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Hypnotischer Fluss im Tunnel

Pulse und Thilo Weber beim asphalt Festival

Düsseldorf, 04.08.2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper

Beim asphalt Festival gastierten das Bremer Streichquartett PULSE und der Jazzpreisträger Tilo Weber im unterirdischen KIT – Kunst im Tunnel. Ein Konzert zwischen Neuer Musik, Jazz und freier Improvisation, das mit seiner rein akustischen Sinnlichkeit und seinem hypnotischen Fluss ein Vorgeschmack auf das im Oktober erscheinende Album war.

Man muss erst einmal hinabsteigen. Das KIT – Kunst im Tunnel liegt als schmale, langgestreckte Röhre unter der Rheinuferpromenade, dort, wo die Szenegastronomie brummt und an diesem Sommerabend die Menschen am Rheinufer flanieren. Über der Erde pulst das Leben, unten wird es still. Ein weiter Weg führt in den kargen, nur sparsam mit Kunst bespielten Raum – schon dieser Abstieg stimmt auf etwas Besonderes ein. Die Bühne haben PULSE und Tilo Weber mitten ins Publikum gebaut, und wer sich darauf einlässt, ahnt: Hier wird nicht vorgeführt, hier wird geteilt.

Tilo Weber ist „der leise Schlagzeuger“, und er wird seinem Ruf mit jeder Faser gerecht. Während das Streichquartett – Johannes Haase und Susanne Zapf an den Violinen, Yuko Hara an der Viola, Jakob Nierenz am Violoncello – gleich zu Beginn mit auftrumpfender, beinahe neutönerischer Diktion losprescht, hört Weber sich zunächst nur behutsam hinein: lange, mit Besen auf Becken, mit gedämpften Gummischlägeln, tastend, reagierend. Doch was als Zurückhaltung beginnt, öffnet nach und nach die ganze Gattung. Die Autorität des klassischen Streichquartetts wird hier nicht aufgebrochen, sondern geweitet. Weber steht nie als Gegenpol dagegen, er fügt sich als Fünfter unter Vier ein, organisch, kammermusikalisch, ganz akustisch. Und gerade das macht den Reiz aus: In diesem Tunnel gewinnen selbst die leisesten, feinsten Klänge eine erstaunliche Präsenz.

Das Ideenreservoir ist enorm

Aus welch enormem Ideenreservoir das Ensemble schöpft, wird rasch klar. Bei den harschen, strengen Figuren des Anfangs bleibt es keineswegs. Eine extrem pulsierende, fast rockige Phase bricht sich Bahn, mit satten Tremoli und einem Furor, der wie kollektive Improvisation wirkt – obwohl die Stücke weitgehend durchkomponiert sind. Als Jakob Nierenz mitten im Geschehen die Bühne verlassen muss, um eine gerissene Cellosaite aufzuziehen, überspielt der Rest der Band den Zufall souverän und frei improvisierend, ohne dass der musikalische Fluss auch nur den kleinsten Bruch erleidet.

Das Vokabular bleibt weiterhin, über die ganze Dauer dieses Sets großartig: Transparenz und Überlagerung rhythmischer Muster, die sich labyrinthisch vernetzen, verspielte Gesten, geräuschhafte Texturen. Nichts davon ist Effekt oder Gimmick, alles wirkt als organischer Ausdruck einer Musik, die spürbar aus dem Bauchgefühl dieser Musiker*innen kommt. Die kompositorischen Masterminds sind zu gleichen Teilen der Geiger Johannes Haase und Tilo Weber – und doch bezeichnet sich das Ensemble schlicht als Band.

Am spannendsten ist, wie sich der Gestus des Abends verwandelt. Nach all den extrovertierten, spektakulären Aktionen tritt immer stärker eine meditative Komponente hervor. Ein Stück beginnt mit einem langen „Schlagzeugsolo", das keines im landläufigen Sinn ist: kein Getrommel, sondern eine minimal reduzierte, leise Figur, die Weber verdichtet, bis die Streicher sich ganz vorsichtig einklinken und eine große, atmende Weite erzeugen. Für bloße Abstraktion ist das viel zu lyrisch – noch im Ausloten der Langsamkeit steckt so viel Menschliches, so viel Emotion.

Ein Zeremonienmeister am Werk

Thilo Weber wechselt seine Rollen mit hörbarer Lust: mal gleichberechtigter Gesprächspartner, mal Klangperformer mit Gongs und Glocken, der die Bühne verlässt und mit neuen Klangobjekten zurückkehrt – ein Zeremonienmeister wie in einer fernöstlichen Feier, wie vor einem Gamelan-Orchester. Das Verblüffende: Alles wirkt vollkommen organisch, ein hypnotischer Fluss, bei dem man die Augen schließen und sich wegträumen kann.

Im Gespräch nach dem Konzert erzählt Johannes Haase, man habe zwar alles Einschlägige studiert, Neue Musik inklusive, doch nie im akademischen Rahmen verharren wollen – lieber das Eigene, das, worauf man Lust hat, aus dem Bauch heraus. Diese Unmittelbarkeit war bei jedem Ton zu spüren. Dass manche hier zu Recht den Deutschen Jazzpreis erhielten, überrascht nach diesem Abend nicht. Das Publikum – jene angenehm interdisziplinäre Mischung, die das asphalt Festival prägt – lauschte tief versunken und reagierte begeistert. Neugierig auf das Album, das im Oktober bei Boomslang Records erscheint, darf man mehr als sein. Und sollten weitere Konzerttermine folgen: wärmstens empfohlen.

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