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Beethoven bittet Lennon zum Tanz

Younee bei FineArtJazz im Schloss Horst

Gelsenkirchen, 22.10.2026
TEXT: Stefan Pieper, Bernd Zimmermann | FOTO: Norbert Uhländer

Younee ist in Südkorea klassisch ausgebildet, Steinway Artist und doch am liebsten dort, wo keine Noten mehr helfen. Bei ihrem Konzert in der Reihe FineArtJazz im Schloss Horst improvisierte sie sich durch knapp zwei Stunden Solo-Klavier, ließ Beethoven in John Lennon übergehen und spielte Jazz, der seine klassischen Wurzeln nie verleugnete. Den Gänsehautmoment des Abends lieferte ausgerechnet ein Kölner Rocksong: BAPs „Verdamp lang her“, den sie erst seit zwei Tagen kannte und als Ballade sang.

Es gibt diesen Augenblick im Improvisationstheater, wenn das Publikum seine Zurufe gemacht hat und auf der Bühne kurz alles stillsteht. Im Schloss Horst ist es Younee, die um Vorschläge bittet. „Mondscheinsonate“, ruft jemand. „Imagine“, ein anderer. Die Pianistin lacht, sie wisse nicht, ob das gut gehe. Dann sitzt sie fünf, sechs Sekunden reglos am Flügel und fängt an.

Was folgt, ist kein Medley, sondern eine Wanderung. Beethovens Triolen fließen zunächst, wie man sie kennt, dann geraten sie ins Swingen, Harmonien verrutschen, der Puls wird elastisch. Irgendwann findet Younee in der Sonate jenen einen Akkord, der sich als Tür entpuppt, und geht hindurch: Plötzlich ist da „Imagine“, schlicht begleitet, auswendig, und sie singt den Text gleich mit. Der Saal ist außer sich.

Noten liegen an diesem Abend nirgends. Die in Südkorea klassisch ausgebildete Musikerin braucht sie nicht. Bemerkenswert ist auch das Instrument: Younee ist Steinway Artist, im Schloss aber steht ein Yamaha. Sie reizt ihn bis an seine Grenzen aus. Der Haustechniker, der den Flügel seit Jahren kennt, staunt zwischendurch, er habe nicht gewusst, dass dieses Instrument solche Töne hergibt.

Wenn schon NRW, dann auch ein Lied aus Köln!

Den zweiten Höhepunkt hat sie sich erst kurz vorher besorgt. Vor zwei Tagen, erzählt sie, habe sie zum ersten Mal BAPs „Verdamp lang her“ gehört. Wenn sie schon in Nordrhein-Westfalen spiele, dann auch ein Lied aus Köln. Ans Kölsche traut sie sich nicht, also hat sie sich eine hochdeutsche Fassung des Textes im Netz gesucht. Aus Niedeckens Selbstbefragung wird eine langsame, gläserne Ballade, getragen von einer Stimme mit dunklem, warmem Timbre. Gänsehaut bis unter die Saaldecke. Ihr nächstes Album, verrät sie später, solle mehr Gesang enthalten. Man möchte ihr diese Ballade dringend ans Herz legen.

Nicht alles hat diese Fallhöhe. Teile des ersten Sets sind mehr klassisch und poppig grundiert, einige ältere Balladen ziehen recht glatt vorüber. Im zweiten Set aber lässt Younee den Jazz von der Leine. Ihre „Toccata and Blues in E minor“ verbindet barocke Motorik mit erdigem Blues, ein Kraftakt, der zugleich nach purer Spielfreude klingt. Spätestens hier ist klar: Das ist keine Klassikerin, die ein wenig Jazz einstreut, sondern eine Jazzmusikerin, die immer wieder zu klassischen Motiven zurückkehrt. Wer die Soloabende eines Iiro Rantala schätzt, fühlt sich zu Hause.

Eine Gala im Clubformat

Fast zwei Stunden Solo-Piano, das klingt nach einer Geduldsprobe. Es ist keine einzige Sekunde zu lang. Dazu tragen auch Younees Ansagen bei: zu jedem Stück ein paar Sätze über seine Herkunft, nie zu ausführlich, oft mit Witz. Sie muss ihre Virtuosität nicht ausstellen, sie lässt sie einfach geschehen.

Knapp 100 Karten waren verkauft, für das Schloss eher wenig. Nach dem Konzert hört man immer wieder dieselbe Frage: Wie kann es sein, dass bei einer solchen Künstlerin nicht mehr Leute kommen? Wer da war, erlebte dafür eine Gala im Clubformat. Und offenbar nicht nur das Publikum: Gleich fünf Instagram-Posts hat Younee dem Abend inzwischen gewidmet, dem Schloss, dem Licht, den Menschen. Man darf das als Versprechen lesen, dass sie wiederkommt. Hoffentlich vor einem volleren Saal.

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