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„Den Raum“ überzeugte als Choreografie

Frank Niehusmann und Matthias Reckert in der Maschinenhalle Friedlicher Nachbar

Bochum, 15.09.2026
TEXT: Heinrich Brinkmöller-Becker | FOTO: Heinrich Brinkmöller-Becker

Nicht nur die Ruhrtriennale vermag aktuell den Industriedenkmälern in der Region kulturelle Höhepunkte zu verschaffen: In der Maschinenhalle Friedlicher Nachbar in dem alten Steinkohlebergwerk in Bochum-Linden war mit Frank Niehusmann und Matthias Reckert eine berührend-luzide Performance zu erleben.

In der mit ‚Den Raum‘ betitelten Choreographie bieten der Experte für Elektroakustik und der Hausherr der Maschinenhalle etwas ganz Besonderes: Ein Parcours mit skulpturalen Formen aus „Fundstücken“ aus den Kellerräumen und dem Tunnelsystem der Maschinenhalle bildet die Stationen für ein visuell-akustisches Spiel mit zwei Personen, ja, ihnen gelingt ein im Sinne Mauricio Kagels „Instrumentales Theater“ in Reinkultur, bestehend aus einer Komposition aus Musik, Klängen, Raum, Mimik, Gestik, Requisiten, Licht.

Eingestimmt wird das Publikum mit abstrakten und marimbahaften Tönen aus der Niehusmann’schen Soundmaschine über eine 4-Kanal-Tonanlage. Beide Akteure schieben mit lautem Getöse einen Rollwagen mit allerlei Fundus in den Fokus des Geschehens und markieren damit neben den Computer-Klängen die zweite akustische Quelle der Performance: das industrielle Material, das vor allem Matthias Reckert zum Teil zu Kunst-Objekten mit Sound-Potential konstruiert hat. Und so verläuft die Choreographie präzise in der Abfolge von elektronischen Einspielungen mit freien Wellenformen und teilweise instrumentalen Sounds etwa von Posaunen und Streichern und den szenisch-musikalischen Einlagen der beiden Protagonisten. Sie entfalten ein visuell-akustisches Panoptikum von skurrilen Einfällen: Metallkugeln laufen eine Rinne herunter und pendeln so lange auf einer schiefen Ebene, bis sie mit einem Plopp diese verlassen. Niehusmann schrappt mit einer metallenen Schneeschüppe über den Metallboden, ein Faden wird über Abluftrohr gezogen, ein kleiner Propeller dreht sich in einem Kreisel, Stangen werden über den Boden gezogen, ein Abflussrohr wird mit Schlägeln traktiert. Eine Werkbank mit Transmissionsriemen suggeriert Bewegung. In einer Parallelaktion von beiden Künstlern arbeitet sich eine Schraube eine Stange herunter, deren Geräusch durch einen Holzkasten als Resonanzraum verstärkt wird. Mit einem Schlägel werden mal eine Holzkiste, mal ein Abflussrohr traktiert. Eine wuchtige Zange erzeugt in einer Kreisbewegung über den Boden einen eigentümlichen Sound. Dies gilt auch für den akrobatischen Tanz von Frank Niehusmann, indem er auf einer Metallplatte surft - Bewegung und Akustik in wunderbarer Symbiose. Metallene Materialität in immer neuen Varianten dominiert, was bei den objets trouvés in der Maschinenhalle auch wenig verwundert.

Verblüffend bei der gesamten Performance ist das geradezu perfekte Timing: Die 31 Szenen fügen sich genau ein in die Computer-Einspielungen der elektronischen Musik. Die Choreographie muss etliche Male geprobt und zeitlich abgestimmt sein, damit dieses Zusammenspiel so reibungslos funktioniert.

Der Abend lebt auch von dem szenischen Zusammenspiel der beiden Akteure. Sie sind in jeder Szene miteinander interaktionell verbunden. So treten sie zum Beispiel in einen „Dialog“ mit Bremsscheiben als Perkussionsinstrument. Der eine fegt Metallstücke, der andere bewegt dazu den Fuß eines Metallständers… Frank Niehusmann schreitet mit mönchischer Strenge und durchgestrecktem Körper durch die Halle, seinem Antagonisten entweicht mitunter auch einmal ein Lächeln.

Die Interaktionen sind in geschickter Zwei-Personen-Dynamik auch mit komischen Elementen durchsetzt, etwa wenn die beiden Akteure ein trotziges Zwiegespräch mithilfe von Metallplättchen führen, das seinen Höhepunkt erreicht, wenn Reckert zum Szenenende entnervt einen ganzen Karton mit lautem Metall-Getöse entleert. Dieser stumme laute Dialog erinnert an den absurden Beckett‘schen Kosmos. Das Auflachen im Publikum und auch die konzentrierte Ruhe bei den Darbietungen zeigen auch, dass die musiktheatralische Form der Performance ausgesprochen positiv aufgenommen wird. Vielleicht erhöht diese auch die Akzeptanz für Musikgattungen außerhalb des Mainstreams.

Für den Parcours erweist sich die Maschinenhalle mit ihrer Größe und Akustik, mit ihrer architektonischen Ästhetik als idealer Raum. Interessant ist auch die Lichtdramaturgie, die mit zunehmender Dunkelheit draußen die Halle aufteilt in eine freundlich-warme und eher kalte Lichtzone.

Das Schlussbild im Halbdunkel präsentiert noch einmal ein visuelles Schmankerl: Von der Hallendecke löst sich eine silbrig-violette Spiegelfolie und rollt effektvoll auf den Boden zu einem ansehnlichen Knäuel.

Ein begeistertes Publikum honorierte die Performance mit jubelndem Beifall.

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