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JAZZ IN DAUERROTATION

Ein Bericht vom Outreach Festival in Tirol

Schwelm, 12.08.2026
TEXT: Christoph Giese | FOTO: Peter Meisel

Die Rolling Stones im Jazzgewand? Ja, warum denn nicht! Vor allem, wenn man so gewitzt aufzuspielen weiß wie das ungarische Kálmán Oláh Trio. Ein klassisches Pianotrio des Jazz, das mit Eigenkompositionen des Bandleaders und Pianisten Kálmán Oláh oder einer Nummer des US-Bassisten Steve Swallow schon seine Vielseitigkeit im weiten Feld des Modern Mainstream unter Beweis stellt im SZentrum der Silberstadt Schwaz. Dann stößt US-Saxofonist Tim Ries im zweiten Set zum Trio und die nun vier Musiker verwöhnen weiterhin. Und überraschen. Denn das Thema von John Coltranes „Giant Steps“ dient als Klammer für das Zusammenbringen von coltranesken Sounds mit Bach und Flamenco. Was für eine Kombination, die auch noch wunderbar funktioniert. Set Nummer Drei: Jetzt spielt auch Festivalgründer und Trompeter Franz Hackl mit. Und die nun zum Quintett angewachsene Band schnappt sich die Stones-Nummer „(I Can´t Get No) Satisfaction“ und macht daraus einen coolen Jazztrack. Eigentlich naheliegend, dass so ein Stück erklingt, hat Tim Ries auf zwei Alben und mehreren Tourneen mit den Rolling Stones zusammengespielt.

Ein Konzept, das über das reine Konzertevent weit hinaus reicht

Wer sich nun wundert dass beim Outreach Music Festival in Tirol drei Sets von jeder Band gespielt werden, muss das Konzept des Festivals kennen, das mit Workshops und neuerdings auch Verbindungen zur Kunst mehr sein möchte als ein reines Konzertevent. Zur Corona-Zeit war zeitweise nur ein Konzert pro Abend erlaubt. Da stellte man im SZentrum einfach alle drei Bands des Abends auf die große und breite Bühne des Festival-Hauptspielortes. Und ließ sie nacheinander jeweils 20-minütige Sets in Dauerrotation spielen. Und so ist es geblieben. Eine interessante, spannende Konzert-Dramaturgie, die auch die Musiker zum Umdenken zwingt, sind sie es doch gewohnt Sets von etwa 45 Minuten zu spielen.

Das kleine Schwaz mit seinen knapp 15.000 Einwohnern, 30km östlich von Innsbruck gelegen, einst eine Bergbaumetropole mit seinen Silbervorkommen, sei eine echte Kulturstadt, hört man in der Ansprache zur Festivaleröffnung von der Kulturreferentin der Stadt. Jede Menge Festivals gebe es. Und seit 34 Jahren nun auch schon das Outreach. Der Tiroler Trompeter Franz Hackl stammt aus Schwaz, hat seinen Hauptwohnsitz zwar längst in New York, aber seine Heimat nie vergessen. Und mit seinem interdisziplinären Festival, bei dem der auch aus Tirol stammende Bassist Clemens Rofner als Co-Direktor an seiner Seite fungiert, etwas Großartiges geschaffen.

Drei Jahrzehnte existiert auch schon Franz Hackl´s Outreach Orchestra, das Hausensemble des Festivals, ein bläserdominiertes Ensemble, das immer unterhaltsam zwischen den Stilen anspruchsvoll und ganz eigen zu musizieren weiß. Die britische Sängerin Heidi Vogel als Gast zeigte mit ihrer dunklen, kräftigen Stimme, warum sie in Großbritannien gerade dabei ist sich überall einen klangvollen Namen zu ersingen. Mit dem Munich Composer Collective (MCC) präsentierte sich in Schwaz noch eine weitere, vom Geiger Gregor Hübner ins Leben gerufene und geleitete Großformation, eine Band die aus aktiven und ehemaligen Studierenden des Jazzinstituts und der Klassikabteilung der Musikhochschule München besteht. Bläser und Streicher und Rhythmusgruppe. Mit dabei auch die ehemalige Studentin, die deutsche Sängerin, Musikerin und Bigband-Leiterin Monika Roscher. Alleine Roscher mit ihren herrlichen Klangdramaturgien in ihren Kompositionen, eine pure Freude. Aber überhaupt zeigte sich das MCC als wunderbar tönendes, ganz eigenständiges Ensemble zwischen Jazz und zeitgenössischer Klassik.

Sehr erfrischend 

Und es gab noch so viele weitere wunderbare Musiker beim diesjährigen Outreach zu hören. Den britischen Saxofonisten Iain Bellamy in Quartettbesetzung mit dem fantastischen Gitarristen Rob Luft an seiner Seite etwa. Gerade diese beiden harmonierten magisch miteinander. Mit seinem Trio zeigte der deutsche Bassist (und Klarinettist) Nils Kugelmann mit seiner melodisch geprägten, kompositorischen Handschrift und seinen zugänglichen, rhythmisch feinen und vielseitigen Stücken Musik warum ihm zuzuhören ein echter Genuss ist, auf seinen beiden seinen Instrumenten! Die Tiroler Saxofonistin und Flötistin Yvonne Moriel und ihr Quartett Sweetlife brillierten mit ihrer offenen Herangehensweise fernab von Stilkategorien. Da mischt sich mal Dub, mal Elektronik in die dichten Dialoge der vier Beteiligten, angetrieben von den Drums und vor allem von der fantastischen Stephanie Weninger an Moog und Keyboards. Sehr erfrischend dieses Quartett!

Den ukrainischen Pianisten Vadim Neselovskyi zusammen mit einem Streicher-Trio seine Suite „Perseverantia“ in Schwaz zu hören, wurde dagegen zu einer emotionalen Reise in den Krieg, den Russland 2022 gegen die Ukraine angezettelt hat und der nicht enden will. All seine Gefühle, was dieses Thema angeht, mit all seinen Facetten, auch Beharrlichkeit und Widerstand der Ukrainer, hat Neselovskyi in Töne zwischen Jazz, Neoklassik, osteuropäischer Folklore, Kammermusik und Metal gesetzt. Musik, die in jedem Moment berührte und unweigerlich unter die Haut ging. Was Outreach noch ausmacht ist die Tatsache dass das Festival Musiker auf ihren Wegen begleitet. Die junge Geigerin Leonie Grössl aus Schwaz ist als Kind mit ihrem Vater immer zum Festival zum Zuhören gekommen. Mittlerweile studiert sie Jazzgeige in Linz und durfte auf der zweiten, kleinen Festivalbühne mit ihrem Trio Earth Shelters My Precious Self ihr erstes Konzert spielen. Festivalgründer Franz Hackl sind solche Geschichten wichtig, möchte er mit seinem Festival ja sowieso mehr sein als nur ein Ort, an dem Musiker für einen Gig nur kurz vorbeischauen.

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