Intensive Tage mit großem Jazz
Starke Eindrücke vom Bergamo Jazz 2026
TEXT: Christoph Giese | FOTO: Bergamo Jazz Festival
Irgendwann klatscht das Publikum mit. Einer versucht sogar ständig mit seinem Fuß diese Rhythmen auf den Boden zu klopfen. Schwierig, das alles. Schließlich stehen auf der Bühne Saxofonist Steve Coleman und seine Langzeitband Five Elements. Und diese Truppe ist ja nun mal bekannt für verrückte Rhythmen. Und das ist beim Konzert der vier Amerikaner in der wunderschönen Kulisse des beeindruckenden Teatro Donizetti im Herzen Bergamos nicht anders. Wie hier unterschiedliche rhythmische Teilbewegungen ineinander verschachteln und dennoch wie selbstverständlich grooven, das haben Steve Coleman, Trompeter Jonathan Finlayson, Rick Brown auf dem E-Bass und Drummer Sean Rickman einfach perfektioniert. Schneidend und schlank tänzelt das Altsaxofon vom Bandleader über diesem Rhythmusgebräu und liefert sich immer wieder aufgeheizte Konversationen mit Finlaysons Trompete. Minutenlang geht das so. Neu ist das überhaupt nicht und deshalb auch in keiner Sekunde überraschend. Aber faszinierend ist es nach wie vor.
Der italienische Pianist Franco D´Andrea ist noch viel länger auf der Jazzszene aktiv als Steve Coleman. 85 Jahre alt wurde der Tastendrücker aus Merano gerade erst und spielt mit seinem Trio mit Kontrabassist Gabriele Evangelista und Schlagzeuger Roberto Gatto im Teatro Sociale in Bergamos auf einem Hügel thronenden Altstadt. Ein Mann der großen Worte ist dieser Italiener nicht, kein Wort spricht er. Sein Klavierspiel an diesem Abend ist zeitlos schön und elegant. Sanft swingen die drei Italiener, durchstreifen dabei ganz entspannt das Standardrepertoire des Jazz. Ein unspektakulärer Auftritt, der aber in jeder gespielten Note die pure Schönheit des Jazz offenbart.
Intensität im Geiste des Hier und Heute
The Bad Plus haben nach über einem Vierteljahrhundert Bandgeschichte ihr Abschiedsjahr angekündigt. Zum Quartett haben die beiden The Bad Plus-Mitbegründer Reid Anderson (Kontrabass) und Dave King (Schlagzeug) ihre Band nun wachsen lassen, mit Saxofonist Chris Potter und Pianist Craig Taborn zwei Giganten des aktuellen Jazz dazugeholt, um mit einer jazzhistorischen Hommage an Keith Jarretts American Quartet, das in den 1970er Jahren in der Besetzung mit Tenorsaxofonist Dewey Redman, Bassist Charlie Haden und Schlagzeuger Paul Motian für Furore sorgte, das Publikum im einmal mehr ausverkauften Teatro Donizetti zu verzaubern. Vor allem weil diese vier wenig davon halten, respektvoll mit den vielfach von Jarrett stammenden Kompositionen umzugehen, sondern sie vielmehr als Startpunkt für mutige, wilde, zupackende Improvisationen voller Intensität und im Geiste des Hier und Heute nutzen. Um dann in einer Nummer wie Charlie Hadens traumschöner Ballade „Silence“ aber auch zu zeigen wie sensibel, zurückgenommen und die Seele wärmend sie ebenfalls musizieren können.
Was gab es noch in Bergamo zu hören? Das Duo von Bassist Dave Holland und Gitarrist Lionel Loueke etwa, die sich in leisen Zwiegesprächen gegenseitig Räume öffneten in einem vielleicht zu langen Set, das nach einer Weile nämlich ein wenig ermüdete. Die legendären The Jazz Passengers mit einem vergnüglichen und bunten Streifzug durch ihre lange Bandgeschichte. Oder die in Italien populäre Sängerin Simona Molinari, die mit Klasse-Band im Rücken bekannte (Frauen-)Lieder aus Italien und der Welt sang, darunter „Gracias a la vida“ von Mercedes Sosa und ein auf Farsi gesungenes, total berührendes Lied der weiblichen Protestbewegung im Iran.
Hommage an zwei 100jährige Geburtstage
Und wie man ein Festival beschließt, das wissen sie in Bergamo. US-Saxofonist Joe Lovano, der als künstlerischer Leiter zusammen mit Roberto Valentino nun schon im dritten Jahr das Programm von Bergamo Jazz gestalten darf, hat sich für den Festivalabschluss im Teatro Donizetti ein Dream-Team zusammenstellen dürfen, das er anführt und mit dem er die 100-jährigen Geburtstage der beiden verstorbenen Jazzikonen Miles Davis und John Coltrane feiert. Und ist man ja oft skeptisch bei solchen Allstar-Bands – hier stimmt die Chemie, hier wird herrlich miteinander musiziert, zitiert, kreiert. Drew Gress am Kontrabass, Joey Baron am Schlagzeug und Leo Genovese an den Tasteninstrumenten - was für eine Rhythmusgruppe! Dazu die Saxofonisten George Garzone und Shabaka Hutchings, der auch Flöten spielt. Und Trompeter Avishai Cohen. Lediglich Gitarrist Jakob Bro wirkt meist ein wenig verloren auf der Bühne, hört mehr zufrieden lächelnd den anderen zu als dass er selber Akzente setzt. Dieses Ensemble um Joe Lovano sprüht vor Spielwitz und Spielfreude, taucht zweieinviertel Stunden lang in die musikalischen Welten von Davis und Coltrane ein. Das Publikum tobt am Ende. Und man geht aus dem Theater hinaus in die kühle Nacht, ist beseelt und freut sich trotz vier langer Tage voller Musik irgendwie schon ein wenig auf Bergamo Jazz 2027.








