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Bremen bewegt

Unterwegs auf der jazzahead 2026

Bremen, 04.05.2026
TEXT: Bernd Zimmermann und Stefan Pieper | FOTO: Jens Schlenker

Wer als Veranstalter, Musiker, Journalist oder sonstiger Brancheninsider zur jazzahead! pilgert, weiß, dass die kommenden Tage eine besondere Mischung bereithalten: Wiedersehen, Zufallsbegegnungen, Konzerte, die überwältigen – und solche, von denen man zuvor nichts geahnt hat. Vom 22. bis 25. April 2026 fand in Bremen die größte Jazzmesse der Welt statt. Sie hat erneut geliefert. Und sie hat sich zugleich verändert – beides lohnt sich zu erzählen.

In Zahlen lässt sich der Umfang der Veranstaltung nur annähernd fassen: 2.984 Fachteilnehmende aus 62 Ländern, mehr als 20.000 Festivalbesucher, 38 internationale Showcase-Konzerte sowie 120 Auftritte bei der erstmals zweitägigen Clubnight in Bremen und Bremerhaven. Über 11.500 Menschen strömten durch Kneipen, Säle und – erstmals – durch den St. Petri Dom. Die jazzahead! entwickelt Jahr für Jahr eine eigene Schwerkraft. Doch Zahlen erzählen nur die halbe Geschichte. Wer am Freitagabend in Halle 7 stand und sah, wie tausend Menschen zu Sahad aus dem Senegal tanzten, verstand, was Bürgermeister Andreas Bovenschulte in seiner Preisrede meinte: „Jazz bürstet Hörgewohnheiten gegen den Strich und hat gleichzeitig Spaß.“ Ein Satz, der in Bremen einfach passt.

Konzerte, die die Erwartung sprengen

Knobil, eine Schweizer Bassistin und Sängerin, trat mit Kontrabass und Bassklarinette auf die große Showcase-Bühne – und zog das Publikum unmittelbar in ihren Bann. Was in der offiziellen Bilanz als „humorvolles Charisma“ beschrieben wird, war live ein Ausnahmezustand: hochgradig unterhaltsam, mit einer Bühnenpräsenz, die sich nicht lernen lässt. Umso erstaunlicher wird die Wiederbegegnung wenige Wochen später in einem völlig anderen Rahmen: am 24. Mai in der Werkstatt Gelsenkirchen, vor vielleicht fünfzig Menschen. Genau dafür existiert diese Messe.

Ein schwedisches Quintett wiederum ließ alle Erwartungen kollabieren. Mit der Vorstellung von „American Songbook“-Ästhetik im Hinterkopf betraten wir den Schlachthof – und wurden eines Besseren belehrt: zwei Keyboarder (einer davon zusätzlich an der Geige), dazu Schlagzeug, Kontrabass und eine Saxophonistin, die während der Soli ihrer Mitmusiker "bekniete", um den Blick auf sie freizugeben, und anschließend mit voller Energie ins Ensemble zurückkehrte. Eine Performance im besten Sinne, auch Dank des mitreißenden Publikums. Die Platte, das sei deshalb gesagt, bildet das Live-Ereignis im Schlachthof nicht einmal ansatzweise ab. Schwedischer Jazz – neu vermessen!

Und schließlich Sharon Mansur, die israelische Pianistin mit klassischem Hintergrund und aktuellem ACT-Album. Die ersten beiden Stücke waren energisch, konzentriert, irgendwo zwischen Ron Minis und Schalosh, jedoch dichter gedacht. Danach kippte der Eindruck – zumindest aus dieser Perspektive – in Richtung Routine. Keine Abrechnung, sondern eine Momentaufnahme, die sich am 9. Mai in der Christuskirche Gelsenkirchen neu bestätigen oder widerlegen lassen wird. Und man muss es klar sagen: Der Sound ´- vor allem in Halle 7 - ist außergewöhnlich. Zehntausend Quadratmeter Stoff an den Wänden, Filz auf dem Boden, dazu tausend Körper, die zusätzlich dämpfen – wer Konzerte produziert, weiß, was das bedeutet. Bei der jazzahead! ist es Standard.

Was sich verändert hat

Die Messe selbst hat sich in den vergangenen Jahren deutlich gewandelt. Große Labelstände sind kaum noch präsent: kein ACT, kein ECM, kein Enja – kaum noch deutsche Labels überhaupt. Stattdessen einzelne kleinere Imprints, teils aus dem Ausland, oft mit minimaler Präsenzfläche.

Gleichzeitig gewinnen Länderstände zunehmend an Bedeutung. Estland, Lettland und Litauen – nicht zufällig Partnerregion 2027 – ebenso Rumänien, die Ukraine, Brasilien, die USA, Australien und Griechenland. Großbritannien präsentiert sich inzwischen getrennt, aber an einem gemeinsamen Stand, nach Wales, England und Schottland – ein Bild, das vor wenigen Jahren kaum denkbar gewesen wäre. Schweden, Partnerland 2026, trat mit einem großen Stand auf. Der German Market dagegen wirkt fragmentiert, eher Sammlung als Konzept. Auch klassische Booking-Stände sind weitgehend verschwunden. Gespräche finden heute in kurzen 15-Minuten-Slots im Café-Bereich oder gleich in den Gängen statt – nicht schlechter als früher, aber deutlich anders strukturiert.

Eine Begegnung, die hängen bleibt

In einer der Messehallen begegnete uns ein junger Mann,  Klavierstudium in Arnheim, der seinen Lebensunterhalt mit Auftritten auf Hochzeiten verdienen muss. Er sagte, er sei durch nrwjazz zum Jazzmusiker geworden. Mit 16 habe er auf der Website die Liste der Jam Sessions im Ruhrgebiet entdeckt und sei systematisch von einer zur nächsten gefahren. Damals habe es diese Übersicht sonst nirgendwo gegeben. Eine dieser Begegnungen, die sich sofort in Gedanken an Aufgaben verwandelt: Vielleicht müssen die Jam Sessions wieder sichtbarer werden. Im Gespräch mit dem künstlerischen Leiter der Münchener Unterfahrt wurde deutlich, wie dort durch gezielte Öffnung der Sessions für fünf Euro Eintritt 170 bis 180 junge Besucher pro Abend erreicht werden. Nach einigen Besuchen kommen viele zu den regulären Konzerten – mit einer Auslastung von rund 90 Prozent bei über 320 Veranstaltungen im Jahr. München ist nicht NRW, die Strukturen sind andere. Aber der Mechanismus funktioniert. Und der Austausch mit Gleichgesinnten bleibt eines der zentralen Elemente der jazzahead!.

Das Entscheidende bleibt unverändert

Auf der Rückfahrt bleibt der Eindruck, dass sich die jazzahead! neu justiert, ohne ihre Funktion zu verlieren. Sie ist weniger Plattenmesse als internationale Reisebörse für Festivals, weniger Label-Schaufenster als Plattform für Länder, die ihre Szenen präsentieren wollen. Wer über Jahre Netzwerke aufgebaut hat, fährt mit neuen Einladungen nach Hause. Wer neu einsteigt, muss länger laufen. Unverändert bleibt das Entscheidende: die Konzerte, die überraschen – und die leisen Empfehlungen im Vorbeigehen, die verhindern, zu früh zu gehen.

Die nächste jazzahead! findet vom 21. bis 24. April 2027 statt. Partnerregion ist das Baltikum. Wir werden wieder da sein.

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