Donnernder Applaus in Essen
Sylvain Rifflets „Perpetual Motion“ würdigte Moondog
TEXT: Heinrich Brinkmöller-Becker | FOTO: Heinrich Brinkmöller-Becker
Mit großem Paukenschlag, mit einem musikalischen Highlight endet eine Ära des Jazz‘ in Essen, eben der gleichnamigen Reihe, die seit 42 Jahren die Weltspitze der improvisierten Musik ins Ruhrgebiet holte und nun mangels weiterer Förderung sanglos, aber klangvoll endet: Der französische Jazzmusiker und Filmkomponist Sylvain Rifflet huldigt zum Ausklang der Reihe mit dem Programm „Perpetual Motion“ dem Werk des Komponisten Louis Thomas Hardin alias „Moondog“, der am 26. Mai seinen 110. Geburtstag feiern würde. Der langjährige künstlerische Leiter von „Jazz in Essen“, Berthold Klostermann, erfüllt sich damit einen besonderen Wunsch – und beglückt mit dieser Wahl das Publikum im gut besuchten Grillo-Theater.
Theater-Hausherrin des Grillo, Selen Kara, anerkennt in ihrer Begrüßung die Verdienste der Reihe und vor allem die von Berthold Klostermann, bedauert das Ende und deutet an, dass mit dem Ende auch ein Anfang von etwas Neuem verbunden sei. Mit der Vermutung, dass dies wohl wenig mit Jazz zu tun haben dürfte, liegt man wahrscheinlich nicht ganz falsch. Nun ja. Als künstlerischer Leiter erinnert Berthold Klostermann anschließend an die zahllosen Auftritte des Who is Who des Jazz‘, an die verschiedenen Spielorte, an die Kooperationspartner von Jazz in Essen. Um aufkommenden Wehmut zu überbrücken, gibt er eine längere Einführung zum anstehenden Konzert, zu der Tatsache, dass Moondog und seine Kompositionen von Musikern sehr geschätzt, von Jazzern jedoch kaum gespielt würden. Und er behält recht damit, dass Sylvain Rifflet und Saxofonist Hugues Mayot, Gitarrist Csaba Palotaï, Rembrandt Frerichs am Piano und Drummer Benjamin Flament dies auf besondere Weise ändern.
Hommage an den Wikinger von Manhattan
Die Hommage an den „Wikinger von Manhattan“ startet vor der Bühne mit einem Rundgang der Musiker, auf dem Handy begleitet von O-Tönen Moondogs. Auf der Bühne wird dann zunächst ein Video eingespielt, das Rifflet und Jon Irabagon in New York aufgenommen haben, just an der Stelle, an der Moondog unermüdlich seine Straßenmusik spielte: 2 West 46th Street, so auch der Titel des Openers, in den die Gruppe allmählich einsteigt und mit „New York“-Energie loslegt. Wie beim gesamten Konzert: Beide Bläser – Rifflet mit Tenorsaxophon und Klarinette, Mayot mit Tenor- und Altsaxophon - dominieren mit einem hyper-kraftvollen Ton, mit überbordendem Umspielen der Wiederholungen und rhythmischen Muster, die für Moondogs Sound mit seinem Percussion-Instrument Trimba so grundlegend und typisch waren. Benjamin Flament – ein langjähriger Begleiter Rifflets – spielt sein Drum-Set mit subtilen Variationen des Grundrhythmus‘, die Gitarre Palotaïs legt eine lyrische Fusion-betonte Schicht darüber, Rembrandt Frerichs‘ Tastenspiel changiert gekonnt zwischen perkussiver Begleitung und dynamischen Akkordschlägen. Betörend, wie Rifflet eine Kinderlied-Melodie per Lochstreifen auf einer Spieluhr abspielt – zunächst nur behutsam von Gitarrenakkorden begleitet, um in ein furioses Tutti überzugehen. Die meisten Titel sind dem „Moondog“-Album Perpetual Motion entnommen. Dem Quintett gelingt es dabei, die streng notierte Musik Moondogs, ihren Spirit, ins Jazzidiom zu überführen – mit An-Klängen etwa an Broadway-Swing, an Charlie Parkers Expressivität, an Stan Getz‘ melodischer Eleganz. So unterschiedlich die Stilistik dabei ist, generieren die repetitiven Muster und die perkussive Akzentuierung bei allen Instrumenten einen entsprechend profilierten Konzertabend.
Der donnernde Schlussapplaus veranlasst Rifflet zu einem Klarinetten-Solo als Zugabe. In atemberaubender Zirkularatmung bläst er seine Eigenkomposition ‚Na de Casteldoza‘ – nicht von ungefähr an Moondogs Idol Bach erinnernd. Allem Ende wohnt eine gewisse Melancholie inne, zumindest verschafft das Quintett von Rifflet dem Publikum das Gefühl eines würdigen Ab-Gesanges auf eine musikalische Epoche in Essen, in NRW.















