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Jazzwohnzimmer mit Weltanschluss

Stefan Bauers "Mosaic"-Band in Recklinghausen

Recklinghausen, 24.12.2025
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper

Freitagabend, letzter Arbeitstag vor Weihnachten. Im gemütlichen Saal der Altstadtschmiede drängen sich die Menschen, die Luft ist warm, die Vorfreude greifbar. Draußen die Kellerstraße, drinnen eine Welt, die sich an diesem Abend weit öffnet. Zum 20. Mal gastiert der Vibraphonist Stefan Bauer in dem Recklinghäuser Soziokulturzentrum. Die Bude ist voll, von Nische keine Rede. Wer hierher findet, weiß: Bei Bauer kann man blind kommen, die Qualität ist garantiert. Und wer zum ersten Mal da ist, versteht schnell, warum dieser Abend seit zwei Jahrzehnten ein Fixpunkt im Kulturkalender der Stadt ist.

Bauer, der seit über 20 Jahren zwischen Brooklyn und dem Ruhrgebiet pendelt, ist die Verkörperung einer großen Jazzerzählung. Seine Ansagen zwischen den Stücken gehören zum Erlebnis: Er spricht über 50 Jahre Altstadtschmiede, erinnert an Weggefährten wie Tom Klatt und Dorothee Klar, die dem Jazz hier eine Stimme gaben. Er erzählt von Begegnungen mit Helge Schneider und Ornette Coleman – von Letzterem habe er gelernt, dass Jazz viel mit Intuition zu tun hat. Er verweist auf das Great American Songbook als Primärquelle und auf die Plattensammlung seines Vaters, die „wie eine tägliche Speise" wirkte.

Solche Geschichten sind mehr als Zwischenmoderation. Sie spannen einen Bogen zwischen dem Lokalen und dem Universellen, zwischen Recklinghausen und New York. Für sein Fazit erntete Bauer an diesem Abend zustimmende Beifallsstürme: „Jazz ist eine Musik, die Verbindungen schafft." Jemand, der in New York lebt, muss es wissen. Und jemand, der seit 20 Jahren immer wieder hierher zurückkehrt, beweist es.

Weltklasse im Wohnzimmer

Die Band, die Bauer diesmal mitgebracht hat, ist nach einem Dutzend Konzerten in kaum zu steigernder Weise eingespielt. Allen voran Terry Clarke, 81 Jahre alt, kanadische Schlagzeuglegende, ausgezeichnet mit dem Order of Canada. Über zwei Stunden hielt er die Band im Flow, hellwach, mit Rimshots, Wirbeln und Akzenten – wobei sich keine Figur wiederholte. Das ist Gestaltungskraft auf höchstem Niveau, als würde einer Sprache alle Interpunktion und Ausrufezeichen verliehen. Ralf Withöft vom Vorstand bringt es auf den Punkt: „Der Hammer – eine Liga drauf."

Matthew Halpins Tenorsaxophon führte mit lyrischer Wärme durch komplexe melodische Labyrinthe. Der irische Musiker, den die Irish Times als „fearlessly inventive improviser" beschrieb, fand immer wieder neue Wege, das Thematische ins Ekstatische zu überführen. John Goldsby, neu in der Besetzung und langjährig erfahren durch seine Arbeit in der WDR Big Band, verankerte das Geschehen mit charaktervollem, melodiösem Bassspiel. Der Szenenapplaus nach seinem poetischen Solo in „Goodbye" bewies, wie sehr das Publikum in die instrumental erzählten Geschichten eintauchte. Das Programm spannte einen weiten Bogen aus raffiniert neu arrangierten Standards und Eigenkompositionen, gepaart mit unerschöpflicher Improvisationslust aller vier Musiker. „Nardis" als modaler Opener, „Tidal" im Bossa-Groove, dann „St. Louis Blues": erst kammermusikalisch, dann poltert die Snaredrum los, das Saxophon übernimmt die Rolle einer Singstimme, übergibt ans Vibraphon, der Blues öffnet einen Kommunikationsraum. Bei „Bernie's Tune", dem Bebop-Klassiker von

Was an diesem Abend hörbar wurde, war mehr als virtuoses Handwerk. Es war die Demonstration einer Haltung: Jazz als gemeinsames Denken in Echtzeit, als demokratischer Austausch zwischen Individuen, die einander zuhören und aufeinander reagieren. Keine Selbstdarstellung, sondern Kommunikation.

50 Jahre Altstadtschmiede – und der Blick nach vorn

Das runde Jubiläum des Hauses wurde ohne großes Brimborium gefeiert. Anfang Dezember gab es eine Session, viele alte Weggefährten kamen. Ralf und Anke Withöft, seit über 20 Jahren im Vorstand, stellen verlässlich sicher, dass künstlerische Qualität hier Alltag ist. Seit 15 Jahren kümmern sie sich persönlich um Stefan Bauer und seine Gäste, wenn er zu seinen traditionellen Weihnachtskonzerten anreist.

Doch die Altstadtschmiede denkt auch voraus. „Wir müssen sehen, dass wir nicht mit den Gründungsmitgliedern aussterben", sagt Withöft. Neue Formate werden erprobt – eine Battle-Rapperin aus Attendorn war im vergangenen Jahr ausverkauft, Karten gingen bis Berlin und Österreich. Auch die Mitgliederbasis wird gepflegt. Wer den Verein unterstützen möchte, kann direkt auf der Website einen Antrag stellen: www.altstadtschmiede.de/formular-mitgliedschaftsantrag. Die Sorge vor Überalterung kennt die gesamte Szene. Das erklärt jedoch nicht, warum die neue Kulturamtsleiterin die Jazzkonzertreihe im Recklinghäuser Theater eingestellt hat – zumal sie offenbar noch nie bei einem der Konzerte war. In der Szene stößt diese Entscheidung auf Unverständnis. Die volle Altstadtschmiede an diesem Abend bewies jedenfalls das Gegenteil: Es gibt ein Publikum für Jazz in Recklinghausen, wenn die Qualität stimmt.

Ermutigende Zeichen gibt es dennoch. Die Recklinghäuser Jazz-Initiative, die in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen feiert, hat einen Generationswechsel vollzogen. Ingo Marmulla , langjähriger Motor der Szene, hat sich etwas zurückgezogen. Jüngere wie Philipp Biermann und Joe Gauer gestalten das Programm nun federführend. Beim Jubiläum spielte eine Jugend-Combo, Workshops verbinden 13- und 70-Jährige. Bei den regelmäßigen Sessions sind junge Leute dabei. Es ist eine generationenübergreifende Sache, und genau das macht Hoffnung.

Was in Recklinghausen auffällt: Die verschiedenen Veranstalter arbeiten kooperativ statt konkurrierend. Tom Klatt mit seinen „Creative Outlaws", die Jazz-Initiative, die Altstadtschmiede – sie alle tragen dazu bei, dass der Jazz in dieser Stadt lebendig bleibt. Das ist nicht selbstverständlich, aber hier funktioniert es.

Angeschlossen an die große Welt

Als die letzten Töne von „Coast to Coast" verklungen waren, war klar: Dieser Abend war mehr als ein Konzert. Er war ein Beweis dafür, dass Jazz auch abseits der Metropolen gedeihen kann – wenn Menschen über Jahrzehnte dranbleiben, Netzwerke pflegen und Qualität zum Maßstab machen. Die Altstadtschmiede, dieses gemütliche Soziokulturzentrum an der Kellerstraße, ist seit 50 Jahren so ein Ort. Angeschlossen an die große Welt und mit Blick nach vorn. Genau das macht diesen Ort aus – und genau deshalb wird Stefan Bauer auch im nächsten Jahr wiederkommen.

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