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Die Gegenwart neu befragen

Musik der Zeit im Jahr 2026

Köln, 23.06.2026
TEXT: Stefan Pieper | 

Eine Konzertreihe, die Musik der Zeit heißt, trägt einen produktiven Widerspruch in sich: Zeitlos bleibt sie nur, solange sie die Gegenwart unablässig neu befragt. Seit 1951 tut der WDR in Köln genau das – und es passt fast zu gut, dass damals am Pult des allerersten Konzerts dieser Reihe Igor Strawinsky selbst stand. Der Rest ist Geschichte: Mit mittlerweile über 750 Uraufführungen ist der Sender zum größten Auftraggeber zeitgenössischer Musik in Deutschland geworden. Namen wie Stockhausen, Kagel, Nono, Ligeti oder Cage haben hier, ermutigt und beauftragt, Musikgeschichte geschrieben. Das Konzept ist über die Jahrzehnte bewährt und tragfähig geblieben: ein stehender, exzellenter Klangkörper als ausführendes Organ, die Uraufführung Seite an Seite mit – zuweilen verkannten – Werken der Neuen Musik oder der klassischen Moderne. Ein Abend in der Kölner Philharmonie führte das exemplarisch vor – auf eine Weise, die er selbst kaum geplant haben dürfte.

Worum es ging, war schon in der Besetzung angelegt: Hier trat das WDR Sinfonieorchester mit der WDR Big Band zusammen, dazu eine Jazzsängerin – ein Programm aus zwei Uraufführungen und zwei späten Strawinsky-Werken, das vorführte, wie durchlässig die Grenzen zwischen Komposition und Improvisation, zwischen sinfonischer Strenge und Jazz inzwischen geworden sind. Und wie viel klangliche Freude in dieser Durchlässigkeit steckt.

Mehr als ein Zufall der Geschichte

Dass ausgerechnet Strawinsky am Anfang dieser Reihe stand, ist mehr als ein Zufall der Geschichte: Der Komponist war bei aller Strenge im Innersten ein Jazzliebhaber, der vom „Ragtime" bis zum „Ebony Concerto" für Woody Hermans Band die Nähe zur improvisierten Musik suchte, während Adorno und der Kreis um Schönberg den Jazz verächtlich von sich wiesen. Wie wenig die Lagergrenzen taugten, führten gleich zwei seiner Werke vor. Die „Variations. Aldous Huxley in memoriam" (1963/64) entfaltete das WDR Sinfonieorchester in kaum fünf Minuten aus einer einzigen Zwölftonreihe – Strawinsky, der vermeintliche Antipode, am Werkzeug des verfeindeten Lagers. Noch erstaunlicher und viel zu selten zu hören: die Ballettmusik „Agon" (1953–57), lauter kurze Nummern, jede anders besetzt, ein regelrechtes Kompendium der Klangfarben. Höfische Tanzformen des französischen Barock lädt er mit neuer Expressivität auf: eine markante Fanfare zweier Trompeten, eine gläserne Galliarde, die in Mandoline, Harfe und tiefen Streichern schimmert, ehe das Pas de deux die Solovioline ins lyrische Zentrum rückt. Voll zwölftönig ist all das – und doch von einer tänzerischen Leichtigkeit, die jeder Theorie davonläuft.

Zuvor hatte der Abend mit einer Uraufführung begonnen, die hörbar machte, dass in der jungen Komponistengeneration eine neue Empfindsamkeit aufblüht: Anda Kryezius „Timestamps – everything leaves a Trace". Die 1993 im Kosovo geborene Komponistin spannt ein fragiles Gefüge aus eng geführten Linien, die sich leise gegeneinander reiben – eine Dissonanz nicht als Härte, sondern als Unbehagen über den Zustand der Welt. Eindrücklich ist Kryezius sichtbare Dramaturgie: Einzelne Musikerinnen und Musiker erheben sich aus dem Klang, treten als Individuen aus der namenlosen Masse heraus. Wir sind keine Masse, wir sind nicht anonym, es gibt uns als Menschen – eine klare, fast trotzige Botschaft, die zuletzt in eine Klangwelt mündet, die etwas Lyrisches, beinahe Süßliches annimmt. Hier darf wieder gefühlt werden.

Improvisierte Lockerung und notierte Präzision sind kein Widerspruch

Das Finale aber gehörte Alex Paxton – und ihm gehörte der Jubel. „Tunes to Live With" führt WDR Big Band, Sinfonieorchester und die Sängerin Sofia Jernberg zusammen. Der 1990 geborene Posaunist und „Maximalist" lässt Barockgesten, Folk und Jazzidiome in einem hyperaktiven Klangrausch aufgehen: verspielt, oft fast naiv, mit hörbarer Lust an Humor und Unterhaltung – und darunter hochkomplex. Hier ist erlaubt, was die Neue Musik sich lange verbat. Tragendes Gelenk dieses Hybrids war die WDR Big Band: Eine solche Versuchsanordnung funktioniert nur, wenn ein Klangkörper bruchlos zwischen notierter Präzision und improvisatorischer Lockerung wechselt. Genau das leisten diese Vollprofis – mal mit orchestraler Disziplin im großen Verbund, mal mit der Beweglichkeit einer kleinen Combo, nie ohne die rhythmische Spur. Wie sensibel, bunt und auf den Punkt sich vor allem die Saxophone einbrachten, wie Schlagwerk und Streicher mit ihnen verschmolzen, das changierte zwischen Märchenwelt und Gospel, mit einer Prise Sun Ra. Über diesem heiteren Gewoge versah Sofia Jernberg den Klang mit vokalem Glanz; nicht umsonst hatte selbst der Dirigent das Jackett gegen ein farbenfrohes Hemd getauscht.

So ausgelassen kann es zugehen auf einer Reihe, die der Neuen Musik verpflichtet ist. Bei aller Schrägheit war es eine spielerische Meisterleistung, in die sich alle Beteiligten zunehmend energetischer hineingruben, bis es das Publikum fast von den Sitzen riss. Wo eine Big Band so selbstverständlich neben dem Sinfonieorchester aufspielt, haben die alten Genregrenzen endgültig ausgedient.

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