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Gipfeltreffen im Straßenbahndepot

Ein Bericht vom Visual Sound Outdoor Festival

Dortmund, 19.08.2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper

„Dieses Festival pflegt seinen eigenen Personalstil – und zu dem möchten wir gerne beitragen." Die Worte, mit denen die Geigerin Gunda Gottschalk ihr Set mit Matthias Muche und Martin Blume einleitete, legen die Statik des Ganzen offen: Hier versteht sich kein Auftritt als Selbstzweck, sondern als Stimme in einem größeren Zusammenhang. Man kann das eine ästhetische Haltung nennen. Man kann es auch als leise Gegenerzählung lesen – zu einer Kulturökonomie, in der jeder für sich steht und um Aufmerksamkeit konkurriert. Drei Tage lang, im Hof und in den Hallen eines ehemaligen Straßenbahndepots in der Dortmunder Nordstadt, ließ sich besichtigen, was daraus entsteht: eine Musik, in der individuelle Freiheit und kollektive Verbindlichkeit einander bedingen.

Getragen wird das vom Parzelle Verein für interdisziplinäre Kulturprojekte, der das Festival über sieben Jahre zu einer international beachteten Adresse ausgebaut hat. Und ja: Angelika Hoffmann und Georg Dierks, die das Programm gemeinsam mit Achim Zepezauer kuratieren, zeigten sich vom diesjährigen Zulauf nochmal überrascht. Eher klein an Zahl, aber engmaschig vernetzt und auffällig solidarisch, hielt diese Szene in Dortmund ihr Gipfeltreffen von Weltgeltung ab.Das Sprachengewirr im Dortmunder Depot war entsprechend international: Niederländisch mischte sich mit Englisch, dazu kamen Gäste aus Österreich und Süddeutschland, Musikbesessene und Freejazz-Freaks, weit angereiste Journalisten und eine ganze Delegation von Veranstalterkollegen. Der Rahmen dazu ist vom Parzelle-Verein mit sichtbarer Liebe gestaltet: ein liebevoll hergerichtetes Areal mit freakiger Deko, Fotoausstellungen und gutem Essen, familiär und einladend zugleich.

Wollen wir es Freejazz nennen oder freie improvisierte Musik? Oder besser gar nicht erst kategorisieren. Wo es keine Noten, keine Arrangements und keine Standards gibt, wird das Hören selbst zum Material. Und auch wenn die Beteiligten scheinbar aneinander vorbei spielen, verhakt sich alles in tiefem Einvernehmen. So hielten sich an drei langen Abenden individuelle Freiheit und kollektive Verbindlichkeit immer wieder neu die Waage. Auf ein fragiles Eröffnungsduo aus Isabelle Duthoit (Stimme, Klarinette) und Luís Vicente (Trompete) folgte ein zweites Konzert in deutlich harscherem Gestus: Aber auch, wenn das Saxophon Edoardo Marraffas quietscht und schreit, angestachelt von Olie Brice am Kontrabass und der spanischen Turntable- und Stimmkünstlerin Barbara Togander, verharrt das Publikum in andächtiger Stille. Man muss sich hinein tasten und verspürt bisweilen Fluchtinstinkte. Wer sich dem Ideenstrom hingibt, geht reich beschenkt nach Hause.

In der Halle des Depots staute sich am Eröffnungsabend die Hitze, aber daran störte sich keiner. Der Raum quoll über, Menschen kauerten auf dem Boden, und die Musiker agierten ohne trennende Bühne auf Tuchfühlung mit ihrem Publikum. So warf sich die Pianistin Margaux Oswald mit dem norwegischen Schlagzeuger Paal Nilssen-Love kopfüber ins Geschehen, sinnlich und von trockenem Humor grundiert – etwa wenn Nilssen-Love, dessen Redefluss so sprudelt wie sein Spiel, von einem türkischen Taxifahrer erzählte, dem der Sprit ausging, ehe brachiale Cluster wieder auf entfesselte Urgewalt trafen.

Die Ökonomie der Begegnung

Ein wichtiger Bestandteil sind die „Magic Ensembles": Formationen, die sich eigens fürs Festival zusammenfinden und einander oft zum ersten Mal auf der Bühne begegnen. Was nach kuratorischer Spielerei klingt, hat einen handfesten Ursprung. Aus der budgetären Notwendigkeit, mit wenigen Kräften auszukommen, hat Hoffmann eine Methode gemacht: Die eingeladenen Musikerinnen und Musiker spielen in wechselnden Konstellationen. Aus dem Mangel wird Freiraum. Man begegnet sich, hört sich ab, entwickelt im Moment etwas, das vorher nicht existierte – über Generationen und Kontinente hinweg. Dass das gelingt, ist nicht garantiert: Es braucht Vertrauen, ein waches Ohr und die Bereitschaft, die eigene Handschrift einzubringen, ohne sich über die anderen zu erheben. Hier wird eine Frage verhandelt, die weit über die Musik hinausreicht: Wie spielt man zusammen, ohne dass einer den Ton angibt?

Am Samstag führten es Gottschalk, Muche und Blume vor. Die drei – Gunda Gottschalk (Violine), Matthias Muche (Posaune) und Martin Blume (Schlagzeug) – griffen musikalisch ineinander, als hätten sie ihr halbes Leben aufeinander gelauscht. Gottschalk verzahnte auf der Violine kammermusikalisch zarte Tonfolgen mit Eruptionen von brachialer Wucht. Ihr klassisches Handwerk wirkte als Erdung, als fester Boden, von dem aus sie ins Offene sprang. Muche modullierte die Posaune zu einem atmenden, störrischen Klangkörper, in dem Ton, Geräusch und Mikrotonalität pausenlos die Plätze tauschten, während Blume alles zusammenfädelte und aus aufgesogener Energie neue hervorstieß. Im letzten Zugabenstück ließ Gottschalk beiläufig das Zitat einer Volksliedmelodie aufblitzen – ein Gruß aus vertrautem Terrain, der im freien Fluss für einen Moment Halt gab.

Es braucht junge Wilde

Tags darauf, als die Sonne pausierte, verbündeten sich ein paar Regentropfen fast poetisch mit den perkussiven Klappengeräuschen von Susanna Gartmayers Bassklarinette, die im Duo mit dem Kontrabassisten Aaron Lumley eine introvertierte, psychologisch feine Innenschau betrieb. Dass diese Sprache über die Jahre eine gewisse Verbindlichkeit angesetzt hat, macht die jungen Wilden umso nötiger. Das Trio Toxodon aus Essen, Wuppertal und Köln ist dafür wie geschaffen: Der erfahrene Schlagzeuger Simon Camatta trifft auf die Gitarristin Raissa Mehner und die Vibrafonistin Salome Amend, die ihre Instrumente in großen Dimensionen denken. Aus einer psychedelischen Klangwolke schälten sich prasselnde perkussive Dialoge und ein prog-rockig eingefärbter Wall of Sound – bis zum ungläubigen Staunen, als tatsächlich einmal Akkorde zu vernehmen waren. Prompt entzündeten sich Debatten unter den Zuhörern. Genau das ist der Punkt: Hier wird die eigene Nische von innen unterwandert, mit jugendlichem Übermut und ohne jede Ehrfurcht vor den Konventionen.

Auf Weltklasse-Niveau kam die Festivalausgabe schließlich am letzten Abend in ihre Zielgerade: Das Trio Olie Brice, Rachel Musson und Mark Sanders lieferte ein Musterbeispiel der britischen Schule der freien Improvisaionsmusik: hochenergetisch, aber nie bloß laut, sondern von wachem Formbewusstsein durchzogen. Bei aller Wucht spürt man ein tief verinnerlichtes Jazzempfinden, und Brice erweist sich als beweglicher, melodisch denkender Bassist. Schließlich wurde das Luís Vicente Quartett zur energetischen Heimsuchung, die man nicht mehr hätte steigern können und nicht ohne Anspielungen auf Ornette Coleman. Impuls und Reaktion verzahnten sich so schnell, dass kaum auszumachen war, wer führte und wer folgte: Vicente zeichnete eine Linie in die Luft, John Dikeman zerfetzte, dehnte oder konterte sie, während Luke Stewart und Onno Govaert darunter keinen bloßen Klangteppich, sondern einen atmenden Organismus spannten. Ehe die vier am Ende gemeinsam wieder auf einer melodischen Idee strandeten, entfesselten sie eine rohe, physische Gewalt, die Grenzen einriss und Klangmassen krachend zusammenstürzen ließ. Dikeman behandelte sein Tenor wie einen Werkstoff, den man biegen und aufreißen kann, und trieb es in Überblasungen, Schreien und multiphonischen Flächen über jede Grenze. Es war Vicente, der danach seine Freude über die hiesigen Bedingungen bekundete – über diesen Raum, diese Atmosphäre, diese Nähe und vor allem dieses Publikum.

Vielleicht liegt darin das eigentliche Versprechen dieses Festivals. Es behauptet nicht, die Welt zu verbessern. Aber es hält, für drei Tage in einem alten Straßenbahndepot, einen Raum offen, in dem sich anders zuhören, anders zusammenspielen, anders begegnen lässt. Freie Musik ist keine Zukunftsmusik, sondern eine zeitlose Praxis – und ihre hohe Kunst des Hörens liegt im Geschehenlassen.

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