Fluchtpunkt Ystad
Eindrücke von einem klimafreundlichen Festival
TEXT: Bernd Zimmermann | FOTO: Anna Rylander, Harri Paavlainen, Markus Fagersten (Ystad Sweden Jazzfestival
Das Ystad Sweden Jazz Festival vom 29. Juli bis 2. August setzte auf musikalische Vielfalt – und zeigt, dass ein Festival auch jenseits der großen Namen spannend bleiben kann. Musikalisch war 2026 ein Jahr der Entdeckungen. Wo in früheren Jahren zahlreiche internationale Big Names das Programm dominierten, setzte Festivalleiter Jan Lundgren stärker auf ungewöhnliche Projekte und Künstlerpersönlichkeiten. 45 Konzerte auf 13 Bühnen mit mehr als 200 Künstlerinnen und Künstlern begeisterten rund 11.000 Besucherinnen und Besucher.
Ystad, die südlichste Stadt Schwedens, erlebt in diesen Jahren einen bemerkenswerten touristischen Boom. Der Klimawandel verändert auch die Reiseströme: Während die Sommer in Süd- und Mitteleuropa immer häufiger von extremer Hitze geprägt sind, lockt der Norden mit moderaten Temperaturen. Camping- und Wohnmobilstellplätze sind in der Hochsaison vielfach voll. Gleichzeitig wird das schwedische Jedermannsrecht in touristischen Hotspots zunehmend eingeschränkt. Wer ausgewiesene Campingverbote ignoriert, muss inzwischen mit empfindlichen Bußgeldern rechnen. Auch beim mittlerweile 17. Ystad Sweden Jazz Festival war dieser Wandel spürbar. Während Festivals in anderen Teilen Europas unter der dritten, vierten oder fünften Hitzewelle ächzten, lagen die Temperaturen in Ystad bei angenehmen 22 bis 24 Grad. Das zieht zunehmend internationales Publikum an.
Ein Auftakt nach Maß
Wie so oft in Ystad begann das Festival bereits am Mittwochmittag – gleich mit drei bemerkenswerten Konzerten. Den Auftakt machte Björn Yttling mit seinem Jazzprojekt. Bekannt wurde der Schwede vor allem als Mitglied des Indiepop-Trios Peter Bjorn and John und als Produzent, unter anderem von Lykke Li. Seine Jazzwurzeln reichen jedoch weit zurück: 2005 erschien sein erstes Jazzalbum „Oh Lord Why Can’t I Keep My Big Mouth Shut?“, 2026 folgte „Illegal Hit“. Dazwischen lagen zahlreiche Ausflüge in den Indiepop.
Yttlings Jazz klingt entsprechend anders: cineastisch, poppig, folkloristisch und zugleich tief im skandinavischen Jazz verwurzelt. Mit Jonas Kullhammar, Fredrik Nordström, Mattias Ståhl, Dan Berglund und Fredrik Rundqvist hatte er eine hochkarätige Besetzung an seiner Seite. Vor allem Berglunds druckvolles Bassspiel sorgte für zusätzlichen Drive. Am Nachmittag ging es ins altehrwürdige Ystads Teater zu einem neuen Projekt von Jan Lundgren. Nachdem Lundgren dort 2018 sein Projekt „Magnum Mysterium“ mit dem Ratinger Kammerchor aufgeführt hatte, arbeitete er diesmal mit dem Malmö Academy of Music Chamber Choir. Jazz, klassische Musik und Folk gingen eine ungewöhnliche Verbindung ein. Gegensätzlicher konnten die beiden Konzerte kaum sein.
Nur eine halbe Stunde später wartete im Hotel Fritiden das Helge Albin Quintet. Der inzwischen 85-jährige Saxophonist, der noch 2024 das Album „Homemade“ veröffentlichte, spielte mit unter anderem Karl-Martin Almqvist am Saxophon und Jakob Karlzon am Piano einen ausgesprochen kraftvollen, swingenden Jazz. Die Soli waren mitreißend. Für die Festivalbesucher ein Auftakt nach Maß.
Bobo Stenson nimmt das Publikum mit
Am zweiten Festivaltag begeisterte das Bobo Stenson Trio im fast ausverkauften Theater. Stenson, einer der herausragenden schwedischen Jazzmusiker seiner Generation, spielte mit Anders Jormin am Kontrabass und Jon Fält am Schlagzeug einen lyrischen, atmosphärischen Jazz mit viel Raum für Interaktion. Auch wenn die Formulierung inzwischen etwas abgedroschen klingt: Hier nahm die Musik das Publikum tatsächlich mit auf eine Reise. Skandinavische Melancholie traf auf freie Improvisation und Einflüsse aus der klassischen Musik. Stenson, Jormin und Fält spielten nicht einfach nebeneinander – sie reagierten permanent aufeinander. Am Abend folgte eine besondere Premiere: Erstmals gastierte die DR Big Band aus dem nur rund 90 Kilometer entfernten Kopenhagen in Ystad. Gemeinsam mit dem dänischen Mundharmonika-Virtuosen Matthias Heise präsentierte sie dessen Neubearbeitung von John Coltranes „A Love Supreme“. Wer dabei ein Konzert des Mundharmonikaspielers mit Big-Band-Begleitung erwartet hatte, lag allerdings weit daneben. Heise verteilte Coltranes Motive auf die verschiedenen Gruppen des Orchesters. Saxophone, Trompeten, Posaunen und Rhythmusgruppe wurden zu einem farbenreichen Klangkörper. Neue Übergänge und harmonische Verbindungen erweiterten das Original, während Coltranes Improvisationen zwischen Mundharmonika und Saxophonen aufgeteilt wurden. So entstand ein spannender Dialog zwischen Coltranes Original und Heises eigener Interpretation.
Chanson, Jazz und eine große Entdeckung
Eine frische, wenn auch längst nicht mehr ganz neue Stimme eröffnete am dritten Tag das Hauptprogramm. Die französische Sängerin Camille Bertault trat bereits um 13 Uhr im Konferenzsaal des Hotels Ystad Saltsjöbad auf. „Für mich eine neue Erfahrung“, sagte sie zu Beginn – und stellte nach zwei Stücken erleichtert fest: „Es funktioniert – noch nie waren meine Musiker so ausgeschlafen.“ Mit ihrem Projekt „Bonjour mon amour“ verband Bertault modernen Jazz und französisches Chanson mit großer Lust an Improvisation und einer ausgesprochen unterhaltsamen Bühnenpräsenz. Kleine Tanzeinlagen und launige Erläuterungen machten das Konzert zu einem Gesamtkunstwerk, das beim Publikum hervorragend ankam.
Und dann Ivan Lins. Asche auf das Haupt des Autors: Noch nie gehört. Welch eine positive Überraschung! Der mittlerweile 81-jährige Brasilianer gehört seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Komponisten und Sängern seines Landes; seine Stücke wurden unter anderem von Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan und Sting interpretiert. In Ystad präsentierte Lins mit seinem Quartett fast zwei Stunden lang ein Best-of seiner Musik. Stimmlich erstaunlich präsent und mit einer sehr persönlichen Ansprache an das Publikum entwickelte sich das Konzert zu einem der Höhepunkte des Festivals. Für den Autor eine echte Neuentdeckung.
Wenn das Publikum entscheidet
Aber auch in Ystad funktioniert nicht alles. Die letzten beiden Festivaltage sollten – wie bereits in den beiden Jahren zuvor – zu einem Open-Air-Ereignis im besonderen Ambiente von Charlottenlund werden. Der Vorverkauf verlief jedoch so schleppend, dass die Festivalverantwortlichen angesichts des finanziellen Risikos die Reißleine ziehen mussten. Damit zeigt sich ein Problem, das inzwischen viele Kulturveranstaltungen betrifft: Letztlich beeinflusst das Publikumsverhalten unmittelbar die Programmgestaltung. Große Open-Air-Produktionen lassen sich nur finanzieren, wenn das Publikum bereit ist, frühzeitig Tickets zu kaufen.
Vielleicht liegt aber gerade darin die Stärke des Ystad Sweden Jazz Festival 2026. Weniger Big Names, dafür mehr spannende Entdeckungen. Ein Programm, das sich nicht allein auf bekannte Namen verlässt, sondern musikalische Begegnungen wagt. Dazu ein schwedischer Sommer mit angenehmen 22 bis 24 Grad statt Hitzerekorden. Ystad 2026 hat gezeigt, dass ein Jazzfestival nicht unbedingt größer und prominenter werden muss, um spannend zu bleiben. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass im kommenden Jahr auch das Open-Air-Erlebnis von Charlottenlund wieder Teil des Festivals sein kann.
Weiter so, Ystad!









