegungsrhythmus durcheinander und macht den Körper zum Resonanzraum. Ich ertappe mich dabei, nach vertrauten Mustern zu suchen. Vergeblich. Nach einer Weile weiß ich nicht mehr, ob sich die Musik verändert oder nur meine Wahrnehmung. Die Dunkelheit verstärkt diesen Effekt. Ohne sichtbare Musiker, ohne Lichtwechsel und ohne die gewohnte Bühnenaktion gibt es nichts, woran sich der Blick festhalten könnte. Die Musik muss sich allein durch ihre innere Bewegung behaupten.
Frenetischer Jubel
Einzelne Stücke lassen sich nicht ausmachen. Autechre spielen keine Auswahl aus mehr oder weniger repräsentativen Stücken, sondern entfalten in einem durchgehend gespielten Set eine zusammenhängende Klangarchitektur, die sich ständig neu organisiert, ohne auf ein klares Ziel zuzusteuern. Das passt zu einem Duo, dessen Musik sich schon auf Platte eher als bewegliches System denn als Folge sauber abgegrenzter Songs erschließt. Der Puls scheint sich aufzulösen, die einzelnen Ereignisse schieben und verkeilen sich, bis das Gefühl für räumliche Orientierung verloren geht. Hier und da leuchtet ein Handy auf. Schemenhaft sind Menschen zu sehen, die zuhören, tanzen, sich wiegen. Und immer wenn der brachiale Klang mal etwas zurücknimmt, scheinbar um kurz Luft zu holen, bricht frenetischer Jubel los. Ja, das ganze ist ein Livekonzert – und was für eines!
Dann ist Schluss. Booth und Brown winken kurz und verschwinden ohne Zugabe-Theater. In einer Konzertkultur, die sich längst auch für Instagram inszeniert, verweigern Autechre das Bild komplett. Sie müssen sich nicht als Bühnenpersönlichkeiten verkaufen, um einen Saal in Bewegung zu versetzen. Vielleicht liegt darin auch eine ursprüngliche Idee von Techno: Nicht der Künstler im Scheinwerferlicht steht im Zentrum, sondern das, was zwischen Musik, Raum und Menschen entsteht. In Nijmegen war davon nichts zu sehen. Aber selten hat sich ein Konzert so körperlich eingeschrieben.



