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Frühstück um 20 Uhr

Endless Breakfast traf auf den Sprechchor Dortmund

Dortmund, 04.10.2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper

Zuerst steht niemand auf. Im Gegenteil: Alle sitzen mucksmäuschenstill da und versuchen herauszufinden, was da vorne eigentlich passiert. Ein Schaben. Ein Atemgeräusch. Etwas streift über eine Trommel. Die Violine klingt plötzlich wie ein Stück Holz, das Cello wie ein knarzender Gegenstand. Mariá Portugal hat etwas in der Hand, dessen Bestimmung in diesem Moment ziemlich unwichtig ist. Entscheidend ist, welchen Klang es erzeugt.

Am 25. September gastierte das internationale Trio Endless Breakfast – die Geigerin gabby fluke-mogul, die Cellistin Paula Sanchez und die Schlagzeugerin Mariá Portugal – in der Dortmunder Parzelle. Das Konzert war Teil der 78. Ausgabe von Soundtrips NRW, einer Reihe, die seit 2010 improvisierte Musik aus aller Welt mit Musikerinnen und Musikern vor Ort zusammenbringt. Nach der Pause kam der Sprechchor Dortmund dazu.

Die hohe Kunst der Entscheidungen

Endless Breakfast macht es seinem Publikum erstmal nicht besonders leicht. Die Musik beginnt leise und vorsichtig. Es gibt keine erkennbare Struktur, an dem man sich festhalten könnte, dafür Assoziationsfelder. Kleine Geräusche, die sich verändern und aufeinander reagieren. Schnell wird klar, worum es geht: Die drei Musikerinnen hören einander beim Spielen sehr genau zu. Ein Bogenstrich verändert sich, das Schlagzeug reagiert, das Cello setzt einen neuen Impuls. So wächst die Musik Schritt für Schritt. Improvisation bedeutet hier also nicht, dass einfach irgendetwas passiert. Im Gegenteil: Die Musikerinnen müssen im Augenblick Entscheidungen treffen. Sie wissen nicht genau, was als Nächstes kommt – und müssen trotzdem gemeinsam dafür sorgen, dass es weitergeht.

Die drei kommen aus sehr unterschiedlichen musikalischen Welten. Gabby fluke-mogul lebt in Brooklyn und wurde unter anderem von der Komponistin Pauline Oliveros geprägt, deren Idee des „Deep Listening“ das bewusste und konzentrierte Hören ins Zentrum stellt. Paula Sanchez verbindet Improvisation mit Klangkunst und experimentellem Theater. Mariá Portugal arbeitet als Schlagzeugerin und Komponistin zwischen improvisierter Musik, Performance und Jazz und hat sogar noch einen Sommerkurs bei Karlheinz Stockhausen absolviert, kurz vor dessen Tod. Drei unterschiedliche Wege, aus denen hier schnell drei Stimmen einer gemeinsamen Sprache werden.

Plötzlich steht der Chor auf

Nach der Pause verändert sich alles im ehemaligen Straßenbahndepot. Eine Person steht im Publikum auf. Dann eine zweite. Weitere folgen. Junge und ältere Menschen gehen nach vorne und stellen sich hinter das Trio. Für einen kurzen Moment weiß niemand im Saal, ob das jetzt wirklich zum Konzert gehört. Es gehört dazu. Der Sprechchor Dortmund hat seinen Auftritt – und braucht dafür keine klassischen Gesangsstimmen. Gesprochen wird, geflüstert, gerufen, geatmet. Einzelne Wörter und Silben werden zu Klang. Die menschliche Stimme als Instrument, diesmal getragen durch das Kollektiv. Aber der Chor spricht mit dem ganzen Körper. Ein Blick kann einen Einsatz vorbereiten, eine Kopfbewegung eine Reaktion auslösen. Körperhaltungen verändern sich, Gesichter werden plötzlich ernst, neugierig, irritiert oder übermütig.

Die hier entstehende Verbindung zwischen Musik und Theater ist für alle Beteiligten eine neue Erfahrung. Der Sprechchor erzählt hier keine Geschichte im klassischen Sinn. Aber man kann ihm beim Denken, Zweifeln, Reagieren und Kommunizieren zusehen. Was akustisch manchmal abstrakt bleibt, wird körperlich unmittelbar. Das Trio reagiert mit Cello, Geige und Schlagzeug wiederum auf den Chor. Manchmal ist das kaum mehr als ein Flüstern. Ein leiser Laut trifft auf einen Bogenstrich und scheint für einen Augenblick mit ihm zu verschmelzen. Im späteren Verlauf entfaltet diese Interaktion sogar mächtig Druck. Mariá Portugal verändert das Tempo und ihr Schlagzeug gibt der Musik einen kräftigen Puls. Die Stimmen werden dichter, die Bewegungen entschiedener, die Instrumente lauter, bis es sogar richtig rockt – phasenweise. Als hätte sich etwas entladen, das seit Beginn des Abends in der Luft lag.

Improvisation heißt: aufeinander achten

Improvisation wird oft mit Freiheit und Individualismus verbunden. Dieser Abend zeigt vor allem die andere Seite: Wer gemeinsam improvisiert, muss auf andere achten. Man muss zuhören. Warten können. Platz machen. Einen Impuls aufnehmen. Und manchmal selbst den nächsten Schritt wagen. Das gilt für die drei international erfahrenen Musikerinnen genauso wie für die Menschen im Sprechchor, die kurz zuvor noch Zuschauer waren. Niemand kennt das Ergebnis vorher. Niemand kann allein bestimmen, was entsteht. Die üblichen Hierarchien verschwinden dabei ganz von selbst. Profis und Laien stehen nebeneinander, Stimme und Instrument werden gleichwertig. Und auch die Trennung zwischen Musik und Theater wird porös: Ein Gesichtsausdruck kann so viel auslösen wie ein Ton, eine Bewegung kann zum musikalischen Signal werden.

Seit 2010 reisen im Rahmen der Reihe Soundtrips NRW internationale Formationen durch Nordrhein-Westfalen und treffen in den jeweiligen Städten auf Musikerinnen, Musiker oder Ensembles aus der Region. Es geht um Begegnung – und darum, was entstehen kann, wenn unterschiedliche Erfahrungen aufeinandertreffen.

Ein offener Ort für offene Musik

Die Parzelle im Dortmunder Depot ist dafür eine passende Station, denn dieser vom Parzelle e.V. betriebene Veranstaltungsraum verschreibt sich dem Credo, dass Kunst unberechenbar sein muss. Soundtrips gehört ebenso zum Programm wie weitere Reihen zwischen Musik, Klangkunst und Performance. Jugendliche unter 20 Jahren haben freien Eintritt. Denn Kultur soll nicht nur für diejenigen da sein, die schon wissen, was sie erwartet. Auch an diesem intensiven Abend funktionierte ein Raum nach anderen Regeln. Frühstück um zwanzig Uhr also. Warum eigentlich nicht? Wenn schon die Uhrzeit nicht stimmt, darf die Musik ruhig ein paar andere Gewissheiten gleich mitnehmen.

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