Rhythmus als Sprachidiom
Eine Hommage an R.A. Ramamani im domicil
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper
Es beginnt mit etwas, das man beinahe sieht: rhythmische Muster, die sich auftürmen wie ein Gerüst im Entstehen, Verzweigung um Verzweigung, bis aus reiner Struktur plötzlich Sprache wird. Das Konnakol, jene südindische Vokaltechnik der karnatischen Musik, bei der komplexe Schlagfolgen mit rhythmischen Silben artikuliert werden, bildet das pochende Zentrum dieses Abends im domicil. Es ist die vokale Sprache der Perkussion – ein Bauplan, aus dem sich das gesamte musikalische Geschehen entfaltet wie ein Baum aus einem einzigen Samen. Selbst Stefan Bauers Vibraphon erscheint hier weniger als Harmonieinstrument denn als Erweiterung des Schlagwerks: Das Melodische wird rhythmisch gedacht, das Rhythmische beginnt zu singen.
Der Abend ist der im Oktober 2025 verstorbenen Sängerin R.A. Ramamani gewidmet – einer der großen Vermittlerinnen zwischen südindischer Klassik und Jazz. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Mridangam-Meister T.A.S. Mani, prägte sie am Karnataka College of Percussion Generationen von Musikern und trug die karnatische Tradition auf europäische Jazzbühnen. Wer Ramamani in Moers oder beim Jazzfest Berlin erlebt hat, konnte spüren, dass hier keine oberflächliche Fusion stattfand. Vielmehr begegneten sich zwei Traditionen als Verwandte, die sich lange gesucht hatten – verbunden durch Improvisation, rhythmische Komplexität und ein hochentwickeltes Gespür für Zeit.
Das Erbe wird weiter getragen
Dieses Erbe tragen fünf Musiker:innen weiter, die Ramamani aus gemeinsamer Praxis kannten. Der erste Konzertteil gehört dem Groove, und er packt zu. Christoph Haberer und Ramesh Shotham verweben Drumset, Elektronik, Tavil, Ghatam und Mridangam zu einer hochpräzisen Rhythmusmaschine, deren Zahnräder einander die Energie zuwerfen. Darüber Sarah Buechis Stimme: klar, beweglich und tief in der karnatischen Tradition verwurzelt. Anderthalb Jahre lebte die Schweizer Sängerin in Bangalore, um bei Ramamani zu lernen, was sich aus der Ferne nicht aneignen lässt. Ihre Linien gleiten durch Mikrointervalle und feinste tonale Schattierungen, wirken dabei aber nie abstrakt. Selbst dort, wo die Stimme instrumental geführt wird, bleibt jede Phrase von innerer Syntax getragen – man hört die Trommel im Mund.
Den eindrucksvollsten Beweis dafür, wie sehr kulturelle Erfahrung einen Klang verändern kann, liefert Zoltán Lantos. Der ungarische Geiger hat neun Jahre in Indien gelebt und studiert, und man hört jede einzelne dieser Stunden in seinen Fingern. Sein Spiel löst sich immer wieder von europäischen Klangvorstellungen: breite Glissandi, mikrotonale Schleifer und schwebende, fast körperlose Tonbiegungen erzeugen jene Sogwirkung, die man sonst nur aus der menschlichen Stimme kennt.
Was diese fünf Musiker:innen erschaffen, ist ein Resonanzraum globaler Musikgeschichte: Bangalore und Budapest, das Ruhrgebiet und Afrika treten in einen lebendigen, gelegentlich hitzigen Dialog. Besonders greifbar wird das, als Stefan Bauer von musikalischen Erfahrungen in Afrika erzählt und daraus unmittelbar ein Stück entwickelt: Eine ostinate pentatonische Figur wächst zu einem tranceartigen Groove und versetzt den Saal in kollektive Schwingung.
Ein Spiel mit Brüchen, Stilen und Verdichtung
Nach der Pause öffnet sich die Musik stärker ins Experimentelle, wird verspielt. Das Quintett zerlegt sich in wechselnde Duos und Trios, lotet Freiräume aus und spielt mit Brüchen, Stille und Verdichtung. Die klare rhythmische Architektur des Beginns weicht offenen Formen, ohne jemals beliebig zu werden. Vibraphon und Violine umkreisen und umtanzen einander in schillernden Linien, während die Perkussion sich zeitweise fast vollständig zurücknimmt – nur um im nächsten Moment wieder eruptiv hervorzubrechen. Man spürt, wie hier in Echtzeit verhandelt wird, wie Risiko und Vertrauen einander die Waage halten.
Die schönste Brücke zwischen Ost und West schlägt schließlich Sarah Buechi. Aus der Konnakol-Rhetorik gleitet sie beinahe unmerklich in alemannische Lautpoesie hinüber. Plötzlich erscheinen südindische Trommelsprache und schweizerdeutsche Silben als zwei Seiten derselben Idee: reine Klangenergie, rhythmisch organisiert und körperlich unmittelbar.
Dass alle Beteiligten eng mit Ramamani verbunden waren, ist an diesem Abend weit mehr als eine biografische Randnotiz. Diese Musik wirkt nicht wie nachgespieltes Repertoire, sondern wie gelebte Erinnerung, weitergegeben von Hand zu Hand, von Stimme zu Stimme. Die Hommage macht hörbar, dass Ramamanis eigentliches Vermächtnis weniger in Kompositionen liegt als in einer Haltung: musikalische Traditionen nicht gegeneinander auszuspielen, sondern miteinander sprechen zu lassen.
Ein intensiver Konzertabend voller improvisatorischer Energie und getragen von der Souveränität einer großen Tradition. Und vielleicht verrät ein Detail am meisten über diese Haltung: Stefan Bauer organisierte nicht nur dieses Konzert, sondern gleich eine kleine Tournee mit vier Stationen. So bleibt Musik lebendig – indem Menschen sich auf den Weg machen, in andere Klangsprachen hinein und wieder zurück.









