Freier Eintritt, keine Abstriche
Mit dem Open Campus wurde die Cologne Jazzweek eröffnet
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper
Die sechste Cologne Jazzweek eröffnet mit einem Open Saturday: Stadtgarten, zwei Kirchen, kein Eintritt. Wer an so einem Tag Schnupperware erwartet hatte, wurde binnen einer Stunde eines Besseren belehrt. Gerade erst ist in Köln ein Protestcamp gegen Aufrüstung und Waffenlobby zu Ende gegangen, jetzt liegen im Stadtgarten die Leute auf den Wiesen, unter alten Bäumen, mit Brot und Decke. Spätsommerlicht. Vom Open-Air-Gelände weht ein Saxofonsolo herüber und bleibt in der warmen Luft stehen.
Festivalcampus nennt sich das, und das wird sogar räumlich betrachtet perfekt eingelöst: Der Stadtgarten hat mit der Christuskirche und der modernen Kirche Neu St. Alban zwei Nachbarn in Gehweite. So entsteht dieses schnelle Kommen und Gehen, das solche Tage ausmacht. Man will überall einmal hineinhören und ist ständig versucht, vor dem Applaus loszurennen. Es gilt die alte Devise: lieber bleiben und dafür etwas verpassen. Und ja: Wo nichts kostet, kommen die Leute. Darüber lässt sich diskutieren, über die Qualität dessen, was sie zu hören bekamen, weniger.
Klanglandschaften, wörtlich genommen
Damian Dalla Torre eröffnete mit seiner Band People Pleaser in Neu St. Alban, eine Koproduktion mit dem Südtirol Jazzfestival Alto Adige im Rahmen des Förderprogramms NICA. Dalla Torre spielte Saxofon und Blasinstrumente, Babett Niclas Harfe, Markus Rom Gitarre und Effektgeräte: Klanglandschaften, ja – und dieser abgenutzte Begriff passte hier sogar erstaunlich gut. Sphärisch und freundlich, bestens geeignet als Untermalung schöner Dolomitenvideos, kam diese friedliche Musik daher. Als Konzert blieb das streckenweise redundant, zumal die Soundmischung Elektronik und Vogelgezwitscher nach vorn holte und die Instrumente wegdrückte. Immerhin war damit schon in der ersten Stunde ein Jazzklischee erledigt.
Im Stadtgarten-Saal brannte derweil die Luft. Dunkelblaues Licht kippte ins Rote, und in diesen Farbraum stieß Hendrik Eichlers Manic Anomaly hinein: postrockig und muskulös, mit Teis Semey an der Gitarre, Louise van den Heuvel am Bass und dem expressiven Klavierspiel von Kirke Karja. Im Zentrum stand Angelika Niescier, die ihrem Saxofon ganz andere Sounds entlockte als am Abend zuvor, wo sie Free Jazz spielte. Genau diese Wandlungsfähigkeit darf man in Köln bei den Besten voraussetzen.
Atmosphäre des Ortes als Partitur
Dann gehörte der modernisierte Kirchenraum ganz dem Kathrin Pechlof Trio, seit fünfzehn Jahren zusammen und vollkommen gleichberechtigt. Christian Weidners Saxofon erblühte und strahlte, Pechlofs Harfe war überall präsent und feinnervig agierend, Robert Landfermann setzte sensationelle Soloeinlagen. Sie spielten sehr frei; die Atmosphäre des Ortes war die wichtigere Partitur als irgendein Stück. Was zwischen den dreien und dem Publikum entstand, war eine so intensiv berührende Stimmung, dass sie an einem Tag des Hineinschnupperns schlicht einen sensationellen Befund darstellt. Der Rückweg ins Freie, mitten in das fröhliche Gelärme von La BOMBA, war entsprechend ein Temperatursturz. Die Truppe um Luca Curcio wurde für ihr muskulöses Spiel zu Recht gefeiert, blieb hier aber Untermalung.
Zurück in Neu St. Alban hatte sich das Trio Kravchenko Clees auf die Orgelempore zurückgezogen, was zunächst irritierte und sofort einleuchtete, sobald die Musik erklang. Kirchenräume nicht nur zu bespielen, sondern die vorhandenen Orgeln mitzunehmen: Warum passiert das nicht öfter? Unten die Kirchenorgel von Janne Nicolas, darüber das Vibrafon von Arthur Clees, metallisch und weich zugleich. Darin die Songs der ukrainischen Sängerin Kateryna Kravchenko, Vertonungen von Gedichten Wassyl Stus' und Hermann Hesses – und ihre Stimme schwebte durch den Raum.
Ans Eingemachte
Zum Schluss des Open Saturday saß im Stadtgarten-Saal geballte musikalische Intelligenz auf der Bühne: FIELD, das Quartett des Berliner Saxofonisten Uli Kempendorff mit Christopher Dell am Vibrafon, Jonas Westergaard am Kontrabass und Peter Bruun am Schlagzeug, dazu Marc Ducret an der Gitarre. Diese Musiker arbeiten sich an rhythmischen Strukturen und komplexen Prozessen ab und tun das mit einer Leidenschaft, die jede Kopfhaftigkeit sofort widerlegt. Komplexität als Treibriemen, nicht als Ausrede. Der Moment des Tages gehörte Ducret und Dell. Der Gitarrist baute sein Solo Kante um Kante auf, aus einer spröden, leicht rauen Klangwelt heraus; nichts daran war glatt oder gefällig. Daneben, darunter, dazwischen lag das Vibrafon, das nicht begleitete, sondern antwortete. Widerborstige Saite traf auf schwebendes Metall. So versetzt man die Magie von Musik ins Hier und Jetzt. Das also war der Tag zum Nulltarif: keine beiläufigen Schnupperkonzerte, sondern tiefe musikalische Erlebnisse, die manches etablierte Highlight aus dem Hauptprogramm durchaus in den Schatten stellen könnten. Sechs Tage stehen noch aus. Die Musslatte liegt hoch.

















