EXPERIMENTALE TROISDORF
Ein GROSSARTIGER ABSCHLUSSABEND
TEXT: Uwe Bräutigam | FOTO: Uwe Bräutigam
Seit neun Jahren kuratiert Frank Baquet im Kunsthaus Troisdorf die Experimentale, ein Festival für nicht alltägliche Musik abseits des Mainstreams. Uwe Bräutigam besuchte den Abschlussabend mit Konzerten der Band KIND und dem Duo Nicklas Koppe und Gervasio Tarragona Valli.
KIND – EINE INTERNATIONALES SEXTETT
KIND ist ein Sextett unter der Leitung des Saxofonisten Jan Klare. Er selbst nennt die Musik der Band: “Controlled Deranged Prog Chamber“ also eine kontrolliert verrückte progressive Kammermusik. Der Bandname KIND sagt auch aus, das die Musik verspielt und mit Humor gewürzt sein darf. Die sechs Bandmitglieder stammen aus aller Welt:
Die Klarinettistin Shabnam Parvaresh stammt aus Teheran und hat dort auch im Symphonie Orchester gespielt. Sie siedelte dann nach Deutschland und hat Jazz Klarinette studiert. Sie ist die derzeitige Leiterin des Morgenland Festivals in Osnabrück. Neben der Musik ist sie auch als Bildende Künstlerin tätig. Die Posaunistin Shannon Barnett stammt aus Australien, lebt in Köln, wurde mit 2020 mit dem WDR Jazzpreis in der Kategorie Improvisation und 2022 mit dem Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet. Bruna Cabral kommt aus Brasilien ist eine in Köln lebende Multiinstrumentalistin und Komponistin mit Schwerpunkt Schlagzeug. Die Cellistin und Komponistin Emily Wittbrodt ist in Bonn geboren. Ein Schwerpunkt ihrer kreativen Arbeit liegt auf Improvisationsmusik und interdisziplinären Projekten im Bereich Tanz und Theater. Sie ist Mitglied der Band HILDE, die dieses Jahr für den Deutschen Jazzpreis in der Kategorie Bester Liveact nominiert war.
Der Bassist Roger Kintopf ist gerade mit Kölner Jazzpreis ausgezeichnet worden und hat auf der Cologne Jazzweek als Kurator mitgewirkt. Roger Kintopf ist für den verhinderten David Helm eingesprungen. Der Leiter der Band Jan Klare ist Saxofonist, Flötist, Klarinettist und Komponist. Ein erfahrener Improvisationsmusiker und Bandleader, der in unterschiedlichen Projekten spielt. Er hat 2006 die Großformation The Dorf mit der er 2013 den Jazzpreis Ruhr gewann.
EINE MUSIKALISCHE WUNDERTÜTE
KIND bot eine musikalische Bandbreite, die von Klassikelementen bis zu fröhlicher Musik für Kinder reichte, auf musikalisch hohem Niveau und immer mit einem Augenzwinkern. Im Eröffnungsstück “Wish“ war die Prélude aus dem Te Deum von Marc-Antoine Charpentier (1643 – 1704) eingewoben. Den meisten Menschen als die Eurovisionsmusik bekannt. Shannon Barnett an der Posaune spielte ein langes bemerkenswertes Solo und Bruna Cabral am Schlagzeug war die weitere Solistin. Shannon Barnett spielte auch in einem späteren Stück ein spannendes Call and Response mit Jan Klares Saxofon.
Ein weiteres besonderes Solo spielte Emily Wittbrodt am Cello, begleitet vom Schlagzeug. Dieses Solo ging dann in eine sehr schöne lyrische Passage über. So könnte man noch eine ganze Reihe von prägnanten Solo Improvisationen aufzählen, wie das lange Intro von Roger Kintopf mit Pizzicato und gestrichenen Saiten zum Titel “Dieb“. Jan Klare spielte dazu Fagott. Hier gab es ein spannendes Duo von Fagott und der Klarinette von Shabnam Parvaresh. Zum Abschluss gab es fröhliches Kinderlied, natürlich instrumental, mit einem langen expressiven Saxofonsolo von Jan Klare, das schon etwas über ein Kinderlied hinausging.
KIND präsentierte ein spannendes Konzert mit großartigen Improvisationen und einem kohärenten Ensemblespiel. Trotz einer durchaus komplexen Musik waren die Stücke sehr zugänglich. Sie hätten sicher auch außerhalb der Experimentale ihre Zuhörer*innen gewonnen.
KLASSISCH GESCHULTER KLARINETTENVIRTUOSE
Das zweite Set des Abends war ein Duo. Gervasio Tarragona Valli an der Klarinette und Nicklas Koppe Klavier. Dieses Duo war eine große Überraschung. Gervasio Tarragona Valli erwies sich als ein ungeheuer virtuoser Klarinettist, der hervorragend von Nicklas Koppe begleitet wurde. Die beiden verbanden in ihrem Programm Klassik, Jazz und freie Improvisation. Der aus Montevideo stammende Gervasio hat klassische Ausbildung und hat schon als Solist im Montevideo Symphonieorchester gespielt. Das Duo spielte ein Stück mit dem Titel “622“, hinter dem sich nichts anderes verbarg als Mozarts Klarinettenkonzert A-Dur KV622. Allerdings hatte Gervasio das Klarinettenkonzert in eine andere, eine persische Tonleiter gesetzt und es mit Bravour gespielt.
Das war nicht die einzige Klassikadaption. Im Programm war auch ein Stück mit Teilen aus Stravinskys “Saccre de Printemps“ und dem “Feuervogel“. Stravinskys Musik hat das Duo wunderbar miteinander verwoben, bearbeitet und darüber improvisiert. Hier wurden auch die Fertigkeiten von Nicklas Koppe am Klavier deutlich. Ein Stück mit vielen Brüchen und Wendungen, zarte lyrische Passagen schlugen schnell in furiose Passagen um. Bei einem Musiker aus Lateinamerika durfte natürlich lateinamerikanische Musik nicht fehlen. So gab es afrobrasilianische Musik mit langsamen und zarten Stellen, die er betörend schön auf der Klarinette spielte.
Als Zugabe spielte das Duo den argentinischen Klassiker “Alfonsina y el mar“ über den Freitod der Dichterin Alfonsina Storni. Berühmt ist die Version von Mercedes Sosa. Gervasio Tarragona Valli spielte eine berührende Fassung dieses Liedes. So wurden am letzten Abend der Experimentale zwei sehr unterschiedliche, aber hochkarätige Konzerte gespielt. Ganz erfüllt von der Musik verlies das Publikum nach den Konzerten das Kunsthaus Troisdorf.














