Internationales Jazzfestival Münster
Viel spannender Jazz beim Shortcut
TEXT: Christoph Giese | FOTO: Christoph Giese
Was für eine Stimme. Was für eine Intensität. Und was für eine Ausstrahlung hat diese Frau auch noch. Und dabei macht Naїny Diabaté gar nicht einmal viel. Keine Show, nichts. Die Sängerin aus Mali steht in ihrem bunten langen Kleid einfach auf der Bühne des Theaters Münster vor ihrem Mikrofonständer und singt. Aber wie. Durchdringend, kraftvoll, unter die Haut gehend, direkt rein ins Gefühlszentrum der zahlreichen Zuhörerschar vor ihr. Die in ihrer Muttersprache Bambara gesungenen Stücke in der Tradition der Griots handeln von vielen Dingen des Lebens, auch von Frauenrechten oder Gleichberechtigung. Aber manchmal geht es auch nur um einen Hund. Banal, und doch in der Umsetzung genial. Denn da ist ja noch Eve Risser mit auf der Bühne, die großartige Französin am mitunter präparierten Klavier, an der Bassdrum, am Gesang und mit ein wenig Elektronik. Wie sich die beiden gesanglich die Bälle zuwerfen bei dem Hundesong – köstlich. Risser versteht die afrikanische Musik und Griot-Tradition bestens und weiß diese mit ihren jazzigen Improvisationen am Klavier genial zu verschmelzen.
Dieses Duo, das unter dem Namen Anw Be Yonbolo auftritt, was so viel wie „Wir sind zusammen“ bedeutet, war der dritte von vier Acts beim „Shortcut“, der Kurzausgabe des Internationalen Jazzfestivals Münster. Und was sollte jetzt danach noch kommen? Keine leichte Aufgabe für den Trompeter Richard Koch. Und tatsächlich musste man sich erst ein wenig einhören in den ohnehin eigenwilligen Musikmix des Österreichers und seines mit Geige, Akkordeon, Kontrabass und Perkussion besetzten Quintetts. Aber dann entfaltete sich der Charme seiner Klänge zwischen Folkloren verschiedenster Couleur, Nahöstlichem und jazzsolistischen Zückerchen, vor allem von Koch selbst. Wie seine Trompete juchzen, singen oder zirpen kann. Der Pustefix und seine Perkussionistin Nora Thiele waren am Sonntagmittag noch einmal in der Dominikanerkirche mit einer halben, wunderbar improvisierten Stunde zu erleben. Dieses Raum-Klang-Erlebnis bei freiem Eintritt ist seit vier Jahren fester und beliebter Teil des Festivals geworden.
Himmlische Musik
Gestartet hatte es mit der Deutschlandpremiere eines fantastischen neuen Quartetts um den französischen Posaunisten und Sänger Robinson Khoury. Auch hier war Eve Risser schon an den Tasten zu bestaunen, zudem Kontrabassist Simon Drappier und die betörend emotional aufspielende Lina Belaїd am Cello. So ungewöhnlich diese Besetzung, so außergewöhnlich die Klänge. Kammermusik zwischen Barock, Minimal und Neuer Musik und natürlich Jazz. Himmlische Musik, auch mal basierend auf einem alten französischen Tanz. Eine oft ruhige, ergreifende Begegnung von Kulturen, eine Schönheit der Unterschiede, die nachhaltig berührte.
Und dann kündigt Festivalleiter Fritz Schmücker Free-Jazz an. Und man bereitet sich auf Soundgewitter vor. Und wird dann überrascht vom Ruf der Heimat, dem Quartett der beiden aus Münster stammenden Musiker Thomas Borgmann (Saxofone) und Willi Kellers (Schlagwerk). Seit Anfang der Neunziger Jahre gibt es die Band, die aktuelle Besetzung mit Bassist Jan Roder und Posaunist Christof Thewes existiert auch schon seit einiger Zeit. Vier Musiker, die auf der Bühne komplett improvisieren und dabei auch mal herrlich hymnisch klingen. Die jeweils ihr Ding machen, aber den anderen zuhören und gemeinsame, auch melodiöse Wege suchen und finden.
Bunt, spannend, entdeckenswert – Münster hat mal wieder eindrucksvoll gezeigt, wie der aktuelle, zumeist europäische Jazz so tönt.








