Ein Ort, an dem nichts verkauft werden muss
Eindrücke vom Platzhirsch-Festival
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: André Symann
Manche Festivals holen die Welt in die Stadt. Das Platzhirsch schafft das Kunststück, dabei die Stadt nicht zu vergessen – Eindrücke von einem Festival, dem über die Musik hinaus etwas Seltenes gelingt...
Freitagabend, 22 Uhr, das Bora am Dellplatz. Unten eine gemütliche Gastronomie, und ich rechne mit einer kleinen Kneipe – doch eine Etage höher öffnet sich ein weiter Saal mit Theke und richtiger Bühne, bis auf den letzten Platz besetzt. Für eine Aufführung wohlgemerkt, die alles daransetzt, dem Massengeschmack gerade nicht entgegenzukommen. Das ist bereits die erste Ansage des Abends: konzentrierte Stille, ein Publikum, das erwartungsvoll die Luft anhält und bereit ist, sich auf Unwägbares einzulassen.
Einen live gespielten Soundtrack zu David Lynchs „Eraserhead" zu erwarten, wäre allerdings die Quadratur des Kreises. Lynchs unheimliches Frühwerk lebt von seinem kargen Sounddesign: Maschinenrauschen, Sirenen, Dröhnen, die Geräuschkulisse einer Industrielandschaft. Musik im herkömmlichen Sinn hat dieser Film nicht.
Xiu Xiu versuchen deshalb gar nicht erst, ihn zu illustrieren. Jamie Stewart und Angela Seo bauen einen eigenen Klangraum, der einen postwendend zurück in die klaustrophobische, ins Horrorhafte kippende Welt des Films zerrt. Elektronik trifft auf verblüffend viel Handfestes: Eine mechanische Sirene wird per Handkurbel ins Heulen gedreht, in einem Gefäß zerstampft jemand fast rituell Glas. Dazu Stimmen, Schreie, Perkussion und eine sorgsam dosierte Prise trockener Ironie. Und schließlich, tatsächlich, der berühmte „Lady in the Radiator"-Song.
Die Bildprojektion auf der großen Leinwand gerät daneben fast zur Nebensache. Das eigentliche Ereignis spielt sich im Ohr ab. Tiefe Bassfrequenzen fahren einem körperlich durch die Anlage; die expressiven Schreie und das Aufheulen der Sirene zählen zu den dichtesten Momenten. Eine bis ins Letzte durchdachte Performance, die ihre große Vorlage nicht nacherzählt, sondern zum Sprungbrett für etwas Eigenes nimmt.
Ein starker Auftritt. Und doch ist das Live-Ereignis mehr als jedes Album: die gemeinsame Schwingung eines Publikums, das im selben Augenblick mitgerissen wird. Genau darum geht es auf einem Festival.
Alles fühlt sich frei an
Als draußen auf dem Dellplatz die Open-Air-Gigs längst verstummt sind, geht es in der Kirche weiter. St. Joseph bietet mit seinem großen rechteckigen Raum nicht nur eine besondere Atmosphäre, sondern auch eine Akustik, die man kaum besser bestellen könnte. Hier spielt FLÖJTER, ein Duo, dessen zwei Hälften sich sichtlich gegenseitig anstacheln.
Delphine Joussein bringt eine Klangwelt mit, für die man das Wort „Flötenmusik" am besten sofort vergisst. Ihr Ton kann klar und beinahe klassisch anheben, um im nächsten Moment ins Überblasene, Schrille, Geräuschhafte zu kippen. Atem, Stimme und Klappengeräusche werden zu eigenständigem Material, Loops und Verzerrung türmen den Klang weiter auf, bis aus einem einzigen Rohr aus Metall ein fast synthetisch schillernder Klangkörper wird. Ihr gegenüber der Improvisationsmusiker Mats Gustafsson, der ebenfalls zur Flöte greift.
Auch hier ist der Raum voll, auch hier lauscht das Publikum gebannt einer Musik, die sich nicht anbiedert. Die Weite des Kirchenschiffs wird selbst zum Mitspieler: Mal treibt die eine, der andere folgt, dann dreht sich das Verhältnis um. Der Nachhall macht den Sound groß, ohne die geräuschhaften, perkussiven Anteile zu schlucken – die platzen vielmehr knackig aus dem Ganzen heraus.
Zwei Konzerte an einem einzigen Abend, an dem noch zahllose weitere liefen – und schon diese beiden hätten die Anreise nach Duisburg gerechtfertigt. Das eine verwebt Film, Geräusch, Elektronik und Performance, das andere holt aus zwei Flöten einen ganzen Kosmos. Zwei Seiten derselben Sache: musikalische Freiheit.
Kunst und Stadtgesellschaft
Der Samstag hält die Spannweite. Princess Thailand aus Frankreich treiben ihre Melange aus Postpunk und ungeschöntem Lärm ins Bedrohliche: scharfkantig, kompromisslos, getragen von einer markanten Frauenstimme. Die Kanadier Concrete Vehicles führen in sprödere Post-Rock-Gefilde. In der Kirche entfaltet Pas Est Le Saut ein hypnotisches Klanggeschehen – Yann Gourdon jagt die Drehleier durch elektronische Schaltungen, Alexis Dégrenier bearbeitet Schlagwerk, Störklänge und allerlei Gegenstände, dazu die Klangregie von Étienne Foyer. Draußen wird derweil Sophia Kennedy mit ihrem eigenwilligen Kunstpop gefeiert.
Doch das Platzhirsch lebt nicht allein von seinen Auftritten. Seine eigentliche Besonderheit zeigt sich auf dem Dellplatz selbst, und zwar nicht auf der Bühne. Hier steht keine beliebige Budenlandschaft. Nahezu alles ist sozial oder politisch grundiert: migrantische Fraueninitiativen aus interkulturellen Vereinen, die eine Art Suppenküche betreiben; „Omas gegen Rechts"; ein Streetart-Kollektiv mit Kinderarbeiten aus Workshops; Buttons zum Selbermachen. Dazu eine Fahrrad-Selbsthilfewerkstatt, die alte Stahlrennräder aus den Achtzigern wieder in Gang bringt, statt am nächsten Luxus-E-Bike zu verdienen.
So wird der Dellplatz für zwei Tage zum Sammelbecken soziokultureller Initiativen – eine Ansage an die durchkommerzialisierte Welt da draußen. In einem Container läuft die Ausstellung eines Fotografen, der als Sozialarbeiter über Jahre das Leben im Duisburger Arbeiterviertel Hochfeld festgehalten hat. Schwarz-Weiß-Bilder und Videos zeigen ein mal ärmliches, mal überraschend selbstbewusstes Straßenleben, den Alltag von Kindern und Jugendlichen. Lange soll das Material in Archiven geschlummert haben, ehe es jetzt wieder ans Licht kam. Ein Stück Stadtgeschichte, das ausgerechnet auf diesem Festival seinen Platz findet.
Diese Spannweite ist das eigentlich Bemerkenswerte am Platzhirsch. Sie reicht vom nachbarschaftlichen Miteinander bis zum internationalen künstlerischen Profil und fügt beides zu einem Ganzen. Freier Eintritt, ehrenamtlich gestemmt, ohne den Zwang, aus jedem Quadratmeter Umsatz zu pressen. Für zwei Tage entsteht auf dem Dellplatz ein öffentlicher Raum, in dem Kunst, Nachbarschaft, politische Initiativen, Kulturen und Generationen wie selbstverständlich nebeneinander bestehen – ein Ort, an dem nichts verkauft werden muss. Das Festival karrt nicht bloß ein Publikum zu Konzerten. Es bringt Menschen zusammen. Genau darin liegt seine kulturpolitische Kraft.




















