Bunter kann es kaum klingen
Das Vilnius Jazz Festival 2006 überrascht jedes Mal aufs Neue
TEXT: Christoph Giese | FOTO: Vygintas Skaraitis, Greta Skaraitiene & Tomas Terekas
Dieses Jahr stand Portugal im Fokus der 39. Ausgabe des Vilnius Jazz Festival. Ein Land dessen kreative Jazzszene noch immer nicht überall bekannt ist. Antanas Gustys lud gleich mehrere Projekte von der iberischen Halbinsel in Litauens wunderschöne Hauptstadt ein, dazu noch den Musikproduzenten, Festival-Kurator und Gründer vom Jazzlabel Clean Feed Records, Pedro Costa. Zum Festival-Auftakt spielte der Bassist Hugo Carvalhais aus Porto mit seinem Projekt Oblong Emission. Sechs Musiker, fünf aus Portugal wie Drummer Mário Costa oder Saxofonist Fábio Almeida, trafen dabei auf einen der großen Meister der improvisierten Musik Litauens, den so vielseitigen Holzbläser Liudas Mockūnas. Ein Match das super funktionierte, denn die frei fließende, spacige Musik von Carvalhais bot Mockūnas, aber auch den anderen Beteiligten, genau die Räume für spannende Improvisationen. Dennoch war das hier kein Free-Konzert, die Musik war zugänglich und strukturiert und doch auch experimentell und wild. Eine aufregende Kombination.
Abend Nummer zwei beim Festival und schon wieder steht eine portugiesische Band auf der Bühne, die wiederum total begeistert. Das Quartett Garfo („Gabel“ auf Deutsch) gibt es schon seit 2019, dennoch sind alle vier Bandmitglieder noch junge Musiker. Und man hört, dass diese vier Burschen schon so lange zusammen Musik machen. Denn alles ist bei ihnen und zwischen ihnen möglich. Jeder kann den Part eines anderen spielen. Zwischen zwei Stücken ganz plötzlich mal hin und her zu wechseln, auch kein Problem für Saxofonist und Bandleader Bernardo Tinoco, Trompeter João Almeida, Kontrabassist João Fragoso und Schlagzeuger João Sousa. Freie Improvisationen verbindet dieser lusophone Vierer mit komplexen und dennoch immer wieder wunderbar groovenden, rhythmischen Strukturen zu einer offenen und sehr kommunikativen Musik. Eine einzige, durchgängige Freude dem live zuzuhören.
Trompeter und Kornettist Rob Mazurek durfte sich gleich an zwei Abenden hintereinander beim Vilnius Jazz präsentieren. Im Trio São Paulo Underground mit den beiden Brasilianern Guilherme Granado (Tasteninstrumente, Sampler) und Mauricio Takara (Schlagwerk und Electronics) blieb der US-Amerikaner selbst eher blass, kam über Plattitüden in seinem Spiel selten heraus. Dabei kreierten seine beiden Begleiter rhythmisch superlebendige, schillernde Soundscapes, eigentlich eine perfekte Rampe für Mazurek. Mit seinem Exploding Star Orchestra tags darauf, wieder mit den beiden Brasilianern vom Trio, dazu weiteren, illustren Musikern wie Drummer Hamid Drake, Vibrafonist Pasquale Mirra oder Vokalist Rodrigo Brandão, nahm Mazurek das Publikum mit auf eine am Ende mitreißende, kosmische Reise aus komplexen Verflechtungen aus spacigen Melodien und Rhythmen. Streng komponiert, aber mit Freiheiten ausgestattet. Mal lässt Sun Ra grüßen, mal überbordet die Ausgelassenheit. Avantgarde-Musik, die zwar nichts Überraschendes bot, aber sehr lebendig und bunt klang.
Litauens Super-Saxofonist Liudas Mockūnas stand nach seinem Gastspiel mit den Portugiesen am ersten Konzertabend drei Tage später mit seinem rein litauischen, ungewöhnlich instrumentiertem Quartett Ward no. 4 wiederum auf der Bühne des wunderschönen Alten Theaters von Vilnius. Mit Pianist und Schlagzeuger Arnas Mikalkėnas lieferte er sich zauberhafte Zwiegespräche, kommentiert, interpretiert und verdichtet von den beiden Tuba-Spielern Mikas Kurtinaitis und Simonas Kaupinis mit ihren tiefen, brummenden Frequenzen. Viele tiefe Töne gab es auch vom Saxofonisten selbst zu hören in diesem ungewöhnlichen Soundkosmos.
Eine boomende, junge Jazzszene
Auch in diesem Jahr hatte das Festival kleine Vorträge im Programm. An drei Nachmittagen gab es sie wieder im beeindruckenden MO Museum. Spannend was Pedro Costa über sein Label Clean Feed Records, aber auch über die seit einigen Jahren nun boomende, junge, sich sehr verändert habende Jazzszene in seinem Heimatland erzählte.
Klänge aus Afrika schlossen das Festival. Zuerst mit dem vielköpfigen Ensemble des norwegischen Klarinettisten und Komponisten Andreas Røysum. Elf norwegische Musiker und Musikerinnen streiften vergnüglich, klanglich farbenfroh und vielsprachig durch zeitgenössische Musik, durch traditionellen Jazz, aber eben auch folkloristischen Klängen aus Nordafrika, Asien oder Norwegen, mit Røysum als subtilen Emsemble-Leiter. Musik zwischen strukturierten und freien Passagen, mit zwischendurch fast ritueller Intensität, die viel Spaß machte und den Spoken Word-Künstler Marvin Tate aus Chicago als Gast nicht unbedingt gebraucht hätte, dessen deklamierte Poetry an diesem Abend nämlich irgendwie ziemlich blass blieb. Und der südafrikanische Pianist Nduduzo Makhathini gestaltete mit seinem Trio zum Festivalabschluss sein Konzert wie eine spirituelle Zeremonie, zwischen traditionellem Jazz vom Kap, verbunden mit Gesang mit den typischen Klick-Lauten der Zulu-Sprache, gesampelten Sounds und Stimmen und einer wunderbaren Hommage an den in diesem Jahr verstorbenen, großen südafrikanischen Jazzpianisten Abdullah Ibrahim.















