Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival

Singende Räume

Eindrücke vom fünften New Colours Festival

Gelsenkirchen, 30.09.2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper

Die fünfte Ausgabe des New Colours Festivals machte aus Kirchen, Kunsträumen und Industriedenkmälern temporäre Klangwelten und zeigte, wie eng außergewöhnliche Musikerlebnisse mit ihren Spielorten verbunden sein können. Die Räume färbten, was erklang, und die Musik schärfte den Blick auf die Räume. Getragen wurde dieses Wechselspiel von Künstlerinnen und Künstlern, die ihre individuellen Biografien, Umwege und Obsessionen in eine unverwechselbare Klangsprache übersetzen.

In der Gelsenkirchener Bleckkirche zeigt Håkon Kornstad am Samstagnachmittag exemplarisch, was das heißt. Sein Saxofon braucht Raum, und hier bekommt es ihn. Kornstad beherrscht die Kunst, den Ton zu formen, zu dehnen und mit Atem- und Anblastechniken bis an die Grenze des Hörbaren zu führen. Eine alte Loopmaschine wird zum Dialogpartner. Was zunächst wie ein virtuoses Spiel mit Elektronik wirkt, führt immer weiter nach innen und bleibt dabei durchweg melodisch zugänglich.

Kornstad stattet eine Flöte mit einem Klarinettenmundstück aus und erzeugt plötzlich orientalische Klangfarben zwischen Duduk und Ney. Dann kommt seine Stimme hinzu: ein heller, ergreifender Tenor, mit dem er alte schwedische und norwegische Lieder und später sogar eine Gluck-Arie singt – vom Saxofon begleitet oder im Call-and-Response beantwortet. Die Oper hatte den Jazzmusiker einst so gepackt, dass er Gesang studierte. Aus dem Saxofonisten wurde ein Sänger, aus dem Konzert eine Erkundung von Klang, Sprache und Erinnerung.

Explosive Dynamik und innere Ruhe waren hier kein Widerspruch

Am Abend wird auch bei Eivind Aarset und seinem Quartett im stadt.bau.raum der Raum zum Mitspieler. Jeder Ort müsse neu erforscht werden, sagte der norwegische Gitarrist im Gespräch vor Konzertbeginn, und genau das geschieht hier. Sphärische Klänge setzen ein, ein lang gezogener Gitarrenton spannt sich wie ein Bogen durch die Architektur, zwei Schlagzeuger legen ein gewaltiges Fundament. Aarsets Musik wächst langsam aus weichen, melancholischen Texturen heraus. Dann bündelt sich der Sound, und die Band entfesselt eine enorme, teilweise psychedelische Kraft. Alles bleibt Teil einer gemeinsamen Schwingung. Aarset spielt, als kehre er etwas Inneres durch das Instrument nach außen: Explosive Dynamik und meditative Ruhe werden auf wundersame Weise eins. Es war eines der intensivsten Konzerte des Festivals.

Unmittelbar danach setzte das Tingvall Trio mit reiner Handarbeit einen wirkungsvollen Kontrast. Die Publikumslieblinge um Martin Tingvall liefen zu temperamentvoller Höchstform auf, mit melodischem Einfallsreichtum und traumwandlerischem Zusammenspiel. „Pax“ klang dunkel angesichts einer Gegenwart, in der vieles bedroht erschien, und wurde doch zu einem musikalischen Zeichen des Friedens. Freudenfeste, wie die Musik dieses Trios sie verkörpert, sind nun einmal eine starke Antwort auf die feindselige Welt da draußen.

Einen ähnlich verbindenden Zufluchtsraum schuf im Kunstraum Norten das langjährige Quartett von Markus Stockhausen . Schon das Opener-Stück „Sunday Morning“ gab die Richtung vor. Im Zentrum stand Stockhausen mit seinem dunkel-festlich timbrierten Flügelhorn, gelegentlich wechselte er zur Trompete oder zur Pocket Trumpet. Jeroen van Vliet färbte den Klang am Fender Rhodes futuristisch. Spätestens bei „Nebulae“ öffnete sich der Blick ins Universum. Stockhausen, in dessen Familie das kosmische Denken Tradition hat, sprach von den unvorstellbaren Dimensionen des Alls und der Winzigkeit unseres Planeten. In einer frei improvisierten Passage ließen die vier Klang, Farbe und Raum ineinanderfließen, zusammengehalten von prägnant ausformulierten modalen Skalen.

Wird die Premiere dieser Spielstätte ein Unikum bleiben?  

Eine besondere Premiere, die wohl ein Unikum bleiben wird, erlebt das Festival am Nachmittag in einer extravaganten Spielstätte: der Neuen Zeche Westerholt. Das derzeit verschlossene Industriedenkmal soll künftig vor allem wirtschaftlich genutzt werden. Aktuell trägt der Bau die raue Patina eines Lost Place. Atrium, Galerien und kunstvolle Keramikfliesen zeugen vom ästhetischen Anspruch der alten Industriearchitektur.

Eine Kabelrolle muss an diesem Samstagnachmittag zur Stromversorgung genügen, und schon verwandelt Julian Maier-Hauff den Raum mit Sequencern, Synthesizern, Drumcomputern, aber auch Saxofon, Trompete und Posaune in einen elektronischen Resonanzkörper. Der vom Jazz kommende Musiker schätzt an der Clubszene, dass man dort machen darf, was man will, solange man dazu tanzen kann. Marmor und Fliesen beginnen zu wummern in den Bass-Texturen des Minimal Techno. So viel körperliche Wärme geht von kühler Architektur selten aus.

Noch einmal verdichtete sich die Festivalidee nebenan in der Waschkaue, in einem knapp halbstündigen Auftritt von Ashia Grzesik. Schon am Freitag hatte die Cellistin mit ihrem Projekt Bison Rouge am Nordsternturm ihr neues Album als durchgehendes Märchen erzählt. Nun steht sie allein mit ihrem Cello zwischen den metallenen Körben der ehemaligen Bergleute. Ohne Verstärkung wirkt ihre Stimme umso unmittelbarer, und märchenhafte Gesänge aus ihrer slawischen Heimat verbinden sich mit dem Nachhall des Raumes.

Kreise schließen sich 

Während des letzten Stücks kommt eine Besuchergruppe von einer Führung herein. Grzesik stimmt das Steigerlied an, und einige Ältere, die jede Strophe kennen, singen mit. Plötzlich treffen zwei Geschichten aufeinander: die der Musikerin, deren Vater in Polen als Rockmusiker auf der Bühne stand, und die einer Region, die über Generationen zur neuen Heimat für Menschen von überall wurde, darunter viele polnischsprachige Bergleute. Es war einer der symbolträchtigsten Momente dieses Festivals.

Umso verdienter war das traditionelle Finale. Jazzanova Live feat. Wayne Snow lieferte eine treibende Abschlussparty zwischen New Jazz, Funk und Rock. Die Rhythmusgruppe arbeitete wie ein Kraftwerk, der Sound war druckvoll und laut, die Musik tanzbar – und endlich gerieten auch die Tanzbeine des Publikums in Bewegung. Weniger Stühle hätten dieser Musik gutgetan. Die stärksten Momente gehörten den elektronisch erweiterten Passagen, wenn der Synthesizer den Sound öffnete. Einige Entertainment-Einlagen verwässerten den coolen Faktor ein wenig, ein kraftvolles, rundes Finale war es trotzdem.

Für die Crew, zu der unter anderem auch ganz viele Ehrenamtliche gehören, bedeutet ein solches Festival einen enormen Kraftakt. Am späten Nachmittag herrscht im Backstage der Heilig-Kreuz-Kirche der übliche Hochbetrieb. Musiker wollen versorgt, Menschen, Geräte und Fahrzeuge zügig zwischen den Spielorten bewegt werden, technisches Feintuning kommt hinzu gepaart mit vielen unvorhersehbaren Überraschungen, etwa anreisende Bands, die ausgefallenen Zügen oder einem Staum zum Opfer fielen, wo Zeitpläne gestrafft werden müssen. Viel geschlafen hatten seit Donnerstag wohl die wenigsten. Bernd Zimmermann und Susanne Pohlen, die mit viel Leidenschaft und Verantwortlichkeit hinter diesem ganzen Kraftakt stehen, verdienen dafür alle Unterstützung.



Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Bild für Beitrag: Singende Räume | Eindrücke vom fünften New Colours Festival
Suche