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"Ich will die Leute kennenlernen"

Evi Fillipou stellte sich als neue Improvisor in Residence vor

Moers, 23.01.2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper

Im Moerser Rathaus wurde die neue Improviser in Residence vorgestellt. Die griechische Vibraphonistin Evi Filippou übernimmt ein Programm, das seit 19 Jahren das Festival in die Stadtgesellschaft trägt.

Evi Filippou hat ihr Vibraphon aufgebaut, die Schlegel liegen bereit. Sie spielt ausgiebig während der Pressekonferenz, auch mal einen Jazzstandard, und singt dazu mit warmer Stimme. Man spürt sofort: Diese Musikerin hat Ausstrahlung und das Zeug, Herzen zu erobern. Mittendrin bittet sie alle Anwesenden, gemeinsam einen einzigen Ton zu singen. Die Idee hat sie von Hayden Chisholm „geklaut", einem ihrer Vorgänger im Amt. Also singen sie: Bürgermeisterin, Kulturdezernent, Festivalleiter, Förderer, Journalisten – Menschen, die sich sonst in Grußworten und Förderanträgen begegnen, stehen plötzlich in gemeinsamer Schwingung, in die Filippou einfühlsam hinein improvisiert. Ein schönes Bild dafür, wie alles sein könnte in der Kultur und für die Kultur...

Das Programm existiert seit 2008. Die Liste der bisherigen Stadtmusiker liest sich wie ein Who's Who der internationalen Improvisationsszene: Angelika Niescier prägte die Moerser Clubszene, Chisholm durchquerte im Kilt mit Dudelsack die Steinstraße, Carolin Pook formte ein Jugendorchester. Tomeka Reid, mittlerweile mit dem MacArthur Fellowship ausgezeichnet, war ebenso da wie Mariá Portugal aus Brasilien oder der belgische Trompeter Bart Maris, der nun die symbolische Stimmgabel weiterreicht. Das Improviser-Programm wirkt in beide Richtungen: Es hat durch die vielfältigen Aktivitäten rund ums Jahr die Annäherung des Festivals an die Stadtgesellschaft gefördert, ebenso hält es durch seine internationale Ausrichtung die jahrzehntelang gewachsene weltweite Ausstrahlung des moers festivals am Leben.

Keine kleinen Brötchen backen, aber Andockpunkte finden

„Jeder hat das Jahr ganz eigen interpretiert", sagte Festivalleiter Tim Isfort . Es gebe große Freiheit, dieses „halbe Stipendium" mit Leben zu füllen und individuelle Andockpunkte zu den Menschen zu generieren. Ohne kreative Gesamtpersönlichkeit gehe es nicht. „Das moers festival kann es sich nicht leisten, kleine Brötchen zu backen." Filippou selbst war bereits als Moerser Botschafterin beim Huddersfield Contemporary Music Festival in England.

Bürgermeisterin Julia Zupancic betonte: „Wir fördern den Improviser in Residence, weil kulturelle Teilhabe, Kreativität und künstlerischer Austausch das Leben in unserer Stadt bereichern." Die Aufsichtsratsvorsitzenden der Moers Kultur GmbH betonten die Strahlkraft des Programms: Die Improviser kämen aus der ganzen Welt und trügen Moers wieder hinaus. Wenn man schon mal im Rathaus sitzt, dürfen auch ein paar Bemerkungen zur aktuellen Lage nicht fehlen, die Kulturdezernent Wolfgang Thoenes, zugleich Stadtkämmerer, als ernst, aber nicht hoffnungslos charakterisierte: „In Zeiten von Haushaltssicherung ist die Förderung im bisherigen Umfang erstmal gesichert. Steigerungen kann niemand versprechen – aber der Etat steht."

Ganz oder gar nicht

Evi Filippou erzählte, wie es war, als der Anruf aus Moers kam. Sie habe kurz überlegt, ob es nicht reiche, einmal im Monat für ein Wochenende zu kommen. Dann entschied sie: ganz oder gar nicht. „Ich will die Leute kennenlernen. Ich will was machen." Ihr Berliner Zimmer hat sie untervermietet. Am Vorabend wurde gemeinsam angepackt – zwei Stunden lang Instrumente und Ideen in den zweiten Stock der Residenz in der Neustraße 20.

Die 1993 in Griechenland geborene Musikerin bewegt sich an der Schnittstelle von Komposition, Improvisation und multikulturellem Ausdruck. Mit ihrem Projekt inEvitable gewann sie 2023 den Deutschen Jazzpreis für das Debütalbum des Jahres. Im Duo mit dem Bassisten Robert Lucaciu erkundet sie Jazz, improvisierte Musik und Balkan-Traditionen. Überhaupt ist sie radikal interdisziplinär unterwegs: Sie arbeitet mit der NDR Big Band, dem Andromeda Mega Express Orchestra und dem Fuchsthone Orchestra, spielte mit Angelika Niescier, Elias Stemeseder und Uli Kempendorff. Sie ist Mitglied der nïm Dance Company der österreichischen Choreografin Naïma Mazic und wirkte an Musiktheater-Produktionen der Staatsoper Berlin, von Rimini Protokoll und dem Kollektiv Hauen und Stechen mit. Für die weltweit beachtete Theater-Produktion „All Right. Good Night.", die auch bei PACT Zollverein gezeigt wurde, war sie am musikalischen Part beteiligt. Seit 2016 unterrichtet sie zudem Perkussion an Berliner Grundschulen im Rahmen des Vereins Vincentino.

Csaba Kézér, Leiter des Bereichs Musik bei der Kunststiftung NRW, erinnerte sich an ein Konzert im Dezember in Köln, bei dem Filippou mit eben jenem Fuchsthone Orchestra aufgetreten war: „Sie hat sich in die Herzen der Kölner katapultiert. Diese Unmittelbarkeit kann man nicht lernen." Die Kunststiftung fördere das Programm nun im 19. Jahr – eine bemerkenswerte kulturpolitische Kontinuität, finanziert aus Westlotto-Geldern.

Gemeinsam hören

Konzerte werde es geben, das Programm bis Mai stehe bereits. Dazu plane sie ein Live-Cinema-Projekt, bei dem sie Menschen aus Moers porträtiere und dazu live Musik spiele. Eine weitere von vielen Ideen, die sie für Moers im Kopf hat, sind gemeinsame Listening Sessions – und damit geht es schon am morgigen Samstag los. Musik machen ist schließlich auch immer intensives Hören und Moers bekanntlich einer der wohl lebendigsten Diskursorte für ästhetische Positionen: „Ob es dir gefallen hat oder nicht, ist egal. Aber lass uns reden: Warum haben die das gemacht?" Beim Konsumieren von Musik seien wir mittlerweile „genauso polarisiert wie in der Politik. Das ist Schlager, das ist Free Jazz. Dazwischen gibt es nichts."

Sie selbst erinnerte sich an einen Moment, der ihr Leben veränderte: Mit 13 in einer Musikschule in Volos. „Wir haben Schönberg gehört. Und das warf viele Fragen auf, die uns weiter beschäftigten. Mit Mahler war es genauso. Aber ja, das hat mein Leben verändert."

Am Freitag, 23. Januar, findet um 19:30 Uhr das Übergabekonzert in der Evangelischen Stadtkirche statt. Am Samstag um 16 Uhr beginnt die Listening Session in der Residenz, Neustraße 20. Evi Filippou bringt dazu ihren langjährigen künstlerischen Partner mit, den Bassisten Robert Lucaciu. Der Eintritt ist jeweils frei.

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