Luftsprünge und Inselhüpfen
Eindrücke vom Canarias Jazz 2026
TEXT: Christoph Giese | FOTO: @canariasjazz & Nacho González Oramas (Jacob Collier)
Sich selbst sieht er als Jazzsänger für die HipHop-Generation. Und José James liebt den verführerischen Soul und R&B eines Marvin Gaye, sein großes musikalisches Vorbild, wie er dem Publikum in La Laguna auf Teneriffa schon zu Beginn mitteilt. Dass dessen ehemaliger Produzent Leon Ware auch mit ihm zusammengearbeitet hat, wie praktisch. Zum 50-jährigen Jubiläum von Gaye´s von Leon Ware produzierten Album „I Want You“ ist der US-Sänger nun mit diesen Songs auf Tournee und machte auch beim gut dreiwöchigen Festival Canarias Jazz y más Halt. Und man durfte gespannt sein, wie José James dieses Werk interpretieren würde. Erst einmal hatte er mit der jungen, französischen Sängerin Célia Kameni eine bezaubernde weibliche Stimme an seiner Seite, der er viel Raum einräumte. Und dann interpretierte er die Songs, allerdings gar nicht so viele von „I Want You“, von Marvin Gaye anders, frisch, modern aufpoliert, mit Spoken Word- und Rapeinlagen. Und mischte sie mit Material seiner eigenen Alben. Und da spürte man die musikalischen Verbindungen von José James mit der Soul-Ikone. Und dass James weiß wie man eine Liveshow richtig inszeniert, zeigte er auf den Kanaren ebenfalls. Zunächst gibt es am Schluss des regulären Sets den Gaye´s Superhit und Protestsong „What´s Going On“ auf die Ohren, bevor der Amerikaner und seine Band bei der Zugabe das Publikum mit Bill Withers´ tanzbaren Ohrwurm „Lovely Day“ von den Sitzen holen.
Ein Festival, acht Inseln, Konzerte zwischen Atlantik und Altstadt
Auch in der Hauptstadt von Gran Canaria schaute José James am Tag darauf vorbei. Das macht dieses Festival auch für Musiker so interessant. Sie reisen auf gleich zwei, manchmal auch drei der acht bewohnten Kanareninseln und treten dort auf. Und auf den beiden Hauptinseln Teneriffa und Gran Canaria sind auch nicht immer nur die größeren Städte Konzertorte. An einem Wochenendtag geht es in jedem Jahr zum Beispiel ins auf 500 Meter gelegene, kleine Städtchen Santa Brígida, eine knappe halbe Autostunde von Las Palmas de Gran Canaria entfernt. Da sitzt man dann draußen unter großen alten Bäumen bei freiem Eintritt und erfreut sich an zwei Bands. Wo die junge Schweizer Pianistin Manon Mullener mit ihrem Quintett und einer Mischung aus Latin-Rhythmen und selbstkomponiertem, europäisch klingenden Jazz zwar sehr nett unterhielt, aber auch Musik ohne Risiko bot, konnte danach das brasilianische Hamilton de Holanda Trio das Publikum vollends verzücken. Zunächst einmal sind viele Melodien des so genialen Mandolinspielers zumindest mitsummbar, was so mancher vor der Bühne auch im Laufe des Konzertes tat. Und wie de Holanda, unterstützt von Salomão Soares an den Tasteninstrumenten und Thiago „Big“ Rabello am Schlagzeug, mit seiner beeindruckenden Virtuosität und Klanggestaltung Samba mit Choro und Jazz verknüpft, das reißt beim Zuhören mit. Auch weil er auf seinem Bandolim, einer speziellen zehnsaitigen Mandoline, so erfrischend improvisiert, in seinem Spiel seine heimischen Volksmusiktraditionen durchschimmern lässt und dabei Melodien, Harmonien und Rhythmus immer neu auslotet.
Der Entertainer, der 1600 Menschen dirigiert
Und dann war da ja noch Jacob Collier, der hyperaktive, barfuß und mit bunter Schlabberhose auf die Bühne regelrecht stürmende Brite. Für zwei Konzerte traf der Anfangdreißiger auf das Philharmonische Orchester von Gran Canaria, das für diesen Anlass von Jacob´s Mutter Suzie Collier geleitet wurde. Und beide Abende in zwei großen Auditorien auf Teneriffa und in Las Palmas de Gran Canaria waren ruckzuck ausverkauft. Denn man weiß ja, eine Show mit Jacob Collier ist unterhaltsam, ist anders. Die erste der beiden im Sala Sinfónica des Auditoriums Alfredo Kraus, direkt am langen Stadtstrand Playa de Las Canteras der Hauptstadt von Gran Canaria, beginnt schon beim Betreten des Saales mit Staunen. Denn der große, nach unten abfallende Saal offeriert einen tollen Blick direkt aufs Meer, bevor zu Konzertbeginn das riesige Fenster mit einem Vorhang abgedunkelt wird. Collier spielt sich mit Verve und Witz durch die Popgeschichte und eigene Songs und bezieht das Publikum immer wieder als spontanen Chor mit ein. Da klingt es irgendwann auch mal wie im Dschungel, als die Leute flöten, zwitschern und allerhand Sounds imitieren. Und dann muss auch das Orchester ran bei der Improvisation. Jede Instrumenten-Sektion soll ein paar Töne spielen, die Jacob Collier genau vorgibt. Stück für Stück erarbeitet der Brite so eine Nummer. Aber das dauert natürlich ewig und auch viel zu lange. Doch das Resultat ist grandios. Denn irgendwann setzt sich Collier ans Klavier, lässt das Orchester die zuvor geprobten Parts zusammen spielen und es mündet alles in die Queen-Hymne „We are the Champions“, die ja immer gerne bei Siegerehrungen von Sportevents gespielt wird. Wie passend dieser Song gewählt ist, hat Spanien doch gerade erst die Fussball-Weltmeister gewonnen. Der Saal tobt, spätestens jetzt hat Jacob Collier die 1.600 Menschen komplett um den Finger gewickelt. Und es geht immer weiter. Über zweieinhalb Stunden lang. Immer voller Spontaneität. Energieverlust – für den Briten kein Thema. Man muss diese Art von Konzertshow und seine ständige Überdrehtheit schön mögen, dann ist es fantastisch.
Fantastisch auch, was man alles neben dem Jazz noch so auf den Inseln, zum Beispiel auf Gran Canaria, noch machen kann. Durch kleine, alte Städte und Dörfer flanieren, in einem Höhlenrestaurant speisen oder den Naturpark Bandama besichtigen.
Die Reise zu diesem Festival wurde unterstützt von Turismo de Gran Canaria.















