Der Berg spielte mit
Eine Festivalnachlese zum Südtirol Jazzfestival Alto Adige 2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper
Ein paar Tage ist es her, und noch immer klingt es nach. Zehn Tage Südtirol Jazzfestival Alto Adige, zehn Tage zwischen Bergwiese und Mitternachtskeller – und jetzt, mit etwas Abstand, ordnet sich der Rausch der Eindrücke zu einer Erinnerung, die man nur ungern verblassen lässt. Also: Revue passieren lassen.
Was zuerst zurückkehrt, ist das Bild zweier Fremder. In den „Sonic Reactions" treffen Musiker ohne jede Absprache aufeinander; weil kurzfristig ein Klavier gebraucht wird, weicht das Duo Anaïs Drago und Kit Downes ins dicht gedrängte Festivalbüro aus. Man erinnert sich an das Tastende, Körperliche, an Impulse, die wie Bälle hin- und herflogen, bis der Klang in der zweiten Hälfte zündete und aus zwei Einzelnen ein gemeinsamer wurde. Ähnlich haftet die Erinnerung an Matteo Paggi und die Französin Rafaëlle Rinaudo, die ihre Harfe kurzerhand mit der Hotel-Zimmerkarte anriss.
Dass so viel drinnen geschah, war kein Kalkül: Zogen nachmittags Gewitter auf, erzwangen sie Verlegungen – längst eingespielte Routine, die den Konzerten nie etwas anhaben konnte. Im Gegenteil, sie schuf jene intime Nähe, die in der Erinnerung besonders leuchtet.
Kit Downes kehrt gleich noch einmal wieder, diesmal allein. In der barocken Stiftspfarrkirche Gries entlockte er einer Orgel, was ihr der Kirchenalltag nie abverlangt: Glissandi und Mikrointervalle, möglich nur dank ihrer „altmodischen" mechanischen Trakturen. Erst hohe Pfeifen, fast nach Morricone, dann Regersche Farbschichten – und dann dieser jähe Absturz des Tutti-Clusters, wenn Downes den Pfeifen einfach den Wind abstellte. Ein Moment, der haften bleibt.
Überhaupt die jungen Entdeckungen, für die dieses Festival ein Gespür hat. Das Trio um die Lausanner Kontrabassistin Louise Knobil, ausgewichen in die Wohnzimmeratmosphäre des Hotels Bad Ratzes, bleibt als swingende Miniatur in Erinnerung – aus französischem Sprechgesang, Kontrabass, der Bassklarinette von Chloé Marsigny und Vincent Andreaes Schlagzeug, aus denen sich hin und wieder kollektive Improvisationen in einen imaginären Sternenhimmel schraubten.
Und dann sind da die Bilder von oben. Hoch auf dem Vigiljoch, in einem Mittagskonzert vor mächtiger Kulisse, umarmte das norwegische Duo Sissel Vera Pettersen und Eirik Hegdal die Landschaft: lange, offene Stücke, lyrisches Saxofon, Klarinette, eine instrumental geführte Stimme – synchron mit heißen Windstößen und dem fernen Bimmeln der Kuhglocken. Solche Höhenkonzerte haben dem Festival seinen weltweiten Ruf verschafft, und man versteht sofort, warum.
Doch die Erinnerung führt genauso in die Stadt. Vor dem WaltherPark, dieser neuen Konsumkathedrale voller Fashion-Outlets, lieferte Team Hegdal um denselben Eirik Hegdal am heißesten Abend den heißesten Jazz, mit Gard Nilssen am Schlagzeug, der zuvor schon sein Supersonic Orchestra durchs Festival gejagt hatte. Was da geschah, war die Emanzipation des europäischen Jazz in Reinform: die Loslösung von den afroamerikanischen Wurzeln, ohne deren pulsierende Energie je preiszugeben – ein Kollektiv, in dem nordische Klarheit und die alte, heiße Ekstase des Swing zu einer einzigen Bewegung verschmolzen. Nachklang anderer Art: Paggi und Andrea Grossi vertonten in Kooperation mit dem Bolzano Film Festival katalanische Amateur-Avantgarde der Zwischenkriegszeit zu einem suggestiven, manchmal surrealen Klang-Bilder-Rausch.
Am längsten aber hält der Nachhall der Nächte. In My End Is My Beginning entfalteten die skandinavischen Stimmen von Isabel Sörling und Linda Oláh über den Flächen eines modularen Synthesizers einen elfengleichen Gesang, der erst durch Technobeats, Trockeneis, Nebel und Stroboskop zu dem wurde, was er war: ein kollektiver Schwebezustand tief im Keller. Und dann Kabarila, das improvisierte Tanzritual von Lukas Kranzelbinder, der sich mitten im Set auf den Boden legte, sein sparsames Ostinato auf der marokkanischen Guembri weiterspielte – und dem nach und nach der ganze Keller folgte, sich ausstreckte, die Arme reckte, imaginäre Tanzfiguren in die Luft zeichnete.
Was von alldem bleibt? Vor allem der Eindruck, dass die Rechnung aufgeht. Die Konzerträume waren spürbar voller und jünger, die Zahlen bestätigen den Trend – Ergebnis eines Leitungstrios, das 2023 das Erbe von Klaus Widmann übernahm und es beharrlich in die Gegenwart trägt. Stefan Festini Cucco freut sich, und doch bleibt bei ihm eine produktive Unruhe: die offene Sorge vor dem Moment, in dem so ein Aufstieg seinen Höhepunkt erreicht. Vielleicht liegt genau darin das Reifezeugnis dieses Festivals – in der Weigerung, das Erreichte für gesichert zu halten, und in der Bereitschaft, sich Jahr für Jahr wieder ins Offene zu begeben.













