Kino des 16. Jahrhunderts
Sacri Monti im Visiodrom markiert ein Meilenstein
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Christian Palm
Der ehemalige Gasometer in Wuppertal ist ein Ort der großen Dimensionen. Doch selten dürften seine architektonischen Möglichkeiten so konsequent ausgeschöpft worden sein wie bei der Begegnung von Chorwerk Ruhr, dem Fotografen Heinrich Brinkmöller-Becker und den italienischen Sacri Monti. Im Visiodrom entstand eine Aufführung, in der sich Raum, Bild und Musik zu einer außergewöhnlichen künstlerischen Einheit verbanden.
Im Mittelpunkt standen die piemontesisch-lombardischen Sacri Monti, jene zwischen dem späten 16. und frühen 17. Jahrhundert entstandenen Kapellenlandschaften zwischen Lago Maggiore und Lago d'Orta. Als begehbare Heilsgeschichte angelegt, gehören sie heute zum UNESCO-Welterbe. Heinrich Brinkmöller-Becker bezeichnet sie als „Kino des 16. Jahrhunderts“.
Mehr als tausend lebensgroße Terrakottafiguren bevölkern die Kapellen. Ihre Gesichter erzählen von Glauben, Zweifel, Macht, Angst und Fanatismus. Durch jahrelange fotografische Arbeit gelang es Brinkmöller-Becker, diesen Figuren eine verblüffende Nähe abzuringen. Im Visiodrom wachsen die Gesichter auf monumentale Dimensionen an, Gesten werden lesbar, Emotionen greifbar. Die gewaltige Rundprojektion verwandelt die historische Bilderwelt in eine lebendige Gegenwart.
Gleichzeitig erweist sich der Raum selbst als entscheidender Mitspieler. Die zylindrische Architektur des ehemaligen Gasometers erzeugt keine bloße Umrahmung des Geschehens, sondern wird Teil der Inszenierung. Die besondere Akustik, die Höhe des Raumes und die umlaufende Projektionsfläche verbinden sich zu einer Erfahrungsdimension, die in konventionellen Konzertsälen kaum denkbar wäre.
Wenn der Raum selbst zum Instrument wird
Mitten hinein zieht Chorwerk Ruhr unter der Leitung von Alexander Lüken. Gregorianische Gesänge eröffnen ein Programm, das italienische Sakralmusik vom Frühbarock bis in die Gegenwart spannt. Werke von Antonio Lotti, Sigismondo d'India und Gregorio Allegri treffen auf Alberto Ginastera, Giacinto Scelsi und die eigens für dieses Projekt entstandene Komposition „Vorrei“ von Laura Marconi.
Besonders eindrucksvoll fügt sich Marconis Werk in dieses Konzept ein. Mit mikrotonalen Verschiebungen, atmenden Klangflächen und fragilen Wortfragmenten entwickelt die Komponistin eine Musik, die wie ein Echo durch die Jahrhunderte wirkt. Überhaupt liegt eine der stärksten Aussagen des Abends in der überraschenden Nähe zwischen Alter Musik und Moderne. Chromatische Spannungen, schwebende Harmonien und offene Klangräume verbinden Epochen miteinander, die auf den ersten Blick weit voneinander entfernt scheinen.
Aus heutiger Perspektive ergeben sich dabei sogar bemerkenswerte Berührungspunkte zum Jazz. Die modalen Klangräume vieler älterer Werke, ihre Freiheit im Umgang mit harmonischen Zentren und die oft fließenden Übergänge zwischen Dur und Moll wirken erstaunlich gegenwärtig. Wo eindeutige Auflösungen verweigert werden und Mehrdeutigkeit zum ästhetischen Prinzip wird, beginnt jene Offenheit, die auch große Teile des modernen Jazz prägt. Gerade bei Scelsi und Marconi, aber ebenso in den expressiven Wendungen von Lotti oder d'India, scheint diese Freiheit immer wieder aufzuleuchten.
Das Chorwerk Ruhr gestaltet diese Zusammenhänge mit beeindruckender Präzision und klanglicher Leuchtkraft. Selbst im mächtigen Nachhall des Gasometers bleiben die Stimmen transparent. Der Raum wird nicht bloß bespielt – er wird Teil der Komposition.
Polyphonie der Künste
Entscheidend ist die dramaturgische Balance. Die Bilder illustrieren die Musik nicht, und die Musik dient nicht als Soundtrack der Projektionen. Beide Ebenen begegnen sich auf Augenhöhe. Wie in einer polyphonen Komposition bleiben die einzelnen Stimmen eigenständig und finden dennoch zu einer gemeinsamen Form. Genau daraus bezieht die Aufführung ihre besondere Kraft.
Für das Visiodrom erwies sich dieser Abend als besonders überzeugendes Beispiel dafür, welches künstlerische Potenzial in der kreativen Bespielung eines Industriedenkmals steckt. Architektur bleibt nicht Kulisse, sondern wird zum aktiven Teil des Geschehens. Der ehemalige Gasometer fungiert zugleich als Instrument, Resonanzkörper und Bühne.
Gerade darin lag die Bedeutung dieses Abends. Gemeinsam mit dem Italienischen Kulturinstitut Köln haben Chorwerk Ruhr, Heinrich Brinkmöller-Becker und das Visiodrom gezeigt, welches Potenzial in der konsequenten Verbindung von Musik, Raum und visueller Kunst steckt. Viele Projekte sprechen vom Gesamtkunstwerk – hier wurde es tatsächlich erfahrbar.
So entstand weit mehr als eine gelungene Multimedia-Produktion. Die Aufführung setzte einen Maßstab für die Verbindung von Industriekultur, Musik und visueller Kunst. Sie zeigte beispielhaft, wie ein bedeutendes Denkmal der nordrhein-westfälischen Industriekultur zum Ausgangspunkt neuer ästhetischer Erfahrungen werden kann. Die Sacri Monti wurden dabei nicht museal präsentiert, sondern in die Gegenwart zurückgeholt. Genau darin lag die nachhaltige Bedeutung dieses außergewöhnlichen Abends – und sein Rang als Meilenstein für die kreative Bespielung von Industriekultur in Nordrhein-Westfalen.



