Architekten des Ungehörten
Drei radikale Raumerfahrungen im WDR Funkhaus
TEXT: Bernd Dahms | FOTO: Bernd Dahms
Vergiss das klassische Konzertlayout! Wer die Reihe „Musik der Zeit“ im Kölner Funkhaus besuchte, fand sich nicht in einem starren Zuschauerraum wieder, sondern mitten in einem performativen Labor, einer Prozession und einer akustischen Sintflut. Drei Meilensteine der zeitgenössischen Musik machten unter der Leitung von Titus Engel unmissverständlich klar: Die Zukunft der Musik liegt in der Eroberung des Raumes. Dass die traditionsreiche Avantgarde-Reihe des WDR fast so alt ist wie der geschichtsträchtige Sendesaal selbst – in dem vor genau 75 Jahren Igor Strawinsky das Eröffnungskonzert dirigierte –, verlieh diesem zukunftsweisenden Saisonauftakt unter dem Titel „Ozeanische Gefühle“ eine besondere historische Tiefe.
Simon Steen-Andersen: „Korpus“ (2015) – Wenn Material zum Körper wird
Simon Steen-Andersen verweigert sich der reinen Abstraktion. In „Korpus“ schickte er das Publikum auf eine visuelle und haptische Forschungsreise. Das Stück holte die legendären, mikrotonalen Spezialinstrumente des amerikanischen Visionärs Harry Partch auf die Bühne: die massive Marimba Eroica, das Chromelodeon und den eigenwilligen Bloboy.
Was folgte, war keine brave Tonabfolge, sondern eine minutiös durchchoreografierte Performance, dargeboten vom herausragenden Ensemble Musikfabrik. Die Ausführenden wurden eins mit ihren Apparaturen. Jedes perkussive Schaben, jedes Klopfen auf den Resonanzkörpern und jedes mechanische Geräusch wurde visuell gecatcht. Steen-Andersen dekonstruiert unsere Hörgewohnheiten und feiert das Geräusch als rohes, physisches Material. Ein hyper-theatraler, ungemein körperlicher Einstieg, der die Grenze zwischen Musizieren und Performance-Kunst komplett einreißt.
Harrison Birtwistle: „Cortège“ (2007) – Das wandelsame Ritual
Mit Harrison Birtwistles „Cortège“ (A Ceremony for 14 Musicians) morphte der Konzertsaal endgültig in einen szenischen Raum. Der einstige Außenseiter der englischen Musikszene verlangt den Ausführenden hier ein Höchstmaß an Intimität ab: Das Ensemble agierte komplett ohne Dirigenten – geleitet nur von einem inneren, rituellen Puls.
Im Halbkreis formiert, spielten die 14 Solistinnen und Musiker das Werk vollständig auswendig. Sie mussten sich extrem aufeinander konzentrieren und spürbar sogar auf die gemeinsame Atmung achten. Nacheinander traten die Musiker aus dem Kollektiv heraus, bewegten sich in einer fließenden Prozession ins Zentrum der Bühne, um dort ihren solistischen Ausbruch zu spielen, bevor sie wie Trauernde an einem Grab wieder in der Masse versanken. Diese räumliche Dynamik gab der herben, rhythmisch extrem vertrackten Musik eine fast archaische, feierliche Schwere. Birtwistle begreift den Raum als formgebendes Element. Der Klang wandert, atmet und zwingt das Publikum, Musik als Bewegung im Raum zu begreifen.
John Luther Adams: „Become Ocean“ (2013) – Die immersive Urgewalt
Den absoluten Höhepunkt des Abends markierte John Luther Adams’ Orchester-Monolith „Become Ocean“. Wo Steen-Andersen seziert und Birtwistle choreografiert, da setzte Adams auf totale Immersion. Während Komponisten von Vivaldi bis Schubert das Element Wasser über Jahrhunderte hinweg als Spiegel der Seele oder malerische Naturgewalt beschrieben, gewinnt das nasse Element bei Adams eine existenzielle Dimension. Geprägt von vier Jahrzehnten in Alaska und seinem tiefen Engagement für die Umweltbewegung, reflektiert er die Bedrohung durch den Klimawandel fundamental.
Der Titel – ein Zitat von John Cage – entfaltete sich über gut 40 Minuten als ein gigantisches klangliches Palindrom. Drei im Raum verteilte Gruppen des WDR Sinfonieorchesters folgten ihren eigenen zeitlichen Schleifen und bauten riesige Klangwellen auf, die über dem Publikum zusammenschlugen. Die mikrotonalen Schwebungen und die schiere Dichte des Sounds erzeugten ein psychedelisches, physisch spürbares Meer aus Klang. Keine kitschige Naturromantik, sondern eine überwältigende, wunderschöne Urgewalt. Das Subjekt im Saal wurde komplett dezentriert – man konnte gar nicht anders, als in dieser akustischen Sintflut zu ertrinken. Es gelang dem Orchester meisterhaft, die Klimazerstörung nicht nur kognitiv verstehbar, sondern emotional begreifbar zu machen.
Fazit
Ein Abend, der im Gedächtnis bleibt, weil er die Musik aus dem Korsett des klassischen Konzertbetriebs befreit hat. Dem WDR Funkhaus und den beteiligten Musikerinnen und Musikern ist das Kunststück gelungen, die intellektuelle Tiefe dieser Stücke in ein absolut unmittelbares, rauschhaftes Erlebnis zu übersetzen. Ein fettes Ausrufezeichen für die lebendige Avantgarde zum 75. Geburtstag der Reihe!


