Als der Tag zur Nacht wurde
Ein Sommerabend mit OZMA auf der Seebühne
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper
Auf der schwimmenden Seebühne des Düsseldorfer asphalt festivals bewies die französische Band Ozma ein extraordinäres Gespür für Zeit, Ort und Stimmung. Was im letzten Sonnenlicht zart und melodiös begann, wuchs im Lauf des Abends zu einer musikalischen Großstadtreise heran – vom leisen Eintauchen bis zum rockigen Aufbrausen. So entstand eine starke Verbindung aus Sound, Licht, Wasser und einem konzentriert lauschenden Publikum.
Wer zum ersten Mal herkommt, den überrascht diese Seenlandschaft mitten in der Düsseldorfer City. Überragt von zwei chromglitzernden Hochhäusern, liegt der Schwanenspiegel an diesem traumhaften Sommerabend da. Auf der Rheinpromenade ringsum herrscht fast schon Strandatmosphäre, und genau diesem entspannten Sog trägt auch die Seebühne Rechnung. Die Sonne sinkt. Vom Wasser steigt eine wohltuende Kühle auf, und ein paar Schwäne ziehen unaufgeregt ihre Bahn.
Und wer Ozma bislang nur eine Industriehalle rocken hörte, wäre überrascht gewesen. Das Quintett um Schlagzeuger und Bandleader Stéphane Scharlé – mit Édouard Séro-Guillaume (Bass), Musina Ebobissé (Saxofon, Stimme), Martin Ferreyros (Gitarre) und Dan Jouravsky (Keyboards) – brachte hier ganz andere Nuancen zum Klingen. Das erste Set geriet leicht und melodiös: hochmusikalisch gewobene Akkorde, sanfte Harmoniewechsel, ein fein austarierter Gitarrenklang – eine besondere Art von Fusion Jazz, die mit Eleganz berührt, statt zu imponieren. Man hört hier die europäische Spielart des Jazzrock, die aus dessen elektrischen Anfängen eine eigene, klangfarbenbewusste Sprache entwickelt hat – Fusion nicht als glatte Virtuosenschau, sondern als atmosphärisch grundierte Musik. Das Schlagzeug taktet präzise, ohne zu viel Alarm zu machen; immer wieder lässt die Band einfach die Klangfarben sprechen, etwa in einem psychedelisch schimmernden Synthesizer-Solo. Manchmal lösten sich die verlässlichen Metren in fließende Meditationen auf, über denen der Saxofonist seine Rezitative erhob – sanfte Bögen, passend zum letzten Sonnenlicht des Abends.
Wenn das Temperament von der Leine gelassen wird
Doch dabei blieb es nicht. Der Tag ging, der Abend kam, und Ozma ließ das eigene Temperament immer mehr von der Leine. Ein sattes, organisches Crescendo kündigte den deutlich rockigeren zweiten Set an. Nun brachen aus kollektiven Improvisationen breite Klangflächen hervor, angetrieben von funkig ziehenden Grooves. Der Saxofonist stellte sich mit charismatischer Gesangsstimme vor seine Band. Die Stücke des aktuellen Albums „The Day We Decided To Live At Night" lebten in dieser nächtlichen Feierlaune auf einmal ganz anders auf. Denn ein solcher Ort braucht keine dystopischen Klangfarben, wie das Album sie stellenweise aufträgt. Auf der Seebühne bekamen dieselben Songs einen deutlich wärmeren Charakter – rockig, mit dem verschachtelten Formbewusstsein des Progressive Rock, dazwischen Downtempo-Balladen, psychedelische Gitarrensoli, das warme Sirren eines Fender Rhodes. Fusion Jazz, Funk, Progressive Rock – wie immer man diese Schubladen nennen möchte, Ozma bediente sie souverän, ohne sich je in einer allzu fest einzurichten. Hier treffen zwei Überlieferungen aufeinander: der funkgetriebene Groove-Jazz amerikanischer Prägung und das kompositorische Denken des europäischen Art- und Progressive Rock. Dass die Band diese Gegensätze nicht glättet, sondern gegeneinander spannt – Zartheit und Wucht, Fläche und Ausbruch, eruptives Zupacken und atmosphärische Zurücknahme –, macht die eigentliche Spannung dieser Musik aus.
Die beiden schicken Hochhäuser standen nun als dunkle Silhouetten über dem Wasser und der Abend geriet zur musikalischen Großstadtreise – ein Streifzug durch die nächtliche Metropole, ausgerechnet vom Wasser aus. Speziell war dabei das Hörerlebnis: Über Kopfhörer hörte man analytisch und ganz für sich, ein wenig auf Kosten der Live-Unmittelbarkeit; vorn aber kam der ungefilterte Sound von Schlagzeug und Röhrenverstärkern laut genug an. Dieses Setting auf dem See, längst ein Markenzeichen des asphalt festivals, wurde einst aus der Not geboren: In der Corona-Zeit war die schwimmende Bühne eine von vielen kreativen Open-Air-Lösungen – und eine der wenigen, die überlebt haben und dem Festival heute sein besonderes Gepräge geben. Ein Ort wie dieser will nicht einfach bespielt, er will erspürt werden. Genau darin lag Ozmas Kunst an diesem Abend: jenes Einfühlungsvermögen, mit dem die Band den Ort las und die Atmosphäre für alle noch verdichtete.










