Musik als Mittel des Widerstands
Eva Klesses Quartett transportierte eine starke Botschaft
TEXT: Uwe Bräutigam | FOTO: uwe Bräutigam
Raise your voice to be heard: Im Kölner LOFT hat die Schlagzeugerin Eva Klesse mit ihrem erweiterten Quartett das neue ambitionierte politische Projekt STIMMEN vorgestellt. Die vier Mitglieder des Eva Klesse Quartetts, Evgeny Ring (Saxofon), Philip Frischkorn (Klavier), Marc Muellbauer (Kontrabass) und Eve Klesse (Schlagzeug), waren sich einig, dass es in diesen Zeiten notwendig sei sich klar politisch zu positionieren. Jedes Schweigen bedeute eine Zustimmung zu den bestehenden Verhältnissen. Mit ihrem Programm STIMMEN, das sie in der Pandemiezeit erarbeitet haben, wollen sie Menschen, die oft nicht gehört werden eine Stimme geben. “Raise your Voice to be heard“ heißt es in dem Stück “You cannot be what you cannot see.“Im Kölner LOFT hat das erweiterte Quartett, mit Zuza Jasinska als Michael Schiefel Sänger*in und Philipp Rumsch an der Elektronik, das neue Album ohne Pause durchgespielt. Damit erschloss sich für das Publikum der Aufbau dieses Konzeptalbums sehr deutlich.
HOFFNUNG MACHEN
Es gibt vier Themenblöcke im Projekt STIMMEN. Am Anfang steht die Komposition des Pianisten Philip Frischkorn. Hier kommt die Leipziger Schauspielerin Ellen Hellwig zu Wort. Sie äußert sich zur friedlichen Revolution in der DDR und den Dingen, die dabei schief gelaufen sind. Das zweite Thema hat der Saxofonist Evgeny Ring mit den Worten der russischen Oppositionellen Daria Serenko und Julia Tsekova komponiert. Der dritte Komplex, von Eva Klesse komponiert, behandelt die Vorurteile gegenüber queeren Menschen. Der Text stammt von Carolin Emcke und er verwendet Zitate aus der Autobiografie des schwulen amerikanischen Pianisten Fred Hersch. Das vierte Thema ist der Genitalverstümmelung von Frauen gewidmet und stammt auch von Eva Klesse, die ägyptischen Frauen hier eine Stimme gibt. Den Abschluss bildet ein Stück, in dem bekannte schwarze Frauen zu hören sind, die Mut und Hoffnung machen.
POESIE DES WIDERSTANDES
Stimmen, gesprochenes Wort, Gesang und auch manchmal Schreie sind die zentralen Bestandteile der Musik des Projektes. In manchen Stücken umspielt die Musik die Texte und ist eher Begleitung des gesprochenen Wortes. In anderen Stücken ist die Musik sehr expressiv und drückt damit den Aufschrei gegen die Ungerechtigkeiten aus. Obwohl die Texte aufrütteln und keine leichte Kost sind, beinhalten sie auch eine Poesie, eine Poesie des Widerstandes und auch der Hoffnung.
Im Konzert gab es viele beeindruckende Momente, etwa wenn sich aus dem russischen, deutsch, englischen Sprachgewusel und dem wilden Ensemblespiel der Gesang von Zuza Jasinska herausschält und wenig später in ein großartiges Klaviersolo von Philip Frischkorn übergeht. Oder wenn verzweifeltes Stöhnen und Hauchen von Eva Klesse am Schlagzeug begleitet wird. Das Stück “8 out of 10“ (acht von zehn Frauen in Ägypten sind Opfer von Genitalverstümmelung) lässt dem Publikum den Atem stocken. Die Gesangsperformance von Michael Schiefel gibt den Texten eine besondere Eindringlichkeit, dies gilt besonders für das Stück “Don`t Hit On Me“, wo es um die Vorurteile gegenüber schwulen oder lesbischen Musiker*innen geht. Hier wächst Schiefel über sich selbst hinaus und schafft mit seinem ausdrucksstarken Gesang eine unglaubliche Intensität.
Das Konzert des Eva Klesse Quartetts im ausverkauften Kölner Loft war mehr als nur ein gutes Musikkonzert, es hat den oft Ungehörten eine Stimme verliehen, es hat aufgerüttelt und Musik als Mittel des Widerstandes gegen Unterdrückung eingesetzt. Und obwohl die Texte schon 2022 entstanden sind, haben sie auch heute noch eine ungeheure Aktualität. STIMMEN ist ein Konzeptalbum, das an eine lange Jazztradition widerständiger und rebellischer Musik, gegen Unterdrückung, für Freiheit und Gleichberechtigung anknüpft. Das Projekt steht in einer Reihe mit Werken von Archie Shepp, Max Roach, Terry Lynn Carrington, Matana Roberts und anderen engagierten Jazzmusiker*innen.
Eva Kless Quartett – STIMMEN, Esteam Music