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Im Epizentrum des Hörens

Eindrücke von den Wittener Tagen für neue Kammermusik

Witten, 29.04.2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Claus Langer

Bei den 58. Wittener Tagen für neue Kammermusik zeigte sich eindrucksvoll, wie porös die Grenze zwischen komponierter Neuer Musik und freier Improvisation inzwischen geworden ist – und wie unmittelbar Musik auf die Erschütterungen der Gegenwart reagieren kann.

Kurz vor Mitternacht im Wittener Festsaal, und das Publikum rastet aus. Peter Evans, vor allem durch seine zahlreichen Moers-Auftritte als freigeistiger Trompetenvirtuose bekannt, hat mit Music for Brass Quintet ein Stück geschrieben, in dem sich ein Transformationsprozess mitverfolgen lässt, der viel über die musikalische Gegenwart erzählt: wie ein improvisierender Musiker in seinen Soli Grundlagenforschung betreibt – und diese später in einen komponierten Rahmen überführt. Die irrwitzigen Spielfiguren, die man von Evans’ Soloauftritten kennt, leben hier in einer hochkomplexen polyphonen Struktur weiter: Horn, zwei Trompeten, Posaune, Tuba. Da ist der ganze Spielwitz und die subversive Lässigkeit der freien Szene – übertragen in eine polytonale Architektur, die für die Ausführenden eine brachiale Tour de Force gewesen sein muss. Wer zu jener wohl überschaubaren Schnittmenge gehört, die sowohl das Moers Festival als auch die Wittener Tage regelmäßig besucht, konnte hier hören, wie eine alte Grenzziehung endgültig hinfällig wird.

Die 58. Wittener Tage für neue Kammermusik bewiesen nicht nur mit diesem Konzert ihr kompromissloses Bekenntnis zu maximaler künstlerischer Qualität. Dass das diesjährige Festivalmotto „Gegenwart. Unentrinnbar.“ mehr als eine kuratorische Geste war, zeigte sich bereits am Eröffnungsabend. Das Klangforum Wien spielte drei hochkomplexe Werke von Isabel Mundry, Márton Illés und der Porträtkomponistin des Festivals, Chaya Czernowin. Elena Schwarz dirigierte mit einer Präzision, die keinen Rückzugsraum ließ; die Live-Elektronik des französischen IRCAM, einer der weltweit wichtigsten Institutionen elektroakustischer Klangforschung, erweiterte den Ensembleklang ins Spektrale und verlieh dem Wittener Saalbau faszinierende Raumwirkungen.

Plötzlich war eine beklemmende Aktualität da 

Patrick Hahn, der die Konzeption noch verantwortete, bevor Anselm Cybinski die Leitung übernahm, hatte darauf hingewiesen, dass vieles vor den jüngsten weltpolitischen Eskalationen kuratiert worden war. Der Irankonflikt und die Verschärfungen im Nahen Osten gaben dem Festival kurzfristig eine beklemmende Aktualität, die so nicht absehbar gewesen war. Dass eine israelische Komponistin und ein iranischer Komponist teilweise im selben Konzert zu hören waren, verlieh den Erlebnissen in Witten eine Aufrichtigkeit, die man bei anderen Festivals bisweilen vermisst. Hier sprach die Musik aus sich selbst heraus – ohne Slogans, ohne Manifeste, aber mit einer Haltung, die das politische Beben der Gegenwart seismografisch aufnahm.

Den Kulminationspunkt setzte Chaya Czernowins Uraufführung The Redheaded Man in der WERK°STADT, einer neuen postindustriellen Spielstätte des Festivals. Die israelische Komponistin hat ein neues Musiktheater nach Texten des sowjetischen Absurdisten Daniil Charms geschaffen, jenes empfindsamen Anarchisten und Pioniers des absurden Theaters, der selbst von totalitären Verhältnissen zermalmt wurde. Czernowin, die erstmals selbst Regie führte, machte jeden Klang zum Darsteller: Stimmen wispern, Trommelwirbel peitschen, Musiker formieren sich zu sozialen Skulpturen, bevor sie sich erschöpft fallen lassen. Gespenstische Assoziationsfelder von Flucht und Verfolgung öffnen sich; Szenen, die an Deportation denken lassen – aber auch absurder Humor, der dem Grauen die Stirn bietet. Den Gipfel des physischen Unbehagens erreichte eine Passage, in der alle Beteiligten Cellobögen über Styroporblöcke strichen: ein Frösteln, schlimmer als jede zu kalt eingestellte Klimaanlage. Dass eine israelische Komponistin im Jahr 2026 willkürliche Gewalt auf Basis sowjetischer Texte inszeniert und damit dem Festivalmotto so unmittelbar gerecht wird – das war keine geplante Pointe, sondern Wirklichkeit, die sich in die Kunst einschreibt.

Am Samstagabend stellte die Basel Sinfonietta unter Titus Engel noch einmal israelische und iranische Werke nebeneinander. Das dunkle Timbre der Altistin Noa Frenkel verschmolz mit den Orchesterfarben zu einer bezwingenden Einheit; die Musik behauptete einen Dialog, den die Politik verweigert. Dazwischen als radikaler Gegenpol Gofrâm Kajâms spirituelles Seven Valleys of Love – Musik über die Liebe als tiefsten Kern des Seins. Eine beinahe tröstliche Botschaft inmitten eines Festivals, das die Erschütterungen der Gegenwart nicht beschönigt, sondern hörbar macht.

Dramaturgisch klug war es, nach all dieser Dringlichkeit das Abschlusskonzert mit dem WDR Sinfonieorchester als Abrundung ins Transzendentale zu setzen. Klangsinnliche Traumsequenzen, Reminiszenzen an spätromantische Klangfarben, dazu feinste Elektronikinterventionen des IRCAM. In Czernowins No! A Lament for the Innocent blieben die verzweifelten Rufe der Sopranistin haften – ein letzter Protest, bevor das Unentrinnbare zur Ruhe kommen durfte.

Ein kostbares Refugium der künstlerischen Freiheit 

Und dann, als hätte sich ein Bogen geschlossen: das Trio AbstraktMarlies Debacker am Klavier, Salim Javaid am Saxophon, Shiau-Shiuan Hung am Schlagzeug. Die drei bewiesen ein untrügliches Händchen für Steigerungsdramaturgie: von Alberto Posadas’ Obertonfarbenreichtum über Ramon Lazkanos expressiven Druck bis zu Günter Steinkes Voltage, das in einen regelrechten Spielrausch mündete. Der Flügel fauchte unter Debackers Schlägeln und E-Bow, Zusammenballungen von Klanggesten erzeugten eine kolossale Raumwirkung. Eine Absage an jede Form von Domestizierung – und zugleich der Beweis, dass die Grenze zwischen komponierter Neuer Musik und improvisierter Praxis in Witten endgültig keine Rolle mehr spielt. Genau das macht dieses Festival zu einem kostbaren Refugium künstlerischer Freiheit in einer Zeit, die solche Freiräume bitter nötig hat.

Das Festival tut gut daran, sich aus dem elitären Elfenbeinturm mit seinen Uraufführungen vor international angereistem Publikum hinauszubewegen und im öffentlichen Raum der Stadt Witten zu intervenieren. Am Samstagmorgen zog die CHING DONG Band mit Musikern wie Matthias Schriefl und Simon Rummel als fröhliche Prozession durch die Fußgängerzone. Nett war das, freundlich, bunt, mit frischen Klezmerklängen und schließlich sogar der Eroberung eines Linienbusses. Um den öffentlichen Raum jedoch mit einer spezifischen Musikkultur aus dem Wittener Kosmos nachhaltig aufzumischen, blieb die Aktion etwas zu harmlos. Irgendwann gebot die Polizei der bunten Musikantenschar Einhalt – erst nach langen Überprüfungen von Formalien, Genehmigungen und Telefonaten durfte es weitergehen. Und ja: Auch diese Intervention aus Deutschland im Jahr 2026 hatte etwas unfreiwillig Künstlerisches.

Und last but not least muss dem WDR hier ein großartiges Lob ausgesprochen werden: Nahezu jeder Ton dieses Festivals wurde live übertragen und sämtliche Konzerte sind in der WDR-3-Audiothek nachhörbar.



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