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Den bösen Wolf bezwingen

Eindrücke vom 55. Moers-Festival 2026

Moers, 28.05.2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper

Glühende Abendsonne über dem Kastellplatz, brachial klingende selbstgebaute Instrumente, die das Ordnungsamt auf den Plan rufen, ein Bach-Choral als Erlösung und dazwischen ein bellender Hund, der ein Morton-Feldman-Konzert crasht: Das 55. moers festival stellt zu Pfingsten alles auf Anfang. Nach einem Jahrzehnt in der Festivalhalle am Stadtrand kehrt es zurück in die Innenstadt – fünf Tage statt vier, eine große Freiluftbühne am Kastellplatz, dazu Kirchen, Clubs und zahlreiche weitere Spielorte drinnen wie draußen. Und drumherum Menschen aller Altersgruppen, die reichlich kommen – mit ebenso vielen kontroversen Meinungen zum neuen Konzept.

Den Auftakt setzt am Donnerstagabend die WDR Big Band auf dem Kastellplatz – ein Eröffnungskonzert als freundliche Begrüßungsgeste, ein Geschenk an die Stadt: Für die Moerserinnen und Moerser ist der Eintritt frei. Konsensfähige Klangwelten zunächst, große Wärme im Spiel des südafrikanischen Pianisten Nduduzo Makhathini. Eine noble Geste – und doch ein Programm, das sich seine Schärfe bewusst für später aufhebt. Schon im nächsten Set mit SORBD verdichtet sich die Atmosphäre: Free Jazz auf höchstem Niveau und zugleich zugänglich, ja verspielt. Dass sich das vereinen lässt, beweist Moers gleich am ersten Abend.

Die bösen Wölfe

Am Ende soll das Monster sterben. Teil drei von Gellért Szabós „Der moderne Mensch und der heilige Berg“ steuert auf der Open-Air-Bühne auf einen verstörenden Höhepunkt zu. Szabó selbst tobt, fuchtelt, treibt – und das wirkt umso furchteinflößender, als sein Leipziger Ideal Orchestra dieser Raserei eine geradezu unheimliche Präzision entgegensetzt. Ein bizarres Hochamt aus Klangmassen und schauspielerischer Eruption, das zwei Tage zuvor in St. Josef noch auf ganz anderer spiritueller Wellenlänge funkte, als plötzlich ein Bach-Choral Erlösung spendete.

Erlöst werden soll das Publikum von jenem Donald Trump, der in den Videoeinspielungen des Schauspielers Thomas Hesse immer wieder auftaucht und die Bands satirisch ankündigt – das Monster, das zu Macht gelangt, wenn man es lässt. Manche reagieren aggressiv auf diese theatrale Provokation: Musikgenuss brauche keine Diktatoren. Doch Gleichgültigkeit, so die Gegenrede des Abends, lasse die bösen Wölfe erst groß werden. Genau deshalb will Moers sein Publikum auch bei aller neuen Nähe zum Stadtleben programmatisch aus der Komfortzone reißen.

Moersify

Die Open-Air-Bühne am Kastellplatz erweist sich dabei als erstaunlich starker neuer Ort. Einen profanen Stadtraum für ein paar Tage in etwas vollkommen anderes zu verwandeln – genau darin liegt der Reiz. Früher im Freizeitpark flutete das bürgerliche Publikum am Pfingstsonntag die Zeltstadt oft mit voyeuristischem Blick. Jetzt ist das Festival den Moersern unmittelbar auf die Pelle gerückt; eine Trennung zwischen drinnen und draußen existiert kaum noch. Dazu kommt durchgehendes Hochsommerwetter über alle fünf Tage: Badespaß im benachbarten Naturfreibad, beschallt von den Ghost Dogs, einer Blues-Funk-Combo aus Moerser Urgesteinen und Lokalmatadoren, mit denen Tim Isfort einst selbst spielte. Auch das ist eine Form von „Moersify“, während nebenan Kinder die Wasserrutsche hinunterjagen.

In diesem Setting muss sich ausgerechnet eine der leisesten Musiken überhaupt behaupten: Morton Feldmans Rothko Chapel als Abgesang auf den Festivaltag mitten im Trubel der aufgeheizten Stadt. Tatsächlich geben Hunderte diesem extrem leisen Stück eine Chance und lauschen konzentriert – trotz massiver Störgeräusche. Vom Eiscafé klirren Löffel herüber, Roller tuckern vorbei, irgendwo lacht eine Gruppe. Die Stadt wird zur eigenen Geräuschpartitur.

Anders als John Cages offene Klangräume vertragen Feldmans fein gewebte Texturen das Eindringen von außen eigentlich schlecht – und der Kastellplatz zieht zwangsläufig auch Menschen an, die mit dem Festival nichts zu tun haben wollen. Umso stärker wirkt das konzentrierte Zuhören als soziale Geste.

Geschützter verläuft im Alten Landratsamt die zweite Hommage zum hundertsten Geburtstag – diesmal an György Kurtág: Auszüge aus den Kafka-Fragmenten für Sopran und Violine, jene aphoristisch zugespitzten Miniaturen, in denen jeder Atemzug zählt. Ein konzentrierter Gegenpol zum offenen Klanggeschehen draußen.

Die Welt am Niederrhein

Künstlerischer Aufruhr bleibt in Moers eine globale Angelegenheit. Riesiger Aufwand wird betrieben, um die ganze Welt an den Niederrhein einzuladen. Man muss das indonesische Duo Senyawa nur einmal erlebt haben: Wukir Suryadi bearbeitet sein elektrifiziertes Bambusinstrument, Rully Shabara hält mit erweiterter Vokaltechnik dagegen – mal Schrei, mal Gesang, mal Beschwörung. Gemeinsam türmen sie Drones zwischen Death Metal und Industrial auf, die schließlich sogar das Ordnungsamt auf den Plan rufen. Für Festivalleiter Tim Isfort eher ein Kompliment.

Musik mit Dreck unter den Fingernägeln gehört zum Kerngeschäft von Moers. Vor allem Frankreich setzt in dieser Hinsicht Akzente: Die junge Band Bonbon Flamme verbindet Metal-Einflüsse und Free Jazz, während Valentin Ceccaldi sein Cello bearbeitet, als wolle er dem Instrument die letzten Geheimnisse entreißen. Wie nah sich scheinbar fremde Welten kommen können, zeigt Burned Roads of Myanmar: Wenn Jan Klare in die unisono geführten Melodien der burmesischen Musiker einstiegt, liegt plötzlich nur ein Wimpernschlag zwischen traditioneller Spielkunst aus Myanmar und dem freien, melodisch verschlungenen Gestus Ornette Colemans.

Gegenpole

Empfindsame Gegenpole fehlen dennoch nicht. Bereits am Eröffnungsabend baut die Isländerin Lilja María Ásmundsdóttir in der Studiobühne des Schlosstheaters mit presence of a voice ihre Instrumente selbst – bizarre Konstrukte aus Saiten und Elektronik, aus denen sich allmählich eine naturhafte, elementare Lyrik emporschraubt. Erst muss man sich hineinfinden, am Ende applaudieren alle. Auch das ist Moers: die Geduld eines Publikums mit dem zunächst Sperrigen. Beeindruckend bleibt zudem, wie sich die Musikerinnen und Musiker ständig über mehrere Spielorte und neue Besetzungen verteilen. Vibraphonist Jim Hart taucht gleich in mehreren Konstellationen auf – mal in feinen Duosets im Bollwerk, mal in der Formation der diesjährigen Improviser in Residence Evi Filippou. Vor allem im zweiten Teil wird dort plötzlich ein Schalter umgelegt: Die Schlagwerker fallen übereinander her, ein perkussiver Sog entsteht, der alles mitreißt.

Die Rückkehr der Dunkelheit

Der hohe Andrang zeigt allerdings auch die Grenzen des neuen Konzepts. Viele kleine Spielorte sind im Nu überfüllt; wer zu spät kommt, bleibt draußen. Die eigentliche Antithese formuliert das Festival jedoch selbst – mit einem einzigen Konzert in der ehemaligen Festivalhalle, heute nur noch Enni-Eventhalle genannt. Nach der gleißenden Sonne draußen muss man sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Doch dann ist alles sofort wieder da: Die Klangmassen der Schlagzeuger Ches Smith und Chris Corsano, dazu Nate Wooleys siedend heiße Trompete, durchschneiden die Finsternis regelrecht. Schon nach Sekunden stellt sich jene fokussierte Intensität ein, in der sich alles vereint: Musik, Raumakustik, äußerste Hingabe und die Möglichkeit, sich hörend vollkommen zu versenken. Draußen im offenen Stadtraum läuft immer etwas mit. Hier sitzt man im Dunkeln und ist nur noch Ohr. Dieses spontan zusammengestellte Trio bündelt den kreativen Aufruhr des Festivals konzentrierter als alles andere – und wird damit dem hundertsten Geburtstag von Miles Davis weit mehr gerecht als die wohlerzogene Perfektion eines amerikanischen Jazztrios, das tags zuvor auf der Hauptbühne lief. Wie auch immer: Die vor zehn Jahren mit immensen Fördermitteln eigens für das Festival ertüchtigte Halle bleibt als konzentrierter Konzertort allen anderen Lösungen haushoch überlegen.

Die eigene Unruhe

Wärmende Abendsonne, Sommermärchen-Stimmung mitten in der Stadt – Musik feiern lässt sich auf dem Kastellplatz wunderbar. Exemplarisch dafür Gordon Grdinas RU’YA, in der persische und arabische Einflüsse zusammenfinden: die starke Sängerin Ghalia Benali, Grdina selbst an Oud und Gitarre – und Texte, die den Finger in brennende Wunden legen, etwa wenn es um Gaza geht. Dann jener Moment, in dem die arabisch gefärbte Musik in freie Improvisation kippt: zwei Welten, die einander hörbar hochschaukeln. Spannend auch, Christian Lillinger einmal nicht als freien Improvisator zu erleben, sondern als zupackenden Motor einer treibenden Rhythmusgruppe. Und ja – diese Musik rockt gewaltig.

Dieser Relaunch, der auf Anhieb eine erfreulich neue Publikumsdurchmischung hervorbringt – jünger, gemischter, unvorhersehbarer –, schafft neue soziale Andockpunkte für die mittlerweile 55 Jahre andauernde Mission von Moers. Am Ende dieser erstmals fünftägigen Ausgabe bleibt das Bild eines Festivals, das sein Überlebenselixier aus der eigenen Unruhe gewinnt. Tim Isfort denkt das Festival mit großer Beweglichkeit Jahr für Jahr neu, während andernorts viele Veranstaltungen längst zu statischen Gefäßen erstarrt sind. Allen Wölfen zum Trotz ist diese Ausgabe ein gutes Festival. Ob es das bestmögliche ist, solange sein stärkster und aufwendigster Spielort weitgehend still bleibt, wird die Zukunft beantworten müssen. Denn worum es in Moers seit 55 Jahren geht, bleibt unverhandelbar: um die Qualität der Musik – und mindestens ebenso um die Qualität ihres Erlebens.





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