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Heißer geht es kaum

Vielfalt dominierte das junge fill-in-Festival in Saarbrücken

Saarbrücken, 03.07.2026
TEXT: Christoph Giese | FOTO: Iris Maria Maurer/fill in – International Jazz Festival Saar

Das mit dem „heiß“ ließ sich beim diesjährigen, dem vierten fill in – International Jazz Festival Saar durchaus aus zwei Perspektiven betrachten. Musikalisch gab es nämlich schon Heißes auf die Ohren. Aber an dem wärmsten Wochenende in Deutschland seit Wetteraufzeichnung musste man unweigerlich auch an die allgemeine Hitze an den drei Tagen des Festivals denken. Mit 41,3 Grad wurde am ersten Festivaltag ein bundesweiter Wärmerekord aufgestellt (der die Tage darauf in Ostdeutschland allerdings schon wieder knapp übertroffen wurde). Und wer am späten Nachmittag dieses Rekordtages durch die Saarbrücker Innenstadt lief Richtung Bahnhof, um von dort mit dem Bus zum Festival-Spielort zu fahren, der ahnte schon Rekordverdächtiges, so heiß fühlte sich die Luft an. Und das war in der unter Denkmalschutz stehenden, ehemaligen Industriehalle E-Werk kaum anders. Heiß und alles andere als angenehm war es in der Halle, selbst Luft fächern, die aufgestellten Ventilatoren und das Gratiswasser brachten da nur wenig Linderung.

Oben auf der Bühne zeigte sich sogar Mario Biondi ziemlich erstaunt. Selbst in seiner Heimat Sizilien sei es gerade einige Grad kühler als in Deutschland, stöhnte Biondi. Stunden später, beim zufälligen Aufeinandertreffen im Hotelaufzug, ist der Italiener noch immer fassungslos, welche Temperaturen in einem Land wie Deutschland doch herrschen können. Ob sein Auftritt deshalb vielleicht auch mehr routiniert als superfeurig wirkte? Nun, diese gewisse Lässigkeit bei allem was der Mann tut, das liegt natürlich schon an seinem warmen, tiefen, wohligen Bariton. Der Barry White aus Italien wird Biondi vielfach genannt, was es schon irgendwie ganz gut trifft. Aber der Sänger tummelt sich eben nicht nur im Soul, er liefert in Saarbrücken ein feines Brasil-Medley ab, tanzt dazu sogar kurzzeitig recht gekonnt Samba. Und wer sagt, dass Biondi kein Jazzsänger sei, der konnte im E-Werk seine Nähe zum Jazz mehr als einmal bestaunen. Mit Klasseband im Rücken lieferte der Mann aus Sizilien ab. Und sang natürlich auch seinen so süffigen, alten Hit „This Is What You Are“. So machte ein routinierter Auftritt dann doch Spaß.

Kontrastprogramm mit viel Energie 

Sie schreibt und singt Lieder über ihre Kindheit in einem kleinen Ort bei Oslo, über den ersten Kuss, den sie dort bekommen hat, und der überhaupt nicht gut war. Über ihre Zeit in New York, wo die Hipster mittlerweile aber lieber grünen Tee trinken als als Wein und Cocktails wie zu ihrer Zeit dort. Man hört Lieder über ihren Vater oder die neue Freundin des Ex-Freundes. Und auch Elvis-Schnulzen und ein a-cappella gesungenes Kirchenlied ihrer Kindheit in Norwegen. Kurzum, die immer schon stilistisch schwer einzuordnende Rebekka Bakken nahm das Publikum bei ihrem Soloauftritt mit ihrer großen Stimme und am Konzertflügel mit auf eine intime, berührende Reise in ihr Leben. In poetischen, von nordischer Melancholie durchzogenen, folk-poppigen Stücken Musik öffnete die Norwegerin ihre Seele. Allerdings fast durchgängig in schwermütigen, langsamen Tempi. Eine gute Stunde Musik zum Innehalten und bedächtigen Zuhören, bevor dann das Kontrastprogramm mit viel Energie auf der Bühne begann.

Die schwedische Kappelle Louisiana Avenue heizte ein. Die acht Jungs um den schillernden Frontmann und Sänger Pär Stenhammar feierten in Saarbrücken eine schwungvolle Mardi Gras-Party, wie sie besser auch in New Orleans wohl nicht zu erleben ist. Mit einem kraftvollen Mix aus Soul, Blues, Funk oder Jazz, von knackigen Bläsersätzen und dem charismatischen Frontmann nach vorne getrieben. Und mit ansteckender Energie und Lebensfreude gespielt. Da marschierte die Band beim Gassenhauer „When The Saints Go Marching In“ sogar spielend durch die Stuhlreihen. Am Ende tanzte das Publikum, auch auf der Bühne.

Tänzer auf der Bühne, einen gibt es tags drauf auch im Quintett von Antonio Lizana, der mit seinem Flamenco-Jazz begeisterte. Und El Mawi de Cádiz ist eine Wucht. Ein kleiner Kerl, aber ausdrucksstark. Wie er den Flamenco mit seinen Füßen auf den Hallenboden trommelt. Wie er sich dabei noch grazil bewegt, mit ganz eigenen Ausdrucksmitteln. Und singen kann der Tänzer auch noch. So manches Mal tat er das im Duett mit Bandleader Antonio Lizana. Der Saxofonist und Sänger aus Cádiz ist ein Phänomen. Wer sonst singt so inbrünstig und ausdrucksstark Flamenco und spielt zudem ein so heißes, jazziges Altsaxofon! Wie Lizana Flamenco Nuevo mit Jazz und Grooves in seinen Kompositionen schlüssig und immer wieder auch mit sozialkritischen Texten mischt, das ist eine zauberhafte Verbindung, die in Saarbrücken vom ersten bis zum letzten Ton elektrisierte.

Wer nach diesem Flamenco-Jazz-Erlebnis noch blieb um die Yellowjackets zum vorübergehenden Festivalabschluss zu hören, der spürte gleich den Unterschied. Der Spanier ist die erfrischende, innovative Aktualität des Jazz. Das legendäre Fusionjazz-Quartett um Saxofonist Bob Mintzer und Tastenmann Russell Ferrante, das es schon mehr als vier Jahrzehnte gibt und dass noch immer virtuos aufzuspielen und mit bekannten, schönen Melodien zu verwöhnen weiß, klingt trotz aller Klasse, auch mit seiner unaufgeregten Perfektion, irgendwie aber doch schon ein wenig nach Nostalgie und Vergangenheit.

Das fill in hat Ende Juli/Anfang August und im Oktober noch ein paar weitere Konzerte im Saarland im Angebot, zu finden hier: https://fillin-festival.de/

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