Johanna Borchert & Miles Perkin
The Match im Dortmunder domicil
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Kristina Zalesskaya
Wo auf dem Album Studioproduktion dominiert, legte das Duo im domicil den akustischen Kern dieser Musik frei – ein umso eindringlicherer Abend. Die in Kopenhagen lebende Pianistin Johanna Borchert und der kanadische, in Berlin ansässige Kontrabassist Miles Perkin nennen ihr Duo „The Match". Ihr im März auf enja/Yellowbird erschienenes Debüt ist durchkomponiert, elektronisch angereichert, sorgfältig produziert. Der Abend im Dortmunder domicil klang anders: akustisch, filigran, auf das Wesentliche reduziert. Nach dreißig Sekunden war klar: Das reicht. Sogar mehr als.
Beide spielen, beide singen, beide komponieren – die neun Songs stammen zu gleichen Teilen von Borchert und Perkin. Diese Symmetrie ist kein Konzept, sie ist hörbar. Borchert moderiert knapp an, spricht von Beziehungen, vom Leben, von allem, was es mit einem Menschen macht. Eine Rush Hour des Lebens schwingt mit – Existenzkampf als freie Musikerin, Familie, Beziehungsarbeit –, nie als Programm, immer als Tiefe, die sich nicht vortäuschen lässt.
Existenzielle Verletzlichkeit
Alle Stücke kreisen um solche Stadien existenzieller Verletzlichkeit. Die Texte benennen sie, die Klänge gehen weiter. „Last in the Pack" handelt vom Loslassen, von einer Beziehung, die ihren Anfang nicht mehr findet. Das große Rad aber dreht Borcherts „Repairing": Schicht für Schicht baut sie das Stück auf, das Klavier phrasiert dynamisch und ausdrucksstark, Perkins Bass legt sich darunter wie ein dunkler Ozean. Die schweren Themen hat sie in diesem Song in Bilder aus Erosion und Gletschern verwandelt. Ist das alles noch reparierbar? Das Konzert im domicil gibt keine Antwort – aber die Klänge laden zum Weiterdenken ein.
Perkins „Beneath the Undertow" verhandelt dieselbe Verletzlichkeit aus seiner Perspektive: den Druck des Musikerlebens, die Selbstzweifel, lakonisch und ohne Pathos. Wenn seine Stimme einsetzt und Borcherts Gesang sich dazulegt, reibt sich die Mehrstimmigkeit, wird zerbrechlich - manchmal so zart, dass man meint, sie zerbricht, wenn jemand zu laut atmet. Und darunter öffnet sich eine Dunkelheit wie ein Strom, der einen runterzieht. Beides passiert gleichzeitig – genau auf dieser Kante passiert die Musik. Die folgenden Songs verdichten das weiter: hymnisches Aufatmen in „Under We Go", kühle Konfrontation in „Losing It", sieben Minuten „Dark Again", in denen das Dunkle immer wiederkehrt und gerade darin Zärtlichkeit freilegt. „Just as I Was Told" setzt schließlich den lakonischen Schlusspunkt dieser Reise ins Innere. Noch eine Sache macht die Überzeugungskraft dieses Duos aus: Bei aller Gefühlsskala bleibt die Architektur der Arrangements und Improvisatioen fokussiert. Nichts verzettelt sich und jeder Bogen wird zu Ende gedacht. Vor allem, zu Ende gefühlt.
Den Raum aufladen
Borchert schiebt Stäbe und Bogenhaare in die Klaviersaiten – auch kleine Rituale wie diese tragen dazu bei, den Raum jedes Mal neu aufzuladen. Was herauskommt, ist mehr als Klavier. Es atmet. Perkins Bass steht direkt neben ihr, mal gestrichen, mal perkussiv traktiert, bisweilen eine ganze Begleitband für sich. Er stammt aus den Weiten Kanadas und man hört diesen Raum und diesen weiten Himmel. So etwas kann man nicht lernen. Das muss man gelebt haben. Sie beide beherrschen ihre Instrumente auf Höchstlevel, aber sie verstecken sich nicht hinter ihren Instrumenten. Eben, weil sie zeigen, wie es in ihnen aussieht. Das Publikum antwortete im domicil mit einer tiefen Ruhe und Konzentration, die man nicht erzwingen kann.
Fast fünf Jahre hat der Schöpfungsprozess für das Album gedauert, erzählt Borchert später am CD-Stand. An diesem Abend aber war zu spüren: Hier ist längst nicht alles gesagt. Ein neues, auf der Platte nicht vorhandenes Stück mit spektakulärer perkussiver Textur auf dem Bass hatte zuvor bereits die Richtung angedeutet. Die nächste Gelegenheit kommt bald: Am 24. April treten Borchert und Perkin bei der Clubnight der jazzahead in der Bremer Kulturkirche St. Stephani auf – unter dem Titel „The Match & PULSE" erweitert um ein Streichquartett. Wer im domicil dabei war, ahnt, was das bedeuten könnte.

















