Das Haus der Geschichte als Konzertort
Ulrich Gumpert, Michael Griener, Theresia Philipp und Sebastian Scobel
TEXT: Uwe Bräutigam | FOTO: Thilo Beu
Das Jazzfest Bonn präsentierte in Zusammenarbeit mit dem Haus der Geschichte einen besonderen Konzertabend mit zwei Duos von Musiker*innen, die in Sachsen geboren sind: zwei Urgesteine des DDR-Free-Jazz und zwei junge, nach der Wende geborene Musiker*innen, die in Dresden groß geworden sind. So war die Planung – doch der 82-jährige Schlagzeuger Günter „Baby" Sommer erlitt einen Schlaganfall, befand sich in der Reha und konnte das Konzert nicht spielen. Peter Materna , der künstlerische Leiter des Jazzfestes, wollte das Konzert auf keinen Fall ausfallen lassen und konnte den Schlagzeuger Michael Griener gewinnen, der seit über 30 Jahren mit Ulrich Gumpert zusammenspielt. Das war nicht einfach, da Griener als Vorsitzender der Deutschen Jazzunion bei der jazzahead! in Bremen im Einsatz war.
Von der Preußischen Elegie zum Black and Crazy Blues
Michael Griener ist zwar nicht in der DDR geboren, sondern in Nürnberg, aber dafür ein herausragender Schlagzeuger, der mit Ulrich Gumpert bestens eingespielt ist. Das Duo Gumpert & Griener agierte denn auch als unzertrennliche Einheit. Was nicht bedeutete, dass die beiden in erstarrten, hundertmal gespielten Formen verharrten oder ein bekanntes Programm abspulten.
Das Gegenteil war der Fall. Natürlich spielten sie Stücke, die sie seit Jahren kennen, aber als gute Jazzer spielten sie ganz im gegenwärtigen Moment und improvisierten aus der Situation heraus.
Mit „Conference at Luten's" wurde das Konzert eröffnet. Michael Grieners muskulöses Schlagzeugspiel ließ kurz die Befürchtung aufkommen, er könnte Gumperts Klavier in die Ecke drängen. Doch schon beim nächsten Stück, der „Preußischen Elegie", zeigte sich Griener als einfühlsamer, versierter Schlagzeuger, der die Akkorde von Gumpert gekonnt umspielte oder mit ihnen unisono ging.
Ulrich Gumpert gehörte zur Free-Jazz-Szene der DDR – das ist Teil seiner Geschichte, seiner Biografie. In der Musik des Bonner Konzerts klang dies jedoch nicht an. In den ersten drei Stücken war moderner europäischer Jazz mit leichten Anklängen impressionistischer Klassik zu hören.
Mit dem Blues „Lament for J.B." rückten dann die afroamerikanischen Wurzeln des Jazz stärker in den Vordergrund. J.B. stand für Jochen Berg, einen wichtigen Dramatiker der DDR, ab 1974 Hausautor am Deutschen Theater in Ost-Berlin. Seine Stücke waren in den letzten Jahren vor der Wende in der DDR verboten. Ulrich Gumpert hat mit Jochen Berg zusammengearbeitet und unter anderem mit ihm die Jazzoper „Die Engel" erarbeitet.
Das letzte reguläre Stück des Konzerts, „Hymnus", stammte von Günter „Baby" Sommer und war zugleich ein Gruß aus Bonn nach Rosenheim in die Reha. Diesem Gruß kann sich NRW Jazz nur anschließen und Günter „Baby" Sommer eine gute Genesung wünschen. Als Zugabe gab es noch ein Stück von Roland Kirk: „The Black and Crazy Blues".
Das Publikum war angetan von der hervorragenden Musik des Duos Gumpert & Griener, das sich unprätentiös präsentierte. Einfach nur gute Musik.
Jazz und Geschichte – Fragen an Theresia Philipp und Ulrich Gumpert
Das Konzert war eingebettet in die Dauerausstellung „Du bist Teil der Geschichte Deutschlands". Deshalb gab es zwischen den beiden Konzerten einen kleinen Jazz-Talk.
Ausstellungsdirektor Dr. Thorsten Smidt unterhielt sich mit Theresia Philipp und Ulrich Gumpert über die Fragen: „Wie viel Politik und Geschichte stecken im Jazz?" und „Wie sehr prägen eigene Erfahrungen und Herkunft das künstlerische Tun?"
Ulrich Gumpert erzählte, dass Jazz in der DDR als Musik der unterdrückten Schwarzen in den USA gesehen wurde und deshalb gespielt werden durfte. Er sei von Ray Charles, Art Blakey und Charles Mingus sehr beeindruckt gewesen. Dann seien in der DDR lauter Beatgruppen entstanden, die Rock'n'Roll spielten, wie im Westen. Gumpert und andere Jazzer gingen einen anderen Weg und ließen sich vom Free Jazz beeinflussen. Das war für sie ein Stück Freiheit – und Opposition gegen die Reglementierung durch das System.
Theresia Philipp , nach der Wende geboren, sieht sich gleichwohl als ostdeutsch sozialisiert. Sie spielte im Spielmannszug, den ihr Vater leitete. Doch dann habe sie Charlie Parker gehört und Freiheit in der Musik erlebt. Bis heute verbinde sie Jazz mit Freiheit. Für sie sei Musik – und eben auch Jazz – immer politisch. Sie ging noch einen Schritt weiter und sagte, dass für sie auch das Private politisch sei, auch wenn das nicht alle so sähen.
Leider war die Zeit zu kurz, um diese spannenden Themen weiter auszuführen. Vielleicht könnte dieser Jazz-Talk mit einer ostdeutschen Musikerin und einem Musiker aus zwei verschiedenen Generationen noch einmal im Haus der Geschichte mit einem größeren Zeitfenster wiederholt werden.
Theresia Philipp & Sebastian Scobel
Die Saxofonistin Theresia Philipp , die erste Frau in der Leitung des Bundesjazzorchesters, und der Pianist Sebastian Scobel , auch Mitglied der hr-Bigband, spielen schon seit 20 Jahren in verschiedenen Bands und Projekten miteinander. Als Duo waren sie bisher jedoch noch nie aufgetreten. Das Konzert auf dem Jazzfest Bonn war eine Premiere.
Beide besuchten das Musikgymnasium Dresden. Theresia kommt aus einer Arbeiterfamilie vom Dorf, Sebastian Scobel aus einem Akademikerhaushalt in Dresden. Eine gemeinsame ostdeutsche Identität erlebten sie erst, als sie nach Köln kamen.
Auf dem Konzert spielten sie Stücke von Theresia und von Sebastian. In der Vorbereitung haben sie geschaut, welche ihrer Kompositionen passen würden, und diese dann ausgewählt.
Begonnen hat das Konzert mit der Komposition „Five Noire" von Sebastian Scobel . Das Stück hat er für die Saxofonistin Christina Corvoisier geschrieben, in deren Quintett er spielt. Das passt natürlich gut: Der Weg vom Tenorsaxofon Christina Corvoisiers zum Altsaxofon Theresia Philipp s ist nicht so weit – ein größerer Sprung war da das Stück „We Change". Diesen Titel hatte Theresia ursprünglich als Auftragsarbeit für den NDR-Rundfunkchor geschrieben. Aber er funktionierte auch im Duo-Format. „We Change" war der erste von drei Titeln, die in einem Stück zusammengespielt wurden. Die beiden anderen stammten ebenfalls von Theresia. „Simple Truth" hat sie 2020 mit ihrer Band Pollon with Strings veröffentlicht, und auch der Titel „Seadollar" ist mit Pollon veröffentlicht worden, allerdings ohne Strings. Die drei ineinander übergehenden Stücke zeigten, welch herausragende Instrumentalist*innen auf der Bühne standen. Theresia phrasierte großartig und arbeitete sehr intensiv mit der Dynamik. Neben ruhigen, lyrischen Passagen brach sie an einigen Stellen laut und furios heraus. Sebastian Scobel wechselte vom Flügel zum Fender Rhodes und setzte auch eine Melodica ein.
Während im Duo Gumpert & Griener das Klavier die Führung hatte und das Schlagzeug als eigenständige Stimme unterstützte, wechselte bei Philipp & Scobel die Führung zwischen Klavier und Saxofon hin und her. Den Titel „Far Far" schrieb Theresia Philipp 2015 als Friedensgebet; sie widmet ihn den Menschen in der Ukraine und im Iran. Das wiederkehrende Motiv des Stückes vermittelte eine Eindringlichkeit, die sich mal ruhig, mal heftig ausdrückte.
Nach anhaltendem Applaus spielte das Duo – ebenso wie seine Vorgänger – einen Blues als Zugabe: „Papillon Blues" von Sebastian Scobel , ein Stück mit viel Swing.Damit ging ein Konzertabend mit zwei spannenden Duos zu Ende. Neben der großartigen Musik wurde auch ein kleines Stück deutscher Jazzgeschichte vermittelt.







